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Zwischen Kairos, Mitte und Zange: Die Rede von Susan Sziborra-Seidlitz rhetorisch analysiert

Ein Präsident ist gewählt – und übernimmt noch nicht

Es gibt Augenblicke im parlamentarischen Betrieb, in denen der nächste Schritt beinahe selbstverständlich erscheint. Eine Wahl ist beendet, das Ergebnis wird verkündet, der Gewählte nimmt die Wahl an. Dann folgt die Amtsübernahme. So jedenfalls sieht die erwartbare Bewegung aus. Am 6. Oktober 2026 entsteht im Landtag von Sachsen-Anhalt jedoch zwischen diesen einzelnen Schritten ein kurzer Zwischenraum – und genau dort beginnt die Rede, die in diesem Beitrag im Mittelpunkt steht.

Der Landtag ist an diesem Dienstag zu seiner konstituierenden Sitzung zusammengekommen. Nach Angaben des Landtags Sachsen-Anhalt nehmen 82 der 83 Abgeordneten an dieser ersten Sitzung der 9. Wahlperiode teil. Eva von Angern von der Linken eröffnet sie um 11 Uhr als Alterspräsidentin. Die offizielle Dokumentation des Sitzungsverlaufs erläutert ihre besondere Funktion: Sie eröffnet die konstituierende Sitzung und bildet mit dem jüngsten weiblichen und dem jüngsten männlichen Mitglied den vorläufigen Sitzungsvorstand.

Nach der Feststellung der Beschlussfähigkeit, der Genehmigung der Tagesordnung, den Entscheidungen zur Geschäftsordnung und der Wahl der Schriftführerinnen und Schriftführer steht die Wahl des Landtagspräsidenten an. Die AfD-Fraktion hat Tobias Rausch vorgeschlagen. Bei der geheimen Abstimmung werden 82 gültige Stimmen abgegeben. Der Landtag veröffentlicht das Ergebnis mit 48 Ja-Stimmen, 29 Nein-Stimmen und fünf Enthaltungen. Damit ist Tobias Rausch zum Landtagspräsidenten gewählt.

Auch der MDR hält in seinem Liveticker zur konstituierenden Sitzung fest, dass Rausch die Wahl annimmt. Wer an dieser Stelle mit dem unmittelbaren Wechsel am Präsidentenpult rechnet, muss allerdings noch warten.

Eva von Angern führt die Sitzung zu diesem Zeitpunkt noch. Der neue Präsident ist gewählt und hat die Wahl angenommen, die Amtsübergabe ist jedoch noch nicht vollzogen. Nun meldet sich Susan Sziborra-Seidlitz, die Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, zu Wort. Der MDR beschreibt ihren Auftritt als Wortmeldung „unmittelbar nach der erfolgten Wahl von Tobias Rausch“. Noch präziser benennt der Tagesspiegel die institutionelle Situation: Sziborra-Seidlitz hält ihre Rede „vor der Amtsübergabe“.

Gerade die offizielle Reihenfolge im Sitzungsverlauf des Landtags ist für unsere spätere rhetorische Analyse aufschlussreich. Unter dem Tagesordnungspunkt zur Wahl des Präsidenten erscheinen nacheinander die Wahl, die Feststellung des Wahlergebnisses, Susan Sziborra-Seidlitz als Fraktionsvorsitzende und anschließend Tobias Rausch als Landtagspräsident. Was auf den ersten Blick nach einer kleinen Verfahrensfolge aussieht, erzeugt rhetorisch einen ausgesprochen interessanten Zwischenraum.

Merksatz: Der entscheidende Punkt dieser Redesituation liegt nicht einfach darin, dass Susan Sziborra-Seidlitz nach der Wahl spricht. Sie spricht, nachdem das Ergebnis feststeht und Tobias Rausch die Wahl angenommen hat, aber bevor die Amtsübergabe vollzogen ist und der neue Landtagspräsident selbst zum Parlament spricht.

Auf dem Papier mögen zwischen diesen Verfahrensschritten nur wenige Minuten liegen. Für eine rhetorische Analyse verändert ihre Reihenfolge jedoch die gesamte kommunikative Lage. Sziborra-Seidlitz redet nicht mehr in eine offene Wahlentscheidung hinein. Sie kann keinen Abgeordneten mehr umstimmen und die Wahl dieses Tages nicht durch ihre Rede verhindern. Das Ergebnis liegt bereits vor.

Gleichzeitig hat Tobias Rausch den parlamentarischen Raum noch nicht aus seiner neuen Amtsrolle heraus sprachlich besetzt. Die Dokumentation des Landtags führt seinen Auftritt als Landtagspräsident erst nach der Rede von Sziborra-Seidlitz auf. Für einige Minuten fallen deshalb zwei Dinge auseinander, die gewöhnlich eng zusammengehören: Die Entscheidung über das Amt ist bereits gefallen, seine öffentliche Übernahme im laufenden Sitzungsablauf steht aber noch bevor.

Gerade deshalb lohnt es sich, das Video dieser Sitzung nicht erst bei den später besonders häufig zitierten Sätzen der Grünen-Fraktionsvorsitzenden zu starten. Die rhetorische Situation beginnt früher. Sie beginnt mit einer feststehenden Wahl, einer noch nicht abgeschlossenen Amtsübergabe und einer Rednerin, die genau in diesen Zwischenraum tritt.

Sziborra-Seidlitz spricht also nicht, um noch um das Wahlergebnis zu ringen. Sie spricht über ein Ereignis, das wenige Augenblicke zuvor Wirklichkeit geworden ist. Zugleich geschieht ihre ausführliche politische Einordnung, bevor der Gewählte selbst aus der Position des Landtagspräsidenten seine erste Ansprache hält. Das ist zunächst eine belegbare Beschreibung der zeitlichen Reihenfolge; welche rhetorische Bedeutung diese Reihenfolge besitzt, ist bereits der nächste Schritt unserer Analyse.

Ebenso wenig lässt sich aus dem Ablauf allein ableiten, ob Susan Sziborra-Seidlitz diesen Zeitpunkt bewusst nach einem rhetorischen Konzept ausgewählt hat. Das kann ich nicht bestätigen. Beobachten und analysieren lässt sich dagegen sehr wohl, dass der Zeitpunkt verändert, was ihre Rede in diesem Moment überhaupt leisten kann. Hätte sie vor der Abstimmung gesprochen, wäre ihre Rede Teil eines noch offenen Entscheidungsprozesses gewesen. Hätte sie erst nach der Amtsübernahme und der ersten Ansprache des neuen Präsidenten gesprochen, hätte sie auf eine bereits erfolgte Selbstpositionierung des Amtsträgers reagieren müssen.

Zwischen diesen beiden Möglichkeiten liegt jener ungewöhnlich schmale Moment, den wir im nächsten Abschnitt genauer untersuchen müssen. Denn die Rhetorik beschäftigt sich seit der Antike mit der Frage, warum nicht allein entscheidend ist, was gesagt wird, sondern ebenso, wann es gesagt wird. Dafür besitzt sie einen Begriff, der für die weitere Analyse dieser Rede zur Leitspur werden wird: Kairos.

Warum wenige Minuten einen Unterschied machen

Wie stark der Zeitpunkt die Funktion einer Rede verändert, lässt sich an dieser Situation besonders gut erkennen. Dafür müssen wir den Wortlaut von Susan Sziborra-Seidlitz zunächst gar nicht verändern. Stellen Sie sich vielmehr vor, dieselbe Rede wäre am 6. Oktober 2026 einige Minuten früher oder einige Minuten später gehalten worden. Die Sätze könnten weitgehend identisch bleiben – rhetorisch wären es trotzdem drei verschiedene Reden.

Der Grund liegt in der parlamentarischen Situation. Als Sziborra-Seidlitz tatsächlich ans Rednerpult tritt, ist Tobias Rausch bereits gewählt. Der Landtag dokumentiert 48 Ja-Stimmen, 29 Nein-Stimmen und fünf Enthaltungen. Die Wahlentscheidung ist damit abgeschlossen. Zugleich zeigt der dokumentierte Sitzungsverlauf des Landtags, dass Sziborra-Seidlitz noch vor dem anschließenden Auftritt Tobias Rauschs als Landtagspräsident spricht. Genau zwischen diesen beiden Punkten liegt das rhetorische Zeitfenster, das uns interessiert.

Was wäre gewesen, wenn sie vor der Wahl gesprochen hätte?

Vor der Abstimmung hätte die Rede in eine noch offene Entscheidung hineingewirkt. Dann hätte jeder Satz über die Bedeutung des Präsidentenamtes, über politische Verantwortung oder über die Folgen einer Stimmabgabe zwangsläufig auch als Versuch verstanden werden können, das bevorstehende Wahlverhalten zu beeinflussen. Aus der späteren Feststellung, wer Verantwortung für die Übertragung eines Amtes trage, wäre vor der Abstimmung eine Warnung geworden: Denken Sie darüber nach, bevor Sie Ihre Stimme abgeben.

Das kommunikative Ziel hätte sich entsprechend verschoben. Die Adressaten hätten noch eine unmittelbar bevorstehende Handlung ändern können. Wer die Rede vor der Abstimmung gehört hätte, hätte anschließend anders wählen können. Die Persuasion wäre deshalb auf eine konkrete, noch nicht vollzogene Entscheidung zugelaufen.

Auch mehrere zentrale Formulierungen der tatsächlichen Rede hätten unter diesen Bedingungen eine andere Bedeutung erhalten. Wenn Sziborra-Seidlitz später sagt, ein Vorschlagsrecht nehme niemandem „die Verantwortung für die eigene Stimme“ ab, blickt sie auf eine Stimme zurück, die bereits abgegeben wurde. Vor der Wahl wäre derselbe Gedanke dagegen prospektiv gewesen: Er hätte die Abgeordneten vor einer erst noch zu treffenden Entscheidung an ihre persönliche Verantwortung erinnert.

Schon an diesem kleinen Unterschied zeigt sich, wie wenig sich eine Rede allein über ihren Wortlaut verstehen lässt. Der Satz bleibt sprachlich derselbe, sein Handlungswert verändert sich mit dem Zeitpunkt.

Was verändert sich in dem Moment, in dem sie tatsächlich spricht?

Nun verschieben wir unser Gedankenexperiment wenige Minuten weiter. Die Abstimmung ist abgeschlossen. Tobias Rausch ist gewählt und hat die Wahl angenommen. Sziborra-Seidlitz kann das Ergebnis nicht mehr verhindern. Gerade dadurch verändert sich ihre rhetorische Aufgabe. Es geht nicht länger darum, ob diese Wahl stattfindet, sondern darum, wie das bereits Geschehene politisch eingeordnet wird und welche Konsequenzen die Abgeordneten daraus für ihr zukünftiges Handeln ziehen sollen.

Diese Verschiebung lässt sich im Wortlaut der Rede geradezu verfolgen. Sziborra-Seidlitz definiert zunächst Anforderungen an das Präsidentenamt, spricht anschließend über die Verantwortung für die gerade abgegebene Stimme und richtet den Blick schließlich weit über diese Wahl hinaus. Später fordert sie die anderen Fraktionen auf, künftig „jedes einzelne Mal“ zu prüfen, „welche Macht“ sie übertragen und welche Folgen daraus entstehen. Die Rede bewegt sich damit von einer abgeschlossenen Entscheidung in die Zukunft der gesamten Wahlperiode.

Merksatz: Nach der Wahl kann Susan Sziborra-Seidlitz das Ergebnis nicht mehr verändern. Sie kann aber versuchen, seine Bedeutung zu rahmen und Maßstäbe für die nächsten Entscheidungen zu setzen. Aus der möglichen Warnung vor einer Wahl wird die Deutung einer vollzogenen Wahl – verbunden mit einem Handlungsauftrag für die Zukunft.

Genau deshalb ist die Position Eva von Angerns in diesem Moment mehr als eine protokollarische Randnotiz. Die Alterspräsidentin führt die Sitzung noch, während der neue Präsident bereits gewählt ist. Der Landtag erläutert zur konstituierenden Sitzung, dass die Alterspräsidentin zunächst den vorläufigen Sitzungsvorstand führt und die Sitzung bis zur Wahl des neuen Landtagspräsidenten leitet. Im konkreten Ablauf entsteht anschließend jener kurze Übergang, in dem die Wahl bereits abgeschlossen ist, die neue Sitzungsleitung aber noch nicht den weiteren Verlauf bestimmt.

Für unsere Analyse ist gerade diese Schwelle wichtig. Sziborra-Seidlitz reagiert auf eine Tatsache, die wenige Augenblicke zuvor geschaffen wurde, bevor der neu gewählte Präsident selbst ausführlich Gelegenheit erhält, diesen Moment aus seiner neuen Amtsrolle heraus zu rahmen. Ob sie diesen Zeitpunkt bewusst in genau dieser rhetorischen Weise geplant hat, kann ich nicht bestätigen. Analysieren lässt sich jedoch sehr wohl, welche kommunikative Möglichkeit durch diese Reihenfolge entsteht.

Und was wäre nach der ersten Rede des neuen Präsidenten anders gewesen?

Verschieben wir dieselbe Rede gedanklich noch einmal um wenige Minuten. Tobias Rausch hätte inzwischen den Vorsitz übernommen und selbst zum Landtag gesprochen. Von diesem Augenblick an stünde zwischen seiner Wahl und der Rede Sziborra-Seidlitz' bereits eine eigene sprachliche Selbstpositionierung des neuen Präsidenten.

Das hätte die kommunikative Situation erneut verändert. Eine Rede der Grünen-Fraktionsvorsitzenden wäre dann nicht mehr ausschließlich eine Deutung der Wahl und des damit verbundenen institutionellen Vorgangs gewesen. Sie hätte zwangsläufig neben der Wahl auch die unmittelbar vorausgegangene Präsidentenrede im Raum gehabt. Selbst wenn Sziborra-Seidlitz kein einziges Wort ihres Manuskripts verändert hätte, könnten Zuhörerinnen und Zuhörer einzelne Aussagen als Zustimmung, Widerspruch oder Korrektur dieser ersten Rede verstehen.

Gerade der ausführliche Abschnitt über das Präsidentenamt wäre davon betroffen. In der tatsächlichen Reihenfolge formuliert Sziborra-Seidlitz ihren Maßstab, bevor Rausch sein eigenes Amtsverständnis ausführlich vor dem Parlament entfaltet. Sie sagt, was dieses Amt aus ihrer Sicht verlangt, bevor der neu gewählte Präsident selbst öffentlich darlegen kann, wie er es ausfüllen will. Nach seiner ersten Rede hätten dieselben Sätze zwangsläufig in Beziehung zu seinen Aussagen gestanden.

Das ist ein feiner Unterschied, aber rhetorisch ein erheblicher. Vor der Wahl hätte Sziborra-Seidlitz auf eine Entscheidung eingewirkt. Nach der Amtsübernahme hätte sie auf eine bereits begonnene Amtskommunikation reagiert. Im tatsächlichen Zwischenraum kann sie zunächst die gerade gefallene Entscheidung deuten und daraus Anforderungen für das Kommende ableiten.

Das „Wann“ verändert das „Was“

Damit nähern wir uns dem Kern dieses Beitrags. Bei einer Redeanalyse genügt es nicht, nach starken Formulierungen, Metaphern, Argumenten oder Stilfiguren zu suchen. Dieselbe Formulierung kann je nach Situation warnen, angreifen, rechtfertigen, kommentieren oder zum zukünftigen Handeln verpflichten. Wer nur den transkribierten Text vor sich legt, sieht deshalb einen wichtigen Teil der rhetorischen Leistung überhaupt nicht.

Das lässt sich an einer der zentralen Formulierungen dieser Rede besonders klar zeigen. Sziborra-Seidlitz sagt:

„Ein Vorschlagsrecht, was zweifelsohne besteht, nimmt niemandem die Verantwortung für die eigene Stimme ab.“

Vor der Abstimmung hätte dieser Satz wie eine Mahnung funktioniert: Sie werden gleich abstimmen, also bedenken Sie die Verantwortung Ihrer Stimme. Im tatsächlichen Moment wirkt er rückblickend und zugleich vorausweisend: Sie haben gerade abgestimmt, dafür tragen Sie Verantwortung – und diese Frage wird bei zukünftigen Machtübertragungen wiederkehren. Erst nach einer Rede des neuen Präsidenten könnte der Satz dagegen zusätzlich als Reaktion auf dessen Selbstverständnis gelesen werden.

Der Wortlaut allein erklärt diese Unterschiede nicht. Erst die Verbindung aus Text und Redesituation zeigt, welche rhetorische Handlung mit einem Satz vollzogen wird. Damit sind wir an einem Punkt angekommen, an dem die wenigen Minuten zwischen Wahl und Amtsübernahme nicht länger wie eine nebensächliche Besonderheit des Sitzungsprotokolls erscheinen. Sie werden selbst zu einem Bestandteil der Rede.

Für die weitere Analyse entscheidend: Das Was einer Rede lässt sich nicht vollständig vom Wann trennen. Der Zeitpunkt verändert, welche Handlung ein Satz ausführt, wen er erreichen kann und welche Reaktion überhaupt noch möglich ist.

Damit haben wir zunächst beschrieben, dass dieser Zeitpunkt rhetorisch einen Unterschied macht. Die spannendere Frage folgt erst jetzt: Wie lässt sich ein solcher günstiger, angemessener oder besonders wirksamer Augenblick theoretisch fassen? Seit der griechischen Antike beschäftigt sich die Rhetorik genau mit diesem Verhältnis von Gelegenheit, Zeitpunkt, Angemessenheit und Handlung. Der Begriff dafür lautet Kairos – und er bedeutet erheblich mehr als das gern gebrauchte Schlagwort vom „richtigen Timing“.

Kairos: Was die Rhetorik mit dem günstigen Augenblick meint

Für das, was wir gerade an der Rede von Susan Sziborra-Seidlitz beobachten, kennt die Rhetorik einen alten Begriff: Kairos. Häufig wird er mit „dem richtigen Zeitpunkt“ oder „dem günstigen Augenblick“ übersetzt. Das trifft den Kern, bleibt aber etwas zu kurz. Denn rhetorisch interessant wird ein Zeitpunkt erst dann, wenn Situation, Publikum, Handlungsmöglichkeit und das Gesagte zusammenpassen.

Kairos einfach erklärt: Kairos bezeichnet in der Rhetorik den besonderen Augenblick, in dem eine Aussage gerade jetzt eine andere Funktion oder Wirkung entfalten kann als kurz davor oder danach.

Der Philosoph John E. Smith hat diese besondere Qualität von Zeit bereits 1969 in seinem Aufsatz Time, Times, and the 'Right Time'; Chronos and Kairos untersucht. Für unsere praktische Analyse lässt sich seine Unterscheidung gut so fassen: Chronos beschreibt die fortlaufende, messbare Zeit; Kairos lenkt den Blick darauf, welche besondere Qualität ein bestimmter Zeitpunkt besitzt.

Genau deshalb reicht es bei der Rede von Sziborra-Seidlitz nicht, festzustellen, dass sie wenige Minuten nach der Wahl spricht. Entscheidend ist, welche Minuten das sind: Die Wahl ist abgeschlossen, Tobias Rausch hat sie angenommen, seine Amtsübernahme steht jedoch noch bevor. Der Zeitpunkt ist also nicht bloß früh oder spät. Er liegt an einer ganz bestimmten Stelle des parlamentarischen Geschehens.

Auch die Rhetorikwissenschaftler James L. Kinneavy und Catherine R. Eskin zeigen, warum Kairos mehr bedeutet als schnelles Reagieren. In ihrem Aufsatz Kairos in Aristotle's Rhetoric beschreiben sie das Prinzip knapp mit „right timing and due measure“ – dem richtigen Zeitpunkt und dem angemessenen Maß. Für eine Rede bedeutet das: Ein günstiger Moment allein genügt nicht. Auch Inhalt, Ton und Intensität müssen zu diesem Moment passen.

Diese zweite Seite des Kairos wird für unsere Analyse noch wichtig. Wir werden deshalb nicht nur fragen, warum Sziborra-Seidlitz jetzt spricht. Wir müssen ebenso prüfen, ob ihre Argumentation auf genau diese Situation zugeschnitten ist. Dass sie über das Präsidentenamt, über die Verantwortung der gerade abgegebenen Stimmen und über künftige Machtübertragungen spricht, ist unter diesem Blickwinkel wesentlich interessanter als die bloße Feststellung, sie habe einen guten Zeitpunkt erwischt.

Der von Phillip Sipiora und James S. Baumlin herausgegebene Band Rhetoric and Kairos verbindet Kairos ausdrücklich mit menschlicher Beratung, Rede und Handlung. Das passt besonders gut zum Parlament: Dort wird nicht erst gesprochen und irgendwann später gehandelt. Sprechen ist selbst Teil des politischen Handelns. Eine Wahl, eine Wortmeldung, ein Widerspruch oder ein Appell stehen innerhalb desselben institutionellen Prozesses.

Eine weitere wichtige Perspektive liefert Carolyn R. Miller. Sie beschreibt Kairos in ihrem Aufsatz Opportunity, Opportunism, and Progress: Kairos in the Rhetoric of Technology als Prinzip von Zeitpunkt und Gelegenheit. Besonders hilfreich für unseren Fall ist dabei der Gedanke, dass Kommunikation einen gegenwärtigen Moment nicht nur vorfindet, sondern ihn auch als bedeutsam charakterisieren kann.

Genau das tut Sziborra-Seidlitz schon zu Beginn ihrer Rede. Sie stellt dem parlamentarischen Normalfall ausdrücklich das „Heute“ gegenüber. Der Zeitpunkt besitzt also einerseits durch den Sitzungsverlauf eine besondere Qualität. Andererseits erklärt die Rednerin selbst, warum ihr Publikum diesen Tag aus ihrer Sicht nicht als gewöhnliche Konstituierung betrachten soll. Die Situation liefert den Anlass – die Rede gibt diesem Anlass eine Deutung.

Dabei sollten wir der Rednerin allerdings nicht mehr Kontrolle zuschreiben, als sie tatsächlich besitzt. William C. Trapani und Chandra A. Maldonado weisen in Kairos: On the Limits to Our (Rhetorical) Situation darauf hin, dass rhetorische Gelegenheiten auch von ihrem sozialen und situativen Umfeld geprägt werden. Auf unseren Fall übertragen heißt das: Sziborra-Seidlitz schafft diesen Moment nicht allein. Wahl, Geschäftsordnung, Alterspräsidentin, Rederecht und parlamentarischer Ablauf sind bereits vorhanden. Ihre rhetorische Leistung kann darin liegen, diese vorhandene Gelegenheit zu erkennen und sprachlich zu nutzen.

Merksatz: Kairos bedeutet nicht einfach, möglichst schnell das Wort zu ergreifen. Entscheidend ist, im passenden Augenblick das zu sagen, was gerade in dieser Situation sinnvoll, wirksam und handlungsrelevant werden kann.

Für diesen Beitrag verwenden wir Kairos deshalb als Leitfrage: Was kann diese Rede genau in diesem Augenblick leisten, was sie kurz vorher oder kurz danach nicht in derselben Weise leisten könnte? Ob Susan Sziborra-Seidlitz selbst bewusst mit dem rhetorischen Konzept Kairos gearbeitet hat, kann ich nicht bestätigen. Für die Analyse müssen wir ihr eine solche Absicht auch nicht unterstellen. Entscheidend ist, dass Zeitpunkt und Inhalt auffällig eng ineinandergreifen.

Bevor wir diese Verbindung im Detail untersuchen, lohnt ein kurzer Blick auf andere berühmte Reden. Denn politische Rhetorik kennt viele günstige Augenblicke – allerdings entstehen sie auf sehr unterschiedliche Weise. Gerade der Vergleich mit Gettysburg, Dünkirchen, dem March on Washington und Richard von Weizsäckers Rede zum 8. Mai zeigt, was am Magdeburger Moment vertraut ist und was ihn ungewöhnlich macht.

Andere große Kairos-Momente – und warum Magdeburg anders ist

Wie eng eine Rede mit ihrem Zeitpunkt verbunden sein kann, zeigen einige bekannte Beispiele der politischen Rhetorik. Dabei geht es ausdrücklich nicht um eine Gleichsetzung der historischen Bedeutung. Die Rede von Susan Sziborra-Seidlitz besitzt weder die weltgeschichtliche Tragweite der folgenden Beispiele noch soll sie rhetorisch mit ihnen auf eine Stufe gestellt werden. Interessant ist allein der Vergleich der Redesituationen: Warum gewinnt eine Aussage gerade in einem bestimmten Augenblick besonderes Gewicht?

Abraham Lincoln sprach seine Gettysburg Address am 19. November 1863 bei der Einweihung des Nationalfriedhofs in Gettysburg. Ort, Bürgerkrieg und Gedenken verdichteten sich zu einem außergewöhnlichen Anlass. Winston Churchill wiederum sprach am 4. Juni 1940 im britischen Unterhaus nach der Evakuierung von Dünkirchen: Ein gerade erlebtes militärisches Ereignis musste eingeordnet und mit dem Blick auf das weitere Handeln verbunden werden.

Auch Martin Luther Kings Rede I Have a Dream vom 28. August 1963 erhielt einen Teil ihrer Bedeutung aus der konkreten Situation des March on Washington for Jobs and Freedom. Richard von Weizsäcker sprach schließlich am 8. Mai 1985 zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs in Europa. In diesem Fall eröffnete bereits das historisch aufgeladene Datum einen besonderen Raum für Erinnerung und politische Einordnung.

Diese Beispiele zeigen unterschiedliche Formen von Kairos in politischen Reden: Ein Erinnerungsort kann den günstigen Augenblick schaffen, eine akute Krise, eine große gesellschaftliche Bewegung oder ein historischer Jahrestag. Gemeinsam ist diesen Situationen, dass der besondere Anlass weithin erkennbar ist und einen großen zeitlichen beziehungsweise historischen Rahmen bildet.

Genau darin unterscheidet sich die Situation im Landtag von Sachsen-Anhalt. Der 6. Oktober 2026 ist für die Rede von Susan Sziborra-Seidlitz nicht deshalb interessant, weil dieses Datum schon vorher historisch aufgeladen gewesen wäre. Ihr rhetorisch besonderer Moment entsteht innerhalb des parlamentarischen Verfahrens: Tobias Rausch ist gewählt und hat die Wahl angenommen, Susan Sziborra-Seidlitz spricht, und erst anschließend übernimmt der neue Landtagspräsident den Vorsitz. Diese Reihenfolge dokumentiert der Landtag Sachsen-Anhalt im offiziellen Sitzungsverlauf.

Der entscheidende Unterschied: In Magdeburg entsteht kein großer historischer Kairos wie in Gettysburg oder am 8. Mai 1985. Es öffnet sich ein sehr kurzes institutionelles Zeitfenster zwischen einer abgeschlossenen Entscheidung und der unmittelbar bevorstehenden Amtsübernahme.

Für diesen Beitrag können wir dafür vorsichtig von einem institutionellen Mikro-Kairos sprechen. Damit verwende ich keinen etablierten Fachbegriff, sondern eine Arbeitsbezeichnung für genau diese Redesituation: Der besondere Augenblick dauert nicht Tage oder Jahre. Er entsteht für wenige Minuten aus der Reihenfolge eines parlamentarischen Verfahrens. Gerade diese kleine, fast unscheinbare Form des Kairos macht die Rede für unsere weitere Analyse interessant.

Eva von Angern und die institutionelle Schwelle

Damit dieser kurze Kairos nicht abstrakt bleibt, lohnt ein genauer Blick auf Eva von Angern. Ihre Rolle erklärt, weshalb die Rede von Susan Sziborra-Seidlitz mehr ist als ein Beitrag, der lediglich „unmittelbar nach der Wahl“ gehalten wird.

Als dienstältestes Mitglied eröffnet Eva von Angern die konstituierende Sitzung des neuen Landtags als Alterspräsidentin. Der Landtag Sachsen-Anhalt beschreibt ihre Aufgabe so: Gemeinsam mit zwei weiteren Abgeordneten bildet sie zunächst den vorläufigen Sitzungsvorstand und leitet die Sitzung bis zur Wahl des neuen Landtagspräsidenten.

Dann wird Tobias Rausch gewählt und nimmt die Wahl an. Eigentlich scheint der Weg zur Amtsübernahme frei. Doch bevor Rausch den Vorsitz übernimmt, kündigt Eva von Angern noch eine Wortmeldung an. Das inzwischen veröffentlichte offizielle Transkript des Landtags dokumentiert ihre Erklärung:

„Von einer Fraktionsvorsitzenden ist angekündigt worden, dass sie sich gemäß § 61 Abs. 1a der Geschäftsordnung zu Wort melden wird.“

Von Angern erläutert den anwesenden Abgeordneten auch, was hinter dieser Regel steckt: Fraktionsvorsitzende besitzen ein besonderes Rederecht. § 61 Abs. 1a der Geschäftsordnung formuliert es ausgesprochen deutlich: „Die Vorsitzenden der Fraktionen müssen jederzeit gehört werden“ – unabhängig davon, ob gerade ein Beratungsgegenstand aufgerufen wurde oder die Redezeit der Fraktion bereits verbraucht ist.

Damit wird aus einer scheinbaren Unterbrechung ein reguläres parlamentarisches Recht. Eva von Angern fragt Sziborra-Seidlitz, wann sie dieses Recht wahrnehmen möchte. Die Antwort ist denkbar knapp: „Jetzt!“ Daraufhin erteilt ihr die Alterspräsidentin das Wort. Auch dieser kleine Dialog ist im offiziellen Sitzungsprotokoll dokumentiert.

Merksatz: Der besondere Moment entsteht aus dem Zusammenspiel von Wahl, noch nicht vollzogener Amtsübergabe und dem besonderen Rederecht einer Fraktionsvorsitzenden. Die Geschäftsordnung öffnet das Zeitfenster – Sziborra-Seidlitz entscheidet sich, es genau jetzt zu nutzen.

Für unsere rhetorische Analyse ist diese Unterscheidung wichtig. „Unmittelbar nach der Wahl“ beschreibt lediglich die zeitliche Nähe. Präziser ist: Susan Sziborra-Seidlitz spricht nach Wahl und Wahlannahme, unter der noch bestehenden Sitzungsleitung Eva von Angerns und vor dem ersten Auftritt Tobias Rauschs als Landtagspräsident. Erst diese vollständige Konstellation macht sichtbar, weshalb wir von einer institutionellen Schwelle sprechen.

Das besondere Rederecht erklärt also, wie diese Rede an dieser Stelle möglich wird. Warum Sziborra-Seidlitz dieses Fenster nutzt und wen sie mit ihrer Intervention eigentlich erreichen kann, führt uns nun zur nächsten Ebene der Analyse: zur Rednerin selbst und zu ihrer besonderen Sprecherrolle als Fraktionsvorsitzende.

Wer spricht – und zu wem?

Die Rede im Original: Hören und sehen Sie selbst

Bevor wir Susan Sziborra-Seidlitz, ihre Adressaten und den Aufbau ihrer Rede genauer untersuchen, lohnt sich ein Blick auf die Originalaufnahme. Denn bei einer rhetorischen Analyse genügt der Wortlaut allein nicht. Gestik, Mimik, Stimme, Pausen, Zwischenrufe und die Reaktionen im Plenarsaal gehören zur Redesituation dazu.

Sehen Sie sich die Rede ruhig einmal vollständig an, bevor Sie weiterlesen. Achten Sie dabei nicht nur auf die Sätze selbst. Beobachten Sie, wohin Sziborra-Seidlitz blickt, wie sie ihre Aussagen mit Gesten unterstützt, wann sie das Tempo verändert und wie der Saal auf einzelne Passagen reagiert. Gerade bei politischen Reden entsteht ein Teil der Wirkung erst im Zusammenspiel zwischen Rednerin und Publikum.

Das gilt auch für die Zwischenrufe und sichtbaren Reaktionen der Abgeordneten. Sie sind kein Nebengeräusch, das aus einer sauberen Textanalyse entfernt werden müsste. Sie zeigen, dass die Rede vor einem realen, teilweise zustimmenden und teilweise widerständigen Publikum gehalten wird. Genau deshalb werden wir später nicht nur fragen, was Susan Sziborra-Seidlitz sagt, sondern auch, wen sie mit bestimmten Passagen überhaupt erreichen kann.

Für die Redeanalyse wichtig: Das Transkript zeigt den sprachlichen Text. Das Video zeigt zusätzlich Stimme, Körpersprache, Blickführung, Reaktionen und die konkrete Atmosphäre im Plenarsaal. Erst beides zusammen ergibt ein vollständigeres Bild der Redesituation.

Auch bei einzelnen Wiederholungen oder Satzabbrüchen hilft die Aufnahme weiter. Nicht jede sprachliche Wiederholung ist automatisch eine rhetorische Stilfigur. Manche entstehen aus dem freien Sprechen, aus einer Unterbrechung oder aus einer spontanen Selbstkorrektur. Deshalb werden wir solche Stellen später immer im Zusammenhang von Text und Vortrag betrachten.

Damit können wir nun zur Rednerin selbst wechseln: Wer ist Susan Sziborra-Seidlitz, aus welcher politischen und institutionellen Rolle heraus spricht sie – und warum ist gerade diese Rolle für den weiteren Verlauf der Rede so wichtig?

Falls das Video in Ihrem Browser nicht angezeigt wird, können Sie die Rede hier direkt auf YouTube öffnen .

Wer ist Susan Sziborra-Seidlitz?

Susan Sziborra-Seidlitz gehört nicht zu den bundespolitisch allgegenwärtigen Namen. Für die Analyse dieser Rede ist deshalb ein kurzer Blick auf ihre Rolle hilfreich. Die 1977 in Berlin geborene Politikerin ist ausgebildete Gesundheits- und Krankenpflegerin und gehört dem Landtag von Sachsen-Anhalt seit der 8. Wahlperiode an. Ihre offizielle Biografie beim Landtag Sachsen-Anhalt nennt außerdem ihre langjährige kommunalpolitische Arbeit in Quedlinburg: Seit 2014 ist sie dort Stadträtin. Bündnis 90/Die Grünen trat sie 2010 bei; von 2016 bis 2021 war sie bereits Landesvorsitzende, seit 2025 übt sie dieses Amt erneut aus.

Für diese Rede ist allerdings weniger ihre gesamte politische Biografie entscheidend als ihre Funktion an diesem 6. Oktober 2026. Nach der Landtagswahl übernahm Sziborra-Seidlitz den Vorsitz der achtköpfigen Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Der Landtag führt sie aktuell als Fraktionsvorsitzende; zugleich ist sie innerhalb der Fraktion für die Bereiche Soziales, Bildung, Arbeit, Gesundheit, Integration und Gleichstellung zuständig.

Für die Redeanalyse entscheidend: Sziborra-Seidlitz spricht hier nicht einfach als einzelne Abgeordnete. Sie spricht als Fraktionsvorsitzende – und genau diese Funktion verschafft ihr das besondere parlamentarische Rederecht, das sie unmittelbar vor der Amtsübernahme nutzt.

Damit verändert sich auch die Frage, die wir an die Rede stellen müssen. Interessant ist weniger, welche persönlichen Erfahrungen Sziborra-Seidlitz zu einzelnen Formulierungen geführt haben könnten – dafür fehlen belastbare Belege. Rhetorisch analysierbar ist dagegen ihre institutionelle Rolle: Sie spricht als Vorsitzende einer Fraktion, die gerade eine Wahl verloren hat, aber weiterhin über parlamentarische Rechte, öffentliche Aufmerksamkeit und zukünftige Entscheidungsmöglichkeiten verfügt.

Genau von dort aus führt der nächste Schritt in die eigentliche rhetorische Lageanalyse: Was lässt sich nach einer bereits abgeschlossenen Wahl überhaupt noch erreichen – und wen muss eine solche Rede dafür ansprechen?

Intellectio nach Joachim Knape: Was ist jetzt überhaupt noch zu erreichen?

Bis hierher haben wir vor allem auf den besonderen Zeitpunkt der Rede geschaut. Nun beginnt die eigentliche strategische Analyse. Dafür ist ein Begriff aus der Rhetorik hilfreich, der zunächst etwas sperriger klingt, als er ist: Intellectio.

Der Tübinger Rhetoriker Joachim Knape beschreibt die Intellectio als ein vorgelagertes Planungsstadium rhetorischer Kommunikation. Vereinfacht gesagt geht es darum, zuerst die Lage zu verstehen, bevor Argumente gesucht und eine Rede aufgebaut werden. Welche Art von Problem liegt überhaupt vor? Wer spricht zu wem? Was ist bereits entschieden? Was lässt sich noch verändern? Knape formuliert es in seiner Darstellung der rhetorischen Textproduktion so, dass zunächst erkannt werden müsse, „welcher Art der vorgelegte Fall, das problém[a], ist“.

Intellectio einfach erklärt: Bevor Sie fragen, Was soll ich sagen?, müssen Sie klären: Was ist die Situation – und was kann meine Rede in dieser Situation überhaupt noch bewirken?

Genau diese Frage ist bei Susan Sziborra-Seidlitz entscheidend. Als sie ans Rednerpult tritt, ist die Präsidentenwahl bereits abgeschlossen. Tobias Rausch ist mit 48 Ja-Stimmen gewählt worden und hat die Wahl angenommen. Eine Rede kann diese Entscheidung zu diesem Zeitpunkt nicht mehr verhindern oder rückgängig machen.

Damit fällt ein mögliches Redeziel aus: Sziborra-Seidlitz kann nicht mehr dafür werben, anders zu wählen. Rhetorisch interessant wird nun, welche Spielräume trotzdem offenstehen. Sie kann das gerade Geschehene politisch einordnen, Maßstäbe für das Präsidentenamt formulieren, Verantwortlichkeiten benennen und den Blick auf Entscheidungen richten, die in der gerade beginnenden Wahlperiode noch bevorstehen.

Hier zeigt sich, warum der Kairos und die Intellectio so gut ineinandergreifen. Der besondere Zeitpunkt bestimmt nicht nur die Wirkung einzelner Sätze. Er begrenzt zugleich das realistische Ziel der Rede. Vergangenes ist entschieden, zukünftiges Verhalten dagegen noch offen.

Die Rede selbst folgt dieser Logik auffällig konsequent. Zunächst deutet Sziborra-Seidlitz die gerade erfolgte Wahl. Danach beschreibt sie, welche Anforderungen sie an das Amt des Landtagspräsidenten stellt. Anschließend verschiebt sie die Verantwortung auf diejenigen, die durch ihre Stimmen parlamentarische Macht übertragen. Schließlich richtet sie den Blick ausdrücklich nach vorn und fordert für zukünftige Entscheidungen eine erneute Prüfung ein.

Die Kernbewegung der Rede:
Ereignis → Deutung → Verantwortung → zukünftiges Handeln

Das ist für unsere weitere Analyse wichtiger als die Frage, ob einzelne Abgeordnete durch diese sieben Minuten tatsächlich ihre politische Haltung verändern. Darüber können wir aus dem Video keine belastbare Aussage treffen. Analysieren können wir dagegen, auf welche mögliche Veränderung die Rede sprachlich zielt.

Aus dieser Perspektive lässt sich ihr rhetorisches Wirkungsziel vorsichtig formulieren: Die Zuhörenden sollen die Wahl nicht lediglich als abgeschlossenen Personalvorgang betrachten, sondern sie nach den von Sziborra-Seidlitz gesetzten Maßstäben einordnen und bei künftigen parlamentarischen Entscheidungen die Frage nach Verantwortung und übertragener Macht erneut stellen.

Damit beginnt allerdings sofort die nächste Schwierigkeit. „Die Zuhörenden“ sind in diesem Plenarsaal keineswegs eine einheitliche Gruppe. Vor Sziborra-Seidlitz sitzen der gerade gewählte Präsident, die AfD-Fraktion, Abgeordnete anderer Parteien und die eigene Fraktion; zugleich hören Menschen außerhalb des Parlaments über Video und Berichterstattung zu. Wer von ihnen soll eigentlich überzeugt, bestärkt, gewarnt oder zum Handeln bewegt werden?

Genau diese Frage führt uns zur antizipatorischen Adressatenanalyse – und zu einem der interessantesten Befunde dieser Rede: Der politische Gegner, der am sichtbarsten angesprochen wird, muss keineswegs derjenige sein, den die Rednerin am dringendsten überzeugen will.

Wen will Susan Sziborra-Seidlitz mit dieser Rede erreichen?

Auf den ersten Blick scheint die Antwort einfach. Susan Sziborra-Seidlitz spricht über die AfD, sie wendet sich mehrfach direkt an deren Abgeordnete und reagiert während ihrer Rede auf einen Zwischenruf aus der Fraktion. Wer nur auf diese sichtbare Konfrontation schaut, könnte deshalb annehmen, die AfD sei ihr wichtigster Adressat. Für eine rhetorische Analyse reicht diese Beobachtung jedoch nicht aus. Die Person oder Gruppe, über die gesprochen wird, ist nicht automatisch diejenige, die überzeugt werden soll.

In der strategischen Rhetorik ist deshalb die Frage nach dem Persuasionsadressaten entscheidend: Bei wem soll sich durch die Rede etwas verändern – eine Einschätzung, eine Haltung oder sogar ein zukünftiges Verhalten? Gerade bei dieser Rede lohnt diese Unterscheidung, denn Sziborra-Seidlitz spricht gleichzeitig zu mehreren Öffentlichkeiten. Im Plenarsaal sitzen der gerade gewählte Tobias Rausch, die AfD-Fraktion, die übrigen Fraktionen und ihre eigene Fraktion. Gleichzeitig ist die Rede über die Video- und Transkriptdokumentation des Landtags für Menschen außerhalb des Parlaments zugänglich.

Persuasionsadressat einfach erklärt: Gemeint ist nicht unbedingt die Person, die unmittelbar angesprochen wird. Entscheidend ist, bei wem eine Rede Denken, Bewerten oder zukünftiges Handeln beeinflussen soll.

Tobias Rausch: Adressat eines Maßstabs

Tobias Rausch befindet sich in einer besonderen Position. Seine Wahl ist bereits entschieden, deshalb kann Sziborra-Seidlitz ihn weder verhindern noch durch ihre Rede aus dem Amt wählen lassen. Sie kann jedoch etwas anderes tun: Sie kann einen Maßstab formulieren, an dem seine zukünftige Amtsführung gemessen werden soll.

Genau deshalb beginnt ein großer Teil ihrer Argumentation mit dem Präsidentenamt selbst. Sie beschreibt Aufgaben und Anforderungen des Amtes, bevor Rausch den Vorsitz übernimmt und seine eigene Präsidentenrede hält. Später kündigt sie an, Entscheidungen des Präsidenten und des Präsidiums daran messen zu wollen, ob die Rechte der Abgeordneten gewahrt werden. Diese Passage ist im offiziellen Transkript des Landtags dokumentiert.

Rausch ist damit weniger Adressat eines Überzeugungsversuchs als Adressat einer öffentlich formulierten Erwartung. Zugleich hören alle anderen mit. Die Standards, die Sziborra-Seidlitz nennt, gelten in ihrer Argumentation nicht nur zwischen zwei politischen Personen, sondern werden vor dem gesamten Parlament ausgesprochen.

Die AfD: sichtbarer Gegner, aber nicht zwingend wichtigster Überzeugungsadressat

Die AfD ist der auffälligste Gegenpol der Rede. Sziborra-Seidlitz spricht die Fraktion direkt an, setzt sich mit ihrer politischen Position auseinander und reagiert auf Zwischenrufe. Auch das Landtagsprotokoll dokumentiert Lachen, Zurufe und Reaktionen aus verschiedenen Fraktionen.

Daraus folgt jedoch nicht, dass die AfD der wichtigste Persuasionsadressat ist. Rhetorisch wäre die Annahme sogar wenig plausibel, dass Sziborra-Seidlitz innerhalb weniger Minuten die politischen Grundpositionen der AfD-Abgeordneten verändern will. Dafür bietet der Text kaum Anhaltspunkte. Ihre direkte Konfrontation erfüllt vielmehr mehrere Funktionen gleichzeitig: Sie markiert politischen Widerspruch, grenzt Positionen voneinander ab und macht diesen Widerspruch für die übrigen Anwesenden sichtbar.

Das ist ein typischer Fall von Mehrfachadressierung. Eine Politikerin kann eine Fraktion direkt ansprechen und dennoch einen erheblichen Teil ihrer persuasiven Wirkung auf diejenigen richten, die diese Auseinandersetzung beobachten. Der politische Gegner wird angesprochen; überzeugt werden sollen möglicherweise ganz andere.

Die anderen Fraktionen: Hier liegt der wichtigste Handlungsadressat

Am deutlichsten wird das gegen Ende der Rede. Sziborra-Seidlitz wendet sich ausdrücklich an die übrigen Fraktionen und verschiebt den Blick von der bereits abgeschlossenen Präsidentenwahl auf kommende Entscheidungen. Im offiziellen Transkript fordert sie dazu auf, künftig bei jeder einzelnen Entscheidung zu prüfen, welche Macht übertragen wird und welche Folgen daraus entstehen.

Rhetorisch ist das ein entscheidender Wechsel. Die Präsidentenwahl liegt hinter den Abgeordneten, die neue Wahlperiode liegt vor ihnen. Ausschussvorsitze, parlamentarische Verfahren, Anträge, Personalentscheidungen und Mehrheiten werden noch verhandelt werden. Genau dort besitzen die Abgeordneten der anderen Fraktionen weiterhin Handlungsspielraum.

Deshalb liegt hier aus meiner Sicht der stärkste Persuasionskern der Rede: Sziborra-Seidlitz will nicht nur eine vergangene Entscheidung bewerten, sondern einen Prüfmaßstab für zukünftige Entscheidungen etablieren. Die Rede richtet sich damit besonders an diejenigen, die während der kommenden Wahlperiode erneut darüber entscheiden werden, welche parlamentarischen Funktionen, Gestaltungsmöglichkeiten oder Mehrheiten entstehen.

Wichtig ist dabei die sprachliche Rahmung: Sziborra-Seidlitz spricht von den „demokratischen Fraktionen“ und grenzt die AfD davon ab. Das ist ihre politische Einordnung innerhalb der Rede, keine neutrale Bezeichnung, die wir für die Analyse ungeprüft übernehmen müssen. Rhetorisch interessant ist vielmehr, dass sie auf diese Weise eine Gemeinschaft von Adressaten konstruiert, an die sie ihren Appell zur Zusammenarbeit richtet.

Zentraler Befund der Adressatenanalyse: Der sichtbarste Gegner ist nicht automatisch der wichtigste Persuasionsadressat. Der stärkste Handlungsappell richtet sich an diejenigen Abgeordneten, die bei zukünftigen parlamentarischen Entscheidungen erneut über Macht und Zusammenarbeit entscheiden können.

Die eigene Wählerschaft: Widerspruch als Rechenschaft

Eine weitere Adressatengruppe nennt Sziborra-Seidlitz selbst. Sie verweist darauf, dass die Wählerinnen und Wähler ihrer Partei der Fraktion einen politischen Auftrag gegeben hätten und dass die Grünen ihre Überzeugungen deshalb nicht zurückstellen würden. Auch diese Passage gehört zur dokumentierten Rede im Landtag.

Hier geht es weniger um Überzeugung als um Bestätigung und politische Rechenschaft. Die eigene Anhängerschaft soll erkennen können, dass die Fraktion trotz eines für sie ungünstigen Kräfteverhältnisses an ihren politischen Positionen festhält. Die Rede erfüllt damit auch eine repräsentative Funktion: Sie zeigt den eigenen Wählerinnen und Wählern, wie die Fraktion ihre Oppositionsrolle zu Beginn der Wahlperiode versteht.

Die Menschen in Sachsen-Anhalt: vom Parlament zum Alltag

Bemerkenswert ist, dass die Rede den Plenarsaal später bewusst verlässt – zumindest sprachlich. Sziborra-Seidlitz spricht über eine Pflegekraft, die aus dem Ausland nach Sachsen-Anhalt gekommen ist, über eine Unternehmerin auf der Suche nach Fachkräften, über Jugendliche und über Ehrenamtliche. Das offizielle Transkript dokumentiert diesen Wechsel von der institutionellen Ebene zu konkreten gesellschaftlichen Gruppen.

Damit verbreitert sie den Adressatenkreis. Aus einer Auseinandersetzung über ein Parlamentsamt wird eine Frage danach, welches politische Klima Menschen außerhalb des Landtags erleben. Diese Passage ist für die Strategie der Rede wichtig, weil sie verhindern soll, dass die Auseinandersetzung als bloßer Streit zwischen Parteien erscheint. Sziborra-Seidlitz verbindet das parlamentarische Ereignis mit möglichen gesellschaftlichen Folgen und richtet ihre Rede damit zugleich an eine breitere Öffentlichkeit.

Am Schluss erweitert sie diese Öffentlichkeit noch einmal ausdrücklich. Sie fordert dazu auf, Menschen unabhängig von ihrer Wahlentscheidung zuzuhören und gemeinsam nach machbaren Lösungen zu suchen. Damit versucht die Rede, nach der vorherigen scharfen Abgrenzung einen größeren gesellschaftlichen Adressatenkreis wieder einzubeziehen.

Die mediale Öffentlichkeit: Im Plenarsaal gesprochen, außerhalb des Plenarsaals gehört

Politische Parlamentsreden haben heute fast immer mehr als ein Präsenzpublikum. Die konstituierende Sitzung wird vom Landtag mit Videos und Transkripten dokumentiert; die Rede lässt sich also auch außerhalb des Plenarsaals verfolgen und zitieren. Hinzu kommt die journalistische Berichterstattung, die einzelne Formulierungen aus dem parlamentarischen Kontext in eine wesentlich größere Öffentlichkeit trägt.

Für die Adressatenanalyse bedeutet das: Sziborra-Seidlitz spricht zwar physisch zu den Abgeordneten, ihre Rede ist jedoch zugleich öffentliche politische Kommunikation. Einige Passagen funktionieren deshalb auf zwei Ebenen. Wenn sie beispielsweise die AfD direkt anspricht, können die angesprochenen Abgeordneten eine Botschaft hören – und die Öffentlichkeit kann gleichzeitig beobachten, wie eine Fraktionsvorsitzende diese politische Auseinandersetzung führt.

Später werden wir sehen, dass gerade die Formulierung von der „Zange“ für diese zweite Öffentlichkeit besonders anschlussfähig wird. Sie ist kurz, bildhaft und ohne lange Erklärung zitierbar. Für den Moment genügt jedoch die Feststellung: Das Publikum dieser Rede endet nicht an der Tür des Plenarsaals.

Eine Rede, mehrere Adressaten – aber nicht für alle dasselbe Ziel

Damit lässt sich die Adressatenstruktur präziser beschreiben. Tobias Rausch erhält einen öffentlich gesetzten Maßstab für sein künftiges Amt. Die AfD bildet den sichtbaren politischen Gegenpol und wird direkt konfrontiert. Die anderen Fraktionen werden zu zukünftigen Entscheidungen aufgefordert. Die eigene Wählerschaft erhält eine Versicherung politischer Kontinuität. Menschen in Sachsen-Anhalt werden über konkrete Lebenslagen angesprochen, und die mediale Öffentlichkeit beobachtet und verbreitet Teile dieser Auseinandersetzung.

Diese Gruppen hören dieselbe Rede, aber sie sollen keineswegs alle dasselbe daraus mitnehmen. Genau darin liegt die strategische Leistung einer mehrfach adressierten politischen Rede. Sziborra-Seidlitz redet gleichzeitig gegen jemanden, zu jemandem und für jemanden. Ob diese Strategie bei den einzelnen Gruppen tatsächlich die gewünschte Wirkung erzielt, können wir aus dem Redevideo nicht ableiten. Die sprachliche Ausrichtung auf unterschiedliche Adressaten lässt sich dagegen sehr klar zeigen.

Und damit sind wir bei der nächsten Frage: Wenn eine Rede so viele Adressaten und Aufgaben gleichzeitig bedienen soll, wie ordnet sie ihre Gedanken, damit aus sieben Minuten kein bloßes Nebeneinander politischer Botschaften wird? Dafür müssen wir uns nun ihre Dispositio – den Aufbau der Rede – genauer ansehen.

Die Architektur der Rede

Wie baut Susan Sziborra-Seidlitz ihre knapp sieben Minuten auf?

Eine Rede von knapp sieben Minuten lässt wenig Raum für Umwege. Umso wichtiger ist ihre Dispositio, also die Anordnung der Gedanken. Bei Susan Sziborra-Seidlitz entsteht kein bloßes Nebeneinander politischer Aussagen. Wer die Rede im offiziellen Transkript des Landtags Sachsen-Anhalt als Ganzes liest, erkennt eine klare Bewegung: Sie beginnt beim gerade konstituierten Parlament, deutet die Wahl, formuliert Maßstäbe und endet bei der Frage, wie während der kommenden Wahlperiode gehandelt werden soll.

Dispositio einfach erklärt: In der Rhetorik bezeichnet die Dispositio die sinnvolle Ordnung der gefundenen Gedanken und Argumente. Entscheidend ist also nicht nur, was eine Rednerin sagt, sondern in welcher Reihenfolge sie ihr Publikum durch die Argumentation führt.

Für diese Rede lässt sich die Gesamtbewegung so zusammenfassen:

Normalität → Bruch → Amtsnorm → Verantwortung → Mitte → Anerkennung des Wahlergebnisses → Begrenzung seiner Konsequenzen → Selbstverpflichtung → gesellschaftliche Konkretisierung → Gestaltung → Appell → gemeinsame Verantwortung

Vom gemeinsamen Anfang zum politischen Bruch

Der Einstieg setzt zunächst auf Gemeinsamkeit. Sziborra-Seidlitz beginnt mit dem Satz „Ein neuer Landtag konstituiert sich“ und beschreibt die Konstituierung anschließend als einen Moment des gemeinsamen Aufbruchs und der gemeinsamen Verantwortung. Regierung und Opposition erscheinen zunächst als unterschiedliche Rollen innerhalb desselben demokratischen Organs.

Erst danach folgt der Bruch: „Heute ist das aber mehr als eine normale Parlamentskonstituierung.“ Damit verändert sie die Perspektive. Der Normalfall ist zuvor ausführlich genug beschrieben worden, um nun als Kontrastfolie zu dienen. Aus einem gemeinsamen parlamentarischen Beginn wird in ihrer Deutung ein politisch außergewöhnlicher Vorgang.

Diese Reihenfolge ist wichtig. Die Rednerin beginnt nicht unmittelbar mit der AfD oder Tobias Rausch. Sie beginnt mit dem Parlament. Damit entsteht zunächst ein institutioneller Maßstab, an dem sie das unmittelbar zuvor Geschehene anschließend bewertet.

Vom Amt zur Verantwortung für die eigene Stimme

Auf den festgestellten Bruch folgt keine persönliche Charakterisierung des neu gewählten Präsidenten. Stattdessen erklärt Sziborra-Seidlitz zunächst, was das Amt aus ihrer Sicht verlangt. Sie spricht über Sitzungsleitung, Rechte der Abgeordneten, Außenvertretung und die repräsentative Funktion des Präsidenten. Danach formuliert sie den normativen Kern: Dieses Amt verlange, Vertreter des Landes und des Landtags zu sein und die Rechte auch derjenigen zu schützen, deren Überzeugungen nicht geteilt werden.

Erst auf dieser Grundlage richtet sich die Argumentation an diejenigen, die über die Besetzung des Amtes entschieden haben. Besonders deutlich wird das in der Passage über das Vorschlagsrecht: Ein solches Recht nehme niemandem „die Verantwortung für die eigene Stimme ab“. Im Landtagstranskript folgt diese Verantwortungszuschreibung unmittelbar auf die Beschreibung des Amtes.

Die argumentative Bewegung lautet damit: So bedeutsam ist das Amt – deshalb ist auch die Entscheidung darüber bedeutsam – und deshalb trägt jede abgegebene Stimme Verantwortung.

Die „Mitte“ wird vom Sitzplatz zum politischen Begriff

Danach wechselt die Rede von der Amtsfrage zu einem anderen Schauplatz: der neuen Sitzordnung. Die AfD habe sich „in die Mitte dieses Plenarsaals gesetzt“, sagt Sziborra-Seidlitz. Aus dieser räumlichen Beobachtung entwickelt sie einen politischen Gegensatz. Ein Platz in der Mitte des Saales bedeute noch keine Zugehörigkeit zur politischen oder gesellschaftlichen Mitte.

Diese Passage bereitet einen der sprachlich interessantesten Teile der gesamten Rede vor. Der Begriff „Mitte“ wandert zwischen Raum, Politik und Gesellschaft. Aus der Sitzordnung wird eine Definitionsfrage: Was kennzeichnet nach Auffassung der Rednerin eine demokratische Mitte? Ihre Antwort führt über Menschenwürde, Widerspruchsfähigkeit, unabhängige Gerichte, freie Medien und Zivilgesellschaft.

Die ausführliche Wortanalyse dieses Begriffs folgt später. Für die Dispositio ist zunächst wichtig: Nach Amt und Verantwortung erweitert Sziborra-Seidlitz die Argumentation auf die Frage, welche politischen Maßstäbe künftig innerhalb dieses Parlaments gelten sollen.

Das Wahlergebnis wird anerkannt – seine Bedeutung wird begrenzt

Nun folgt ein rhetorisch wichtiger Zwischenschritt. Sziborra-Seidlitz räumt ausdrücklich ein: „Das Wahlergebnis gilt und wir respektieren es.“ Direkt danach setzt sie die Grenze ihrer Zustimmung: „Aber aus einem Wahlergebnis folgt kein Anspruch auf Unterordnung.“ Beide Sätze stehen im offiziellen Wortlaut der Rede unmittelbar nebeneinander.

Diese Kombination ist für den weiteren Aufbau entscheidend. Die Rednerin bestreitet nicht das Wahlergebnis, sondern streitet über die politische Konsequenz, die daraus gezogen werden soll. Rhetorisch handelt es sich um eine Concessio mit anschließender Refutatio: Ein Punkt wird eingeräumt, eine weitergehende Schlussfolgerung daraus aber zurückgewiesen.

Damit schafft sie zugleich den Übergang zur eigenen Rolle. Die Grünen hätten ebenfalls einen Auftrag ihrer Wählerinnen und Wähler erhalten. Die Argumentation bewegt sich also von der Anerkennung des Ergebnisses zur Begründung politischen Widerspruchs.

Aus der Analyse wird eine Selbstverpflichtung

Etwa in der Mitte der Rede verändert sich der Ton. Bis dahin hat Sziborra-Seidlitz vor allem erklärt, bewertet und Maßstäbe gesetzt. Nun folgen zahlreiche Sätze, die mit „Wir werden …“ beginnen oder dieselbe Zukunftsrichtung aufnehmen: widersprechen, eingreifen, verteidigen, Entscheidungen prüfen, parlamentarische und rechtliche Möglichkeiten ausschöpfen.

Damit wechselt die Rede von der Diagnose zum Handlungsprogramm. Die Grünen werden sprachlich vom Beobachter zum Akteur. Aus der Frage, was gerade geschehen ist, wird die Frage, wie die Fraktion darauf während der neuen Wahlperiode reagieren will.

Ein wichtiger Wendepunkt: Bis hierher erklärt die Rede vor allem, wie das Geschehene zu verstehen sei. Mit den wiederkehrenden „Wir werden“-Formulierungen verschiebt sie den Schwerpunkt auf zukünftiges Handeln und öffentliche Selbstverpflichtung.

Vom Plenarsaal in den Alltag Sachsen-Anhalts

Nach den institutionellen und politischen Begriffen wird die Rede deutlich konkreter. Sziborra-Seidlitz spricht nun von einer Pflegekraft, die aus dem Ausland gekommen ist, von einer Unternehmerin auf Fachkräftesuche, von Jugendlichen und von Ehrenamtlichen. Die Frage nach dem politischen Klima soll damit aus dem Plenarsaal herausgeführt und mit möglichen Alltagserfahrungen verbunden werden.

Auch diese Verschiebung erfüllt im Aufbau eine klare Funktion. Bis dahin hätte die Rede als Konflikt über ein parlamentarisches Amt gelesen werden können. Durch die konkreten Personengruppen behauptet die Rednerin eine größere gesellschaftliche Relevanz des Streits. Anschließend erweitert sie diesen Teil noch um Zukunftsthemen wie Gesundheitsversorgung, Schulen, Kommunen, Natur und Wirtschaft.

Damit setzt sie ihrem vorherigen Widerspruch ein positives politisches Angebot zur Seite. Ihre Fraktion will nach eigener Darstellung nicht ausschließlich verhindern und kontrollieren, sondern ebenfalls gestalten und mit anderen Fraktionen an Lösungen arbeiten.

Erst am Ende kommt der eigentliche Handlungsappell

Die Rede läuft schließlich auf jene Adressaten zu, die wir im vorherigen Kapitel als besonders wichtige Handlungsadressaten identifiziert haben. Sziborra-Seidlitz wendet sich ausdrücklich an die von ihr so bezeichneten „demokratischen Fraktionen“ und fordert sie auf, bei zukünftigen Entscheidungen zu prüfen, „welche Macht“ sie übertragen und welche Folgen dies für das Land habe.

Erst an dieser Stelle fällt auch die später vielfach zitierte Formulierung, die AfD mit Blick auf die Sitzordnung „demokratisch in die Zange“ zu nehmen. Das Bild steht also keineswegs am Anfang der Rede. Es erscheint am Ende einer längeren Argumentationskette: Amt → Verantwortung → politische Mitte → Anerkennung des Wahlergebnisses → eigener Auftrag → zukünftiges Handeln → Appell an andere Fraktionen.

Gerade diese Position innerhalb der Rede ist wichtig. Die „Zange“ ist eine zugespitzte Schlussmetapher, aber sie ersetzt nicht die vorherige Begründung. Warum das Bild medial dennoch beinahe die gesamte Rede überstrahlt, werden wir später gesondert untersuchen.

Der Schluss kehrt zur gemeinsamen Verantwortung zurück

Nach der scharfen Metapher öffnet Sziborra-Seidlitz ihren Adressatenkreis noch einmal. Sie fordert dazu auf, Menschen „unabhängig von ihrer Wahlentscheidung“ zuzuhören, Missstände sichtbar zu machen und gemeinsam nach machbaren Lösungen zu suchen. Die letzten Sätze richten sich schließlich wieder an das gesamte Parlament: „Wir alle hier in diesem Haus entscheiden darüber, was Sachsen-Anhalt ist und was Sachsen-Anhalt werden kann.“ Die Rede endet mit dem Begriff, mit dem sie bereits zu Beginn gearbeitet hat: Verantwortung.

Dadurch entsteht eine erkennbare Klammer. Am Anfang übernehmen die Abgeordneten gemeinsam Verantwortung für eine neue Wahlperiode, am Ende fordert Sziborra-Seidlitz „demokratische Verantwortung“ für das, was Sachsen-Anhalt künftig werden könne. Die Rede beginnt also beim gemeinsamen Parlament, führt durch einen scharfen politischen Konflikt und endet wiederum bei einer gemeinsamen Verantwortung – ohne die zuvor gezogenen politischen Grenzen zurückzunehmen.

Die Architektur in einem Satz: Sziborra-Seidlitz führt ihr Publikum vom gerade eingetretenen Ereignis über dessen Deutung und normative Bewertung zur persönlichen Verantwortung und schließlich zum zukünftigen Handeln.

Diese klare Bewegung erklärt, warum die Rede trotz ihrer thematischen Breite nicht vollständig auseinanderfällt. Besonders ungewöhnlich ist allerdings, was in diesem Aufbau kaum vorkommt: eine ausführliche Erzählung dessen, was gerade geschehen ist. Die Wahl wird nicht noch einmal minutiös nacherzählt. Sie muss es auch nicht werden. Das Publikum hat sie gerade erlebt. Damit übernimmt der besondere Zeitpunkt einen Teil jener Aufgabe, die in der klassischen Rhetorik der Narratio zukommt.

Warum braucht diese Rede fast keine Narratio?

Zu einer klassischen Rede gehört nach dem Einstieg häufig eine Narratio: Die Rednerin schildert den Sachverhalt, auf den sich ihre spätere Argumentation stützt. Wer genauer nachlesen möchte, findet dazu einen eigenen Beitrag von Joachim Knape zur Narratio in der rhetorischen Theorie. Das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen versteht Rhetorik dabei grundsätzlich als strategische Kommunikation – und genau aus dieser Perspektive ist interessant, was Sziborra-Seidlitz nicht tun muss.

Sie muss ihrem Publikum nämlich kaum erzählen, was geschehen ist. Die Abgeordneten haben die Wahl gerade selbst erlebt. Tobias Rausch ist gewählt worden, er hat die Wahl angenommen und Susan Sziborra-Seidlitz spricht noch vor der Amtsübergabe. Diese Reihenfolge dokumentiert nicht nur der Landtag Sachsen-Anhalt im offiziellen Transkript. Auch der Tagesspiegel beschreibt ihre Rede ausdrücklich als Auftritt „vor der Amtsübergabe“, während die taz festhält, dass Sziborra-Seidlitz zum Redepult ging, sobald die Wahl Rauschs feststand.

Für die Rede ist das ein großer Vorteil. Sziborra-Seidlitz muss keine kostbare Redezeit darauf verwenden, Abstimmungsverlauf, Ergebnis und Annahme der Wahl ausführlich nachzuerzählen. Sie kann fast unmittelbar mit der Deutung des gerade Erlebten beginnen. Ihr erster Satz reicht aus, um den gemeinsamen Ausgangspunkt aufzurufen: „Ein neuer Landtag konstituiert sich.“ Danach beschreibt sie kurz den parlamentarischen Normalfall und setzt ihm das gegenwärtige „Heute“ entgegen.

Zentraler Befund: In dieser Rede übernimmt der Kairos einen Teil der Narratio. Das Ereignis muss kaum erzählt werden, weil Rednerin und unmittelbares Publikum es gerade gemeinsam erlebt haben.

Diese Formulierung – „Der Kairos übernimmt einen Teil der Narratio“ – ist meine analytische Zuspitzung, kein Zitat aus der rhetorischen Fachliteratur. Sie beschreibt aber sehr genau, was in dieser Redesituation passiert: Der Zeitpunkt liefert Wissen mit. Das Publikum kennt den Anlass, kennt das Ergebnis und weiß, wer soeben gewählt wurde. Die Rede kann deshalb dort einsetzen, wo eine Rede vor einem uninformierten Publikum erst nach längerer Sachverhaltsdarstellung angekommen wäre.

Das erklärt auch die ungewöhnliche Geschwindigkeit der Argumentation. Schon nach wenigen Sätzen geht Sziborra-Seidlitz von der Konstituierung des neuen Landtags zur politischen Bewertung der Präsidentenwahl über. Danach folgen unmittelbar die Aufgaben des Präsidentenamtes und die Verantwortung derjenigen, die über dieses Amt abgestimmt haben. Eine ausführliche Vorgeschichte würde diesen Übergang eher bremsen als erleichtern.

Dass die Redesituation selbst einen Teil der Erklärung liefert, lässt sich auch an der journalistischen Rezeption beobachten. Beiträge wie jene von Tagesspiegel, taz, t-online oder der Thüringischen Landeszeitung greifen deshalb vor allem einzelne Deutungen und zugespitzte Formulierungen der Rede auf. Besonders die später noch ausführlich zu analysierende „Zange“ lässt sich aus dem unmittelbar bekannten politischen Ereignis heraus zitieren, ohne dass jedes Mal die komplette Vorgeschichte erzählt werden muss.

Gerade daran lässt sich der Zusammenhang von Kairos und Dispositio gut erkennen. Der günstige Augenblick beeinflusst nicht nur, ob eine Rede Aufmerksamkeit erhält. Er kann auch bestimmen, wie sie gebaut werden kann. Weil das Ereignis noch im Raum steht, darf die Erzählung knapp bleiben. Dadurch gewinnt Sziborra-Seidlitz Zeit für das, was ihr in diesen knapp sieben Minuten wichtiger ist: bewerten, Maßstäbe setzen, Verantwortung zuschreiben und zukünftiges Handeln einfordern.

Genau deshalb ist der Einstieg „Ein neuer Landtag konstituiert sich“ rhetorisch interessanter, als seine Schlichtheit zunächst vermuten lässt. Er eröffnet keine ausführliche Geschichte. Er aktiviert eine Situation, die bereits allen vor Augen steht. Von dort aus genügt Sziborra-Seidlitz ein einziges Gegensatzpaar – „normalerweise“ und „heute“ –, um vom gemeinsam Erlebten zu ihrer politischen Deutung überzugehen. Dieser kleine sprachliche Wechsel verdient deshalb im nächsten Schritt einen genaueren Blick.

Vom parlamentarischen Normalfall zum Ausnahme-Moment

Der erste Satz der Rede wirkt beinahe unspektakulär: „Ein neuer Landtag konstituiert sich.“ Keine Pointe, keine Attacke, kein politischer Paukenschlag. Gerade deshalb lohnt es sich, diesen Einstieg nicht zu überlesen. Susan Sziborra-Seidlitz beginnt ihre Rede dort, wo sich an diesem Tag tatsächlich alle Abgeordneten befinden: bei der Konstituierung eines neuen Parlaments.

In der klassischen Rhetorik heißt der Beginn einer Rede Exordium. Seine Aufgabe besteht vereinfacht gesagt darin, den Zugang zum Thema und zum Publikum herzustellen. Wer sich mit den Grundlagen strategischer Rhetorik ausführlicher beschäftigen möchte, findet dazu bei Joachim Knape und im Umfeld des Seminars für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen weiterführende Ansätze; Knapes Buch Was ist Rhetorik? verbindet dabei die klassische Rhetoriktradition mit moderner Kommunikationstheorie.

Sziborra-Seidlitz nutzt ihren Einstieg zunächst, um einen gemeinsamen Referenzrahmen aufzubauen. Sie beschreibt die Konstituierung eines Landtags als einen bedeutenden Moment des gemeinsamen Beginns einer neuen Wahlperiode. Regierung und Opposition übernehmen dabei unterschiedliche Aufgaben, gehören aber demselben parlamentarischen Prozess an. Der offizielle Sitzungsverlauf des Landtags Sachsen-Anhalt zeigt, dass ihre Rede tatsächlich mitten in dieser konstituierenden Sitzung steht.

Ein einzelnes Wort ist für diesen Einstieg besonders wichtig: „normalerweise“. Damit beschreibt die Rednerin nicht einfach einen parlamentarischen Ablauf. Sie baut eine Folie auf, vor der sie den aktuellen Vorgang gleich anders erscheinen lassen kann. Wer einen Normalfall definiert, kann anschließend zeigen, wo und warum die gegenwärtige Situation davon abweicht.

Genau diesen Wechsel vollzieht sie mit dem Satz: „Heute ist das aber mehr als eine normale Parlamentskonstituierung.“ Aus „normalerweise“ wird „heute“. Aus dem allgemeinen Ablauf wird der konkrete Tag. Aus der Beschreibung wird eine politische Deutung.

Der rhetorische Kniff liegt in der Reihenfolge: Sziborra-Seidlitz erklärt nicht sofort, warum sie die Situation für außergewöhnlich hält. Sie beschreibt zuerst, wie eine solche Konstituierung normalerweise verstanden werden kann. Erst danach markiert sie das „Heute“ als Abweichung.

Das ist für die Argumentation wichtiger als jede einzelne Stilfigurenbezeichnung. Würde sie unmittelbar mit ihrer Kritik an der Wahl beginnen, stünden von der ersten Sekunde an zwei politische Lager gegeneinander. Stattdessen setzt sie zunächst beim gemeinsamen parlamentarischen Selbstverständnis an. Erst auf dieser Grundlage formuliert sie den Konflikt.

Gerade dadurch erhält der anschließende Bruch Gewicht. Die Botschaft lautet sinngemäß: Wir wissen, was dieser Tag normalerweise bedeutet – und gerade deshalb müssen wir darüber sprechen, weshalb er heute aus meiner Sicht anders ist. Die politische Bewertung wird also an einen zuvor gesetzten institutionellen Maßstab gebunden.

Das passt zugleich zum besonderen Kairos dieser Rede. Die Konstituierung ist keine weit zurückliegende Tatsache, über die Sziborra-Seidlitz nachträglich spricht. Sie geschieht in diesem Augenblick. Das „Heute“ ist deshalb keine dekorative Zeitangabe. Es verbindet den Text direkt mit der Situation im Plenarsaal.

Bemerkenswert ist außerdem, dass die Politikerin von Bündnis 90/Die Grünen Sachsen-Anhalt nicht mit der eigenen Partei beginnt. Erst später spricht sie ausdrücklich von „wir Grünen“ und vom Auftrag ihrer eigenen Wählerinnen und Wähler. Im Exordium steht zunächst der Landtag als gemeinsame Institution im Zentrum. Für die Mehrfachadressierung der Rede ist das wichtig: Bevor die Rednerin ihre eigene politische Position markiert, stellt sie einen Bezugsrahmen her, der grundsätzlich für alle Abgeordneten gelten soll.

Damit erfüllt der Einstieg noch eine zweite Funktion. Er bereitet die folgende Argumentation über das Präsidentenamt vor. Wenn der Landtag zunächst als gemeinsames demokratisches Organ erscheint, lässt sich anschließend fragen, welche Anforderungen an die Person gestellt werden müssen, die dieses Organ nach außen vertritt und seine Sitzungen leitet. Der Einstieg ist deshalb keine höfliche Vorrede. Er legt bereits den Maßstab fest, den die Rednerin wenige Sätze später auf das Präsidentenamt anwenden wird.

Für die weitere Redeanalyse: „Normalerweise“ und „heute“ markieren mehr als einen zeitlichen Gegensatz. Sie strukturieren das Argument: erst der parlamentarische Normalfall, dann die behauptete Abweichung, anschließend die Frage nach Amt und Verantwortung.

Damit wird verständlich, warum der nächste Abschnitt der Rede nicht sofort zur Person Tobias Rausch springt. Sziborra-Seidlitz nimmt einen Umweg, der rhetorisch keiner ist: Sie beschreibt zunächst, was ein Landtagspräsident überhaupt leisten und schützen soll. Erst wenn dieser Maßstab steht, lässt sich die konkrete Wahl daran messen.

Erst das Amt, dann die Person

Nach ihrem Einstieg könnte Susan Sziborra-Seidlitz sofort auf Tobias Rausch und dessen Partei zu sprechen kommen. Sie tut es nicht. Stattdessen stellt sie zunächst das Amt des Landtagspräsidenten in den Mittelpunkt. Für die Argumentation ist diese Reihenfolge entscheidend: Bevor sie die konkrete Wahl bewertet, formuliert sie einen institutionellen Maßstab.

Im offiziellen Transkript der Rede im Landtag Sachsen-Anhalt heißt es:

„Der Präsident leitet die Sitzungen. Er wacht über die Rechte der Abgeordneten, unabhängig davon, wer künftig regiert oder in der Opposition sitzt. Er vertritt unser Parlament nach außen.“

Damit verschiebt Susan Sziborra-Seidlitz die Auseinandersetzung zunächst weg von der persönlichen und parteipolitischen Ebene. Die Frage lautet für einige Sätze nicht: Wer ist Tobias Rausch? Sie lautet vielmehr: Was ist das für ein Amt, das gerade vergeben wurde, und welche Anforderungen sind mit ihm verbunden?

Ein großer Teil der von ihr angesprochenen institutionellen Bedeutung lässt sich mit den offiziellen Regelungen abgleichen. Im aktuellen parlamentarischen Lexikon des Landtags Sachsen-Anhalt zum Landtagspräsidenten wird erläutert, dass der Präsident beziehungsweise ein Vizepräsident die Landtagssitzungen leitet. Der Präsident vertritt außerdem das Land in Angelegenheiten des Landtags, leitet den Ältestenrat und die Verwaltung und übt das Hausrecht sowie die Polizeigewalt in den Räumen des Landtags aus.

Auch Artikel 49 der Landesverfassung Sachsen-Anhalt regelt diese besondere Stellung: Der Präsident beziehungsweise die Vizepräsidenten leiten die Verhandlungen des Landtags; der Präsident vertritt das Land in Angelegenheiten des Landtags und führt dessen Verwaltung.

Sziborra-Seidlitz bleibt jedoch nicht bei einer Beschreibung formaler Aufgaben. Sie leitet daraus eine Erwartung an die Amtsführung ab:

„Dieses Amt verlangt es, sich als Vertreter des Landes und seines Landtages zu verstehen, nicht als Vertreter einer Partei. Es verlangt die Bereitschaft, die Würde und die Rechte aller zu schützen, gerade auch derjenigen, deren Überzeugung man nicht teilt.“

Genau darin steckt der argumentative Kern dieser Passage. Die Rednerin baut ihre Kritik nicht einfach nach dem Schema auf: Ich lehne diese Partei ab, also lehne ich auch diesen Präsidenten ab. Sie setzt einen Schritt davor an. Zuerst definiert sie, welche Erwartungen sie mit dem Amt verbindet. Anschließend bewertet sie die konkrete Wahl anhand dieses zuvor gesetzten Maßstabs.

Der argumentative Vorteil: Erst steht die Norm, dann folgt die Bewertung. Dadurch bindet Sziborra-Seidlitz ihre Kritik nicht ausschließlich an politische Gegnerschaft, sondern an die Funktion und Verantwortung des Präsidentenamtes.

Diese Reihenfolge bereitet zugleich den nächsten Schritt der Argumentation vor. Denn wenn das Amt so bedeutsam ist, wie Sziborra-Seidlitz es beschreibt, gewinnt auch die Frage an Gewicht, wer Verantwortung für seine Vergabe trägt. Genau an dieser Stelle wechselt sie von der Amtsnorm zu den Abgeordneten, die wenige Minuten zuvor abgestimmt haben:

„Wer dieses Amt einem Vertreter einer rechtsextremen und verfassungsfeindlichen Partei überträgt, der trägt Verantwortung dafür, was daraus wird.“

Die politische Charakterisierung der Partei ist hier ausdrücklich diejenige der Rednerin. Für unsere rhetorische Analyse interessiert zunächst ein anderes Detail: das Verb „überträgt“. Sziborra-Seidlitz beschreibt Macht damit nicht als etwas, das einfach vorhanden ist oder von selbst bei einer Person landet. Sie richtet den Blick auf diejenigen, die durch ihre Stimmen an der Übertragung eines Amtes beteiligt sind.

Wenige Sätze später verdichtet sie diesen Gedanken:

„Ein Vorschlagsrecht, das zweifelsohne besteht, nimmt niemandem die Verantwortung für die eigene Stimme ab.“

Hier greift sie einen möglichen Einwand direkt auf. Dass das Präsidentenamt auf Vorschlag der stärksten Fraktion besetzt wird, beschreibt auch das aktuelle Lexikon des Landtags Sachsen-Anhalt. Sziborra-Seidlitz bestreitet dieses Vorschlagsrecht nicht. Sie trennt vielmehr zwei Ebenen: das Recht einer Fraktion, einen Kandidaten vorzuschlagen, und die Verantwortung jedes einzelnen Abgeordneten für die eigene Abstimmung.

Damit wird aus der Beschreibung eines Amtes ein Verantwortungsargument. Das Amt ist bedeutsam, deshalb ist seine Vergabe bedeutsam. Über diese Vergabe entscheiden Abgeordnete mit ihren Stimmen – und genau deshalb versucht die Rednerin, Verantwortung nicht allein bei der vorschlagenden Fraktion zu verorten.

Hier zeigt sich erneut, wie eng Aufbau und Kairos dieser Rede zusammenarbeiten. Vor der Abstimmung hätte derselbe Gedanke als Warnung funktioniert: Überlegen Sie, wem Sie dieses Amt übertragen. Jetzt, unmittelbar danach, blickt er auf eine gerade erfolgte Entscheidung zurück. Zugleich öffnet er bereits die Zukunft, denn während der neuen Wahlperiode werden weitere Ämter, Zuständigkeiten und politische Handlungsmöglichkeiten vergeben werden.

Aus dem Amt wird damit die Frage nach Verantwortung, und aus der Verantwortung entwickelt sich wenig später die Frage nach Macht. Anschließend nimmt Sziborra-Seidlitz einen Begriff auf, bei dem sich Sitzordnung und politische Bedeutung ungewöhnlich eng verschränken: die „Mitte“.

Die Wortebene – das semantische Gerüst der Rede

Welche Wörter tragen diese Rede?

Bis hierher haben wir vor allem untersucht, wann Susan Sziborra-Seidlitz spricht, wen sie erreichen kann und wie sie ihre Gedanken ordnet. Nun wechseln wir die Perspektive. Wir schauen auf die Wörter selbst – noch nicht auf Metaphern, Anaphern oder andere rhetorische Figuren, sondern zunächst auf die Lexik und Semantik der Rede.

Lexik meint vereinfacht den verwendeten Wortschatz, Semantik die Bedeutungen und Bedeutungsbeziehungen, die mit diesen Wörtern entstehen. Für eine politische Rede ist das ausgesprochen aufschlussreich. Denn Rednerinnen wählen nicht nur Argumente aus. Sie entscheiden zugleich, in welcher sprachlichen Welt ihr Publikum über ein Ereignis nachdenken soll.

Wer die Rede im offiziellen Transkript des Landtags Sachsen-Anhalt liest, erkennt mehrere Wortfelder, die sich durch die knapp sieben Minuten ziehen. Besonders deutlich sind fünf Bereiche: Institution, demokratische Norm, Gefährdung, Handlung sowie Gemeinschaft und Zukunft.

Wortfeld Typische Begriffe der Rede Funktion im Argument
Institution Landtag, Parlament, Präsident, Abgeordnete, Fraktion, Präsidium, Wahlergebnis, Vorschlagsrecht Verankert den politischen Konflikt im parlamentarischen Verfahren.
Demokratische Norm Würde, Rechte, Respekt, Freiheit, Menschenwürde, Gerichte, Medien, Zivilgesellschaft Formuliert Maßstäbe, an denen politisches Handeln bewertet werden soll.
Gefährdung und Konflikt Grenze, Macht, herabsetzen, beschneiden, Beute, Ausgrenzung, einschüchtern Erzeugt einen Bedrohungsrahmen und begründet die Notwendigkeit von Reaktion.
Handlung widersprechen, eingreifen, verteidigen, prüfen, messen, ausschöpfen, zuhören, Lösungen suchen Macht aus der Diagnose ein Handlungsprogramm.
Gemeinschaft und Zukunft wir, unser Parlament, unsere Wählerinnen und Wähler, unser Land, Sachsen-Anhalt, künftig, Wahlperiode Verbindet Zugehörigkeit mit der Frage, was aus dem Land künftig werden soll.

Das institutionelle Vokabular hält die Rede im Parlament

Auffällig ist zunächst, wie stark Sziborra-Seidlitz im Wortschatz des Parlaments bleibt. Sie spricht vom Landtag, vom Präsidenten, von Abgeordnetenrechten, vom Vorschlagsrecht, vom Wahlergebnis, vom Präsidium sowie von parlamentarischen und rechtlichen Möglichkeiten. Selbst dort, wo die Rede schärfer wird, verliert sie diesen institutionellen Bezug nicht.

Das ist für die Wirkung wichtig. Die Auseinandersetzung wird sprachlich nicht ausschließlich als Konflikt zwischen Parteien dargestellt, sondern als Streit darüber, wie parlamentarische Ämter, Rechte und Macht ausgeübt werden sollen. Dadurch bleibt die Institution selbst der zentrale Bezugsrahmen.

Gerade deshalb ist der Begriff „Verantwortung“ so bedeutend. Er verbindet fast alle Ebenen miteinander: die Verantwortung des Parlaments, die Verantwortung für die eigene Stimme, die Verantwortung der Fraktionen und schließlich die Verantwortung für Sachsen-Anhalt. Dieses Wort werden wir im nächsten Abschnitt noch einmal gesondert verfolgen.

Würde, Rechte und Freiheit bilden den normativen Wortschatz

Neben dem parlamentarischen Vokabular steht ein zweites Feld: Wörter wie Würde, Rechte, Respekt, Freiheit und Menschenwürde. Hinzu kommen Institutionen, denen Sziborra-Seidlitz eine demokratische Schutzfunktion zuschreibt: unabhängige Gerichte, freie Medien, Wissenschaft, Kultur und Zivilgesellschaft.

Diese Wörter erfüllen eine andere Aufgabe als „Landtag“ oder „Präsidium“. Sie beschreiben nicht, wie ein Parlament organisatorisch funktioniert, sondern welche Werte nach Auffassung der Rednerin das politische Handeln leiten sollen. Besonders deutlich wird das in ihrer Definition der „demokratischen Mitte“. Dort verbindet sie den politischen Begriff mit Würde, Widerspruchsfähigkeit und der Anerkennung unabhängiger Institutionen.

Für die Redeanalyse müssen wir dabei sauber trennen: Das sind die Normsetzungen der Rednerin. Wir untersuchen, wie sie diese Begriffe verwendet und miteinander verbindet; damit erklären wir noch nicht automatisch jede politische Bewertung für objektiv richtig.

Der Wortschatz der Gefährdung erhöht den Druck

Gegenüber dieser normativen Sprache steht ein deutlich härteres Wortfeld. Sziborra-Seidlitz spricht von einer überschrittenen „Grenze“, von Menschen, die „herabgesetzt“ werden könnten, von Rechten, die „beschnitten“ werden sollen, von „Ausgrenzung“ und davon, dass Sachsen-Anhalt zur „Beute“ werden könne. Später folgt mit der „Zange“ ein weiteres starkes Bild.

Diese Wörter verändern die Temperatur der Rede. Aus einer Meinungsverschiedenheit wird sprachlich eine Situation, in der etwas geschützt, verteidigt oder begrenzt werden müsse. Besonders interessant ist dabei, dass die Rede den Bedrohungswortschatz immer wieder mit institutioneller Sprache verbindet. Gefahr und Verfahren stehen nebeneinander. Auf die behauptete Gefährdung sollen keine beliebigen Reaktionen folgen, sondern parlamentarische und rechtliche.

Merksatz: Die Rede verbindet zwei Sprachwelten: institutionelle Nüchternheit und politischen Konflikt. Gerade diese Mischung verhindert, dass die Rede nur wie eine Verwaltungserklärung oder nur wie eine Protestrede klingt.

Die Verben machen aus dem Befund eine Handlung

Besonders viel Bewegung entsteht durch die Verben. Sziborra-Seidlitz kündigt an, zu widersprechen, einzugreifen, zu verteidigen, zu prüfen, zu messen und parlamentarische Möglichkeiten auszuschöpfen. Gegen Ende kommen zuhören, Missstände sichtbar machen und Lösungen suchen hinzu.

Damit verändert sich die sprachliche Rolle ihrer eigenen Fraktion. Sie erscheint nicht nur als Beobachterin eines politischen Vorgangs. Der Wortschatz stellt sie als handelnden Akteur dar. Diese Verschiebung zeigt sich besonders deutlich in den wiederkehrenden „Wir werden“-Sätzen, die wir später bei den rhetorischen Figuren noch genauer untersuchen.

Spannend ist außerdem der Gegensatz zwischen Aktiv und Passiv. Gefährdungen erscheinen häufig als etwas, das Menschen oder Rechten widerfahren kann: Menschen werden herabgesetzt, Rechte sollen beschnitten werden. Die eigene Reaktion erscheint dagegen aktiv: Wir widersprechen, wir greifen ein, wir verteidigen. Schon die Grammatik verteilt damit Rollen.

Aus dem Parlament wird langsam Sachsen-Anhalt

Im letzten Drittel verändert sich der Wortschatz noch einmal. Statt hauptsächlich über Amt, Rechte und Institutionen zu sprechen, nennt Sziborra-Seidlitz konkrete Menschen: Pflegekraft, Unternehmerin, Jugendliche und Ehrenamtliche. Danach folgen Gesundheitsversorgung, Schulen, Kommunen, Wirtschaft und Natur.

Die Rede erweitert damit ihren Raum. Sie beginnt im Plenarsaal und bewegt sich sprachlich hinaus in das Land. Aus der Frage, wie ein Parlamentsamt ausgeübt wird, entsteht die größere Frage, welche Folgen politisches Handeln für Menschen und für die Zukunft Sachsen-Anhalts haben soll.

Dabei verändert sich auch das Wort „wir“. Mal meint es die Grünen, mal die Abgeordneten insgesamt, mal einen größeren politischen Zusammenhang. Ähnliches gilt für „unser Parlament“, „unsere Wählerinnen und Wähler“ und „unser Land“. Diese wechselnden Zugehörigkeiten sind rhetorisch so interessant, dass wir ihnen später ein eigenes Kapitel widmen.

Das semantische Grundmuster: Die Rede bewegt sich sprachlich von Institutionen über Normen und Gefährdungen zu Handlung und Zukunft. Genau diese Wortfelder tragen die argumentative Bewegung, die wir zuvor bereits in der Dispositio erkennen konnten.

Damit zeigt sich: Die Wortwahl ist keine dekorative Schicht, die nachträglich über die Argumente gelegt wird. Sie strukturiert, wie das Publikum den Vorgang wahrnehmen soll. Amt und Parlament liefern den institutionellen Rahmen, Würde und Rechte den normativen Maßstab, Grenze und Gefährdung den Konflikt, aktive Verben die Reaktion und Sachsen-Anhalt sowie die Zukunft den größeren Horizont.

In den folgenden Abschnitten zerlegen wir dieses semantische Gerüst deshalb noch genauer. Den Anfang macht ein Wort, das beinahe wie ein Leitfaden durch die gesamte Rede läuft und am Schluss noch einmal ausdrücklich zurückkehrt: Verantwortung.

„Verantwortung“: Das Leitwort, das Anfang und Ende verbindet

Wenn ich „Verantwortung“ hier als Leitwort bezeichne, meine ich damit nicht, dass es statistisch das häufigste Wort der Rede wäre. Entscheidend ist seine strukturelle Funktion. Der Begriff erscheint an mehreren Schlüsselstellen, und jedes Mal verschiebt sich sein Bedeutungsradius. Was am Anfang als allgemeine parlamentarische Aufgabe eingeführt wird, wird wenig später zur persönlichen Verantwortung für eine Abstimmung, anschließend zur Selbstverpflichtung der eigenen Fraktion, zur Verantwortung gegenüber dem Land und schließlich zur „demokratischen Verantwortung“ des gesamten Hauses.

Gerade deshalb lohnt sich bei dieser Rede von Susan Sziborra-Seidlitz im offiziellen Landtagstranskript ein genauer Blick auf ein einzelnes Wort. Die Wortwahl ist hier kein Schmuck. Sie organisiert das Argument.

Stelle der Rede Verantwortungsbegriff Bedeutungsradius
Beginn der Wahlperiode „übernehmen Verantwortung“ gemeinsame parlamentarische Verantwortung von Regierung und Opposition
Wahl des Präsidenten „trägt Verantwortung dafür“ Verantwortung für die Folgen einer konkreten Amtsübertragung
Abstimmungsverhalten „Verantwortung für die eigene Stimme“ Individualisierung: Jede und jeder Abstimmende bleibt für die eigene Entscheidung verantwortlich
Selbstverpflichtung der Grünen „unserer Verantwortung für Sachsen-Anhalt“ politische Selbstbindung der eigenen Fraktion
Zusammenarbeit der Fraktionen „Verantwortung für das Land“ fraktionsübergreifende Verpflichtung trotz unterschiedlicher Überzeugungen
Schluss „mit demokratischer Verantwortung“ erneute Erweiterung auf das Parlament als Ganzes

Am Anfang gehört die Verantwortung allen

Schon in den ersten Sekunden setzt Sziborra-Seidlitz das Wort. Die neue Wahlperiode beginnt, und Regierung wie Opposition „übernehmen Verantwortung“. An dieser Stelle ist der Begriff noch weit und integrativ. Er unterscheidet nicht zwischen Parteien und bewertet noch keine konkrete Entscheidung. Wer in diesem neu konstituierten Landtag sitzt, übernimmt nach dieser Lesart mit dem Mandat zugleich eine politische Verpflichtung.

Das passt zu dem Exordium, das wir gerade untersucht haben. Der Normalfall einer Parlamentskonstituierung wird zunächst als gemeinsamer Anfang beschrieben. Auch das Wort „Verantwortung“ gehört in diesem Moment allen. Erst danach beginnt Sziborra-Seidlitz, den Kreis enger zu ziehen.

Aus allgemeiner Verantwortung wird Verantwortung für eine konkrete Entscheidung

Nach der Beschreibung des Präsidentenamtes verändert sich das Wort. Nun spricht die Rednerin davon, dass derjenige, der dieses Amt überträgt, „Verantwortung dafür“ trägt, was daraus folgt. Damit erhält der Begriff eine andere Richtung. Er bezeichnet nicht länger nur eine allgemeine parlamentarische Aufgabe, sondern stellt einen Zusammenhang zwischen Entscheidung und Folge her.

Das ist für ihre Argumentation zentral. Sziborra-Seidlitz versucht, die Präsidentenwahl nicht als rein formalen Vorgang erscheinen zu lassen, bei dem die stärkste Fraktion einen Kandidaten vorschlägt und das Parlament anschließend eine institutionelle Routine vollzieht. In ihrer Deutung erzeugt die Abstimmung Verantwortung, weil durch sie ein Amt mit konkreten Befugnissen übertragen wird.

Deshalb folgt unmittelbar die nächste Verschärfung: Diese Verantwortung könne nicht auf parlamentarische Gepflogenheiten oder das Vorschlagsrecht einer Fraktion abgeschoben werden. Der Begriff erhält damit eine zusätzliche Eigenschaft: Verantwortung ist in dieser Argumentation nicht delegierbar.

Das Wort bleibt dasselbe, sein Träger wechselt: Erst trägt das Parlament gemeinsam Verantwortung. Wenige Sätze später trägt der einzelne Abgeordnete Verantwortung für eine konkrete Entscheidung.

„Die eigene Stimme“ macht Verantwortung persönlich

Am deutlichsten wird diese Individualisierung in der Formulierung „Verantwortung für die eigene Stimme“. Das ist semantisch erheblich präziser als eine allgemeine Rede von politischer Verantwortung. Nun lässt sich der Begriff einem konkreten Akt zuordnen: der persönlichen Stimmabgabe.

Damit erreicht Sziborra-Seidlitz einen entscheidenden Punkt ihrer Argumentation. Das Vorschlagsrecht liegt bei einer Fraktion, die Abstimmungsentscheidung jedoch bei den einzelnen Abgeordneten. Rhetorisch trennt sie also institutionelles Verfahren und individuelle Entscheidung. Gerade dadurch wird Verantwortung personalisiert.

Das erklärt auch, warum dieser Abschnitt für die späteren Appelle an die anderen Fraktionen so wichtig ist. Wenn Verantwortung an die eigene Stimme gebunden wird, kann derselbe Maßstab bei zukünftigen Entscheidungen erneut aufgerufen werden. Die Präsidentenwahl ist abgeschlossen, weitere Abstimmungen werden folgen.

Dann nimmt die Rednerin ihre eigene Fraktion in die Pflicht

Bemerkenswert ist, dass Sziborra-Seidlitz Verantwortung nicht ausschließlich den politischen Gegnern oder anderen Fraktionen zuschreibt. Im mittleren Teil der Rede verbindet sie die angekündigte Gegenwehr ihrer eigenen Fraktion ausdrücklich mit „unserer Verantwortung für Sachsen-Anhalt“.

Damit verändert sich die Funktion des Wortes erneut. Aus der Zuschreibung an andere wird eine Selbstverpflichtung. Die zahlreichen Verben, die diesen Teil der Rede prägen – widersprechen, eingreifen, verteidigen, prüfen und parlamentarische Möglichkeiten ausschöpfen – erscheinen dadurch nicht nur als Ankündigungen politischen Widerstands. Sie werden von der Rednerin als Konsequenzen der eigenen Verantwortung begründet.

Hier zeigt sich sehr deutlich, weshalb eine reine Figurenanalyse zu kurz greifen würde. Die später zu untersuchende Wiederholung von „Wir werden …“ ist zwar sprachlich auffällig. Ihren argumentativen Sinn erhält sie aber erst durch das semantische Fundament darunter: Wir handeln so, weil wir uns verantwortlich sehen.

Verantwortung zwingt in ihrer Argumentation sogar zur Zusammenarbeit

Noch einmal verändert sich der Bedeutungsradius, als Sziborra-Seidlitz über politische Gestaltung spricht. Sie kündigt konkrete Vorschläge für Sachsen-Anhalt an und erklärt ihre Bereitschaft, mit anderen Fraktionen tragfähige Lösungen zu suchen. Unterschiedliche Überzeugungen verschwinden dabei ausdrücklich nicht. Trotzdem verlange „Verantwortung für das Land“ Zusammenarbeit.

Das ist semantisch interessant, weil „Verantwortung“ hier eine andere Beziehung stiftet als zuvor. Bei der Präsidentenwahl diente der Begriff dazu, Entscheidungen einzelnen Abgeordneten zuzurechnen. Nun wird er zum Argument dafür, politische Differenzen nicht mit vollständiger Handlungsunfähigkeit gleichzusetzen. Verantwortung grenzt also einerseits ab und verbindet andererseits.

Genau an dieser Stelle wird die Mehrfachadressierung der Rede wieder sichtbar. Die eigene Fraktion verpflichtet sich selbst; zugleich werden andere Fraktionen angesprochen. Der Begriff „Verantwortung“ wandert damit von der einzelnen Stimme über die eigene politische Gruppe in einen größeren parlamentarischen Zusammenhang.

Am Ende wird daraus „demokratische Verantwortung“

Der Schluss führt diesen Weg konsequent zu Ende. Sziborra-Seidlitz erweitert den Blick wieder auf das gesamte Haus und endet schließlich mit „demokratischer Verantwortung“. Das Adjektiv ist wichtig. Verantwortung wird nun nicht mehr nur an eine einzelne Abstimmung, eine Fraktion oder ein politisches Vorhaben gebunden. Sie wird auf die institutionelle Ordnung bezogen, innerhalb derer all diese Entscheidungen stattfinden.

Damit schließt sich zugleich die Klammer zum Anfang. Dort begann eine neue Wahlperiode mit gemeinsamer parlamentarischer Verantwortung. Am Ende steht erneut das gesamte Parlament im Blick, nun allerdings nach einer Rede, die Verantwortlichkeiten mehrfach präzisiert und zugespitzt hat.

Der Bedeutungsradius wächst und schrumpft im Verlauf der Rede:
Parlament → konkrete Amtsübertragung → einzelne Stimme → eigene Fraktion → Zusammenarbeit der Fraktionen → Parlament als demokratische Institution.

Das macht „Verantwortung“ zu mehr als einem positiv besetzten politischen Wort. In dieser Rede erfüllt der Begriff eine Ordnungsfunktion. Er verbindet Rückblick und Zukunft, individuelle Entscheidung und institutionelle Rolle, Abgrenzung und Zusammenarbeit.

Gerade die zeitliche Bewegung ist dabei bemerkenswert. Bei der Präsidentenwahl blickt „Verantwortung“ auf eine gerade getroffene Entscheidung zurück: Wer hat seine Stimme wofür eingesetzt? Wenig später richtet sich derselbe Begriff nach vorn: Wie wird die eigene Fraktion handeln, wie sollen andere Fraktionen entscheiden und welche Verantwortung trägt das Parlament für die kommende Wahlperiode? Das Leitwort verbindet damit das Geschehene mit dem noch Veränderbaren.

In der Terminologie der strategischen Rhetorik zeigt sich hier besonders gut, weshalb Wortwahl nicht von Argumentation zu trennen ist. Wer sich mit diesem Zusammenhang vertieft beschäftigen möchte, findet beim Tübinger Rhetoriker Joachim Knape und seiner Einführung in die strategische Rhetorik den theoretischen Hintergrund für die Frage, wie sprachliche Gestaltung auf ein kommunikatives Ziel ausgerichtet wird.

Und ausgerechnet aus diesem Leitwort führt die Rede zu einem zweiten Schlüsselbegriff, der wesentlich konfliktreicher ist: Macht. Denn Verantwortung entsteht bei Sziborra-Seidlitz immer dort, wo Menschen entscheiden, welche Macht sie anderen übertragen. Genau dieses Verhältnis zwischen „Macht gewinnen“ und „Macht übertragen“ verdient deshalb als Nächstes einen eigenen Blick.

„Macht gewinnen“ und „Macht übertragen“

Nach „Verantwortung“ gehört „Macht“ zu den Wörtern, an denen sich die Strategie dieser Rede besonders gut beobachten lässt. Entscheidend ist dabei nicht allein, dass Susan Sziborra-Seidlitz über Macht spricht. Interessanter ist, mit welchen Verben sie dieses Substantiv verbindet. An einer Stelle geht es darum, dass politische Akteure Macht über demokratische Institutionen gewinnen. Gegen Ende fordert sie die anderen Fraktionen dagegen auf zu prüfen, welche Macht sie übertragen. Zwischen diesen beiden Formulierungen verschiebt sich die Perspektive erheblich.

Im offiziellen Transkript des Landtags Sachsen-Anhalt lässt sich diese Bewegung genau verfolgen. Zunächst warnt Sziborra-Seidlitz vor Personen, die „Macht über demokratische Institutionen gewinnen“. Am Ende verändert sich der grammatische Blickwinkel: Nun sollen die angesprochenen Abgeordneten prüfen, „welche Macht Sie übertragen“.

Formulierung Blickrichtung Rhetorische Konsequenz
Macht gewinnen Blick auf diejenigen, die Macht erhalten oder ausbauen beschreibt eine Entwicklung und ihren möglichen Empfänger
Macht übertragen Blick auf diejenigen, die durch ihre Entscheidung Macht vergeben macht Handlungsspielraum und Verantwortlichkeit der Entscheidenden sichtbar

„Macht gewinnen“ richtet den Blick auf den Empfänger

Wer von jemandem sagt, er gewinne Macht, richtet die Aufmerksamkeit zunächst auf denjenigen, dessen Einfluss zunimmt. Genau so funktioniert die erste Verwendung in der Rede. Sziborra-Seidlitz spricht dort über die Möglichkeit, dass politische Akteure Einfluss auf demokratische Institutionen erhalten. Im Zentrum des Satzes stehen diejenigen, die Macht gewinnen.

Das passt zu diesem Teil der Rede. Sie hat das Wahlergebnis bereits anerkannt und begründet nun, weshalb sie daraus nach ihrer eigenen politischen Bewertung besondere Wachsamkeit ableitet. „Macht gewinnen“ beschreibt dabei zunächst eine Entwicklung aus der Perspektive derjenigen, deren Einfluss wächst.

Für eine Rede, die zukünftiges Verhalten anderer Fraktionen beeinflussen möchte, reicht diese Perspektive allerdings nicht aus. Denn wer ausschließlich über denjenigen spricht, der Macht gewinnt, lässt diejenigen sprachlich im Hintergrund, durch deren Entscheidungen institutionelle Macht überhaupt übertragen werden kann.

Mit „übertragen“ wechselt der Handlungsträger

Genau deshalb ist das Verb „übertragen“ so wichtig. Bereits kurz nach der Wahl des Landtagspräsidenten verwendet Sziborra-Seidlitz dieses Verb im Zusammenhang mit dem Präsidentenamt. Wer ein solches Amt überträgt, so lautet ihre Argumentation, trägt auch Verantwortung für die Entscheidung. Gleich danach bindet sie diese Verantwortung an die „eigene Stimme“.

Damit ändert sich die Blickrichtung. Die AfD bleibt Gegenstand der politischen Auseinandersetzung, doch die grammatische Handlungsmacht liegt nun bei anderen: bei den Abgeordneten, die über ein Amt oder später über weitere parlamentarische Entscheidungen abstimmen.

Der entscheidende Perspektivwechsel: „Macht gewinnen“ fragt danach, wer Macht erhält. „Macht übertragen“ lenkt den Blick darauf, wer dazu beiträgt, dass jemand diese Macht erhält.

Das Verb trägt deshalb einen erheblichen Teil des Verantwortungsarguments. „Übertragen“ beschreibt Macht nicht wie einen Besitz, der plötzlich irgendwo auftaucht. Das Wort setzt einen Vorgang voraus: Etwas geht von einer Seite auf eine andere über. Im parlamentarischen Zusammenhang rücken dadurch diejenigen ins Bild, die wählen, zustimmen, Mehrheiten ermöglichen oder Ämter vergeben.

Damit schließt diese Wortwahl unmittelbar an den vorherigen Abschnitt über Verantwortung an. Ein Vorschlagsrecht kann erklären, warum ein Kandidat zur Wahl steht. Für Sziborra-Seidlitz beantwortet es jedoch noch nicht die Frage, wer für die tatsächliche Übertragung eines Amtes Verantwortung trägt. Genau deshalb verbindet sie Vorschlagsrecht, persönliche Stimme und Machtübertragung miteinander.

Aus der vergangenen Wahl wird eine Regel für kommende Entscheidungen

Die zweite Verwendung des Verbs „übertragen“ steht fast am Ende der Rede – und gerade ihre Position ist rhetorisch aufschlussreich. Nun geht es nicht mehr nur darum, die bereits abgeschlossene Präsidentenwahl zu bewerten. Sziborra-Seidlitz wendet sich ausdrücklich an die von ihr als „demokratische Fraktionen“ bezeichneten Abgeordneten und fordert sie auf, diese Frage bei zukünftigen Entscheidungen „jedes einzelne Mal“ neu zu stellen.

Die Präsidentenwahl wird damit zum Ausgangspunkt einer allgemeineren Handlungsregel: Achtet künftig darauf, welche institutionellen Möglichkeiten eure Entscheidungen anderen eröffnen. Genau diese Passage wurde auch in der zeitgenössischen Berichterstattung aufgegriffen. So hebt etwa GMX in seinem Bericht zur konstituierenden Sitzung gerade den Appell zur künftigen Prüfung von Machtübertragungen hervor.

Damit bestätigt sich ein Befund aus unserer Adressatenanalyse: Die sichtbar angegriffene Partei ist nicht automatisch der wichtigste Persuasionsadressat. Würde sich die Rede ausschließlich an die AfD richten, wäre die Formulierung „welche Macht Sie übertragen“ kaum der strategische Höhepunkt. Denn die Aufforderung richtet sich ausdrücklich an andere Fraktionen – also an diejenigen, deren zukünftiges Abstimmungsverhalten noch beeinflussbar ist.

Das Verb verwandelt Beobachter in Beteiligte

Genau hier liegt die rhetorische Stärke der Formulierung. Ein Satz wie „Die AfD gewinnt Macht“ lässt sich aus der Position eines Beobachters sagen. Die Aussage beschreibt eine Entwicklung. „Welche Macht Sie übertragen“ funktioniert anders. Wer mit „Sie“ angesprochen wird, steht plötzlich innerhalb des beschriebenen Vorgangs.

Aus Beobachtung wird Beteiligung. Aus Beteiligung folgt in der Logik dieser Rede Verantwortung. Und weil zukünftige Entscheidungen noch nicht gefallen sind, entsteht daraus schließlich ein möglicher Handlungsauftrag.

Diese Bewegung lässt sich nahezu wie eine kleine rhetorische Kausalkette lesen:

Abstimmen → Macht übertragen → Verantwortung tragen → künftige Entscheidungen prüfen

Dass diese Verantwortungslogik nicht nur in der Rede selbst auftaucht, sondern auch von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Landtag Sachsen-Anhalt in ihrer Mitteilung zur Präsidentenwahl aufgegriffen wird, ist für die Einordnung hilfreich. Die Mitteilung verbindet ebenfalls die Übertragung des Amtes mit politischer Verantwortung. Für unsere Analyse bleibt dennoch entscheidend, wie präzise diese Verbindung bereits innerhalb der Rede sprachlich vorbereitet wird.

Macht erscheint nicht als Zustand, sondern als Beziehung

Noch etwas fällt auf: In dieser Rede erscheint Macht kaum als abstrakter Besitz. Sie entsteht in Beziehungen zwischen politischen Akteuren und Institutionen. Jemand gewinnt Macht über Institutionen; andere übertragen Macht; ein Amt bringt bestimmte Befugnisse mit sich; Abgeordnete können diese Übertragung durch ihre Stimme ermöglichen.

Damit wird „Macht“ semantisch an parlamentarisches Handeln gebunden. Das ist ein wichtiger Unterschied zur bloßen Warnung vor einem politischen Gegner. Sziborra-Seidlitz argumentiert nicht nur darüber, wer mächtig ist, sondern darüber, wie Macht institutionell entsteht und welchen Anteil andere Akteure daran haben.

Aus Sicht strategischer Rhetorik ist das besonders interessant, weil die Rede damit bei einem Bereich ansetzt, den ihre Adressaten tatsächlich beeinflussen können. Joachim Knapes rhetorische Theorie fragt gerade nach Kommunikation, die auf Veränderungen von Einstellungen oder Handlungen zielt; weiterführende Texte dazu stellt das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen bereit. In unserem Fall lässt sich das Wirkungsziel sprachlich ungewöhnlich genau lokalisieren: Nicht die bereits vollzogene Wahl kann noch verändert werden, wohl aber zukünftiges Abstimmungsverhalten.

Für die Gesamtanalyse entscheidend: Mit dem Wechsel von „Macht gewinnen“ zu „Macht übertragen“ verschiebt Sziborra-Seidlitz die Aufmerksamkeit vom politischen Gegner zu dessen parlamentarischem Umfeld. Dort liegt nach der abgeschlossenen Präsidentenwahl der noch vorhandene Handlungsspielraum.

Diese Verschiebung erklärt zugleich, warum der Appell am Ende der Rede so präzise auf zukünftige Einzelentscheidungen zielt. Der politische Gegner mag versuchen, Macht zu gewinnen; darüber, welche institutionelle Macht tatsächlich übertragen wird, entscheiden nach dieser Argumentationslogik immer wieder auch andere.

Im nächsten Wortpaar geschieht etwas Ähnliches. Sziborra-Seidlitz spricht zunächst davon, dass eine „Grenze überschritten“ worden sei, und wenig später davon, dass Menschen selbst „Grenzen ziehen“ müssten. Wieder wandert ein Begriff von der Diagnose zur Handlung.

„Grenze überschreiten“ und „Grenzen ziehen“

Auch beim Wort „Grenze“ arbeitet Susan Sziborra-Seidlitz mit einer auffälligen Bedeutungsbewegung. Der Begriff taucht zunächst dort auf, wo sie die gerade erfolgte Präsidentenwahl bewertet. Später kehrt er in einem völlig anderen grammatischen Zusammenhang zurück. Aus der diagnostizierten Grenzüberschreitung wird die aktive Grenzziehung. Das Wort bleibt, aber seine Funktion verändert sich.

Gleich zu Beginn bezeichnet Sziborra-Seidlitz die Wahl in ihrer politischen Bewertung als Überschreitung einer Grenze. Im offiziellen Transkript des Landtags Sachsen-Anhalt lautet die Formulierung, mit der sie vom parlamentarischen Normalfall zum Ausnahme-Moment übergeht, dass mit der Wahl „eine Grenze überschritten worden ist“. Auch die Süddeutsche Zeitung und der Liveblog von GMX griffen gerade diese Formulierung in ihrer Berichterstattung auf.

Für die Analyse ist wichtig, den Satz genau zu lesen. Sziborra-Seidlitz behauptet hier keine juristisch definierte Grenze und bezeichnet auch keinen formalen Verfassungsverstoß durch den Wahlvorgang. „Grenze“ ist an dieser Stelle ihre politische und normative Deutung des Geschehens. Die Metapher erzeugt eine Vorstellung von einem Bereich, innerhalb dessen etwas bislang geblieben sei, und einem Punkt, der nun überschritten worden sei.

Formulierung Grammatische Perspektive Funktion in der Rede
„eine Grenze überschritten worden ist“ Passiv, abgeschlossener Vorgang bewertet das gerade eingetretene Ereignis
„Grenzen ziehen müssen“ aktive Menschen als Handlungsträger, verbunden mit „müssen“ formuliert eine zukünftige beziehungsweise fortdauernde Handlungsverpflichtung

Die erste Grenze bezeichnet einen bereits eingetretenen Zustand

Die grammatische Form ist keineswegs nebensächlich: „Eine Grenze ist überschritten worden.“ Die Passivkonstruktion rückt zunächst nicht die handelnde Person in den Vordergrund, sondern das Ergebnis. Etwas ist nach Auffassung der Rednerin geschehen, und dieses Geschehen verändert die Lage, in der das Parlament nun handelt.

Das passt exakt zur rhetorischen Situation. Die Wahl kann nicht mehr verhindert werden. Deshalb diskutiert Sziborra-Seidlitz an dieser Stelle nicht darüber, ob die Grenze überschritten werden soll. In ihrer Argumentation ist sie bereits überschritten. Die Formulierung gehört damit zur Diagnose der neuen Situation.

Auch das unbestimmte „eine Grenze“ ist bemerkenswert. Die Rednerin erläutert an dieser Stelle noch nicht abschließend, wo diese Grenze verläuft. Erst die folgenden Passagen liefern die Maßstäbe, mit denen sie ihre Bewertung begründet: das Präsidentenamt, der Schutz der Rechte aller Abgeordneten, Menschenwürde, unabhängige Institutionen und das von ihr entworfene Verständnis einer demokratischen Mitte.

Der Begriff funktioniert dadurch wie eine semantische Vorankündigung. Sziborra-Seidlitz sagt zunächst: Hier wurde nach meiner Auffassung eine Grenze überschritten. Danach entwickelt sie, an welchen politischen und institutionellen Normen sie diese Aussage festmacht.

Später werden aus der einen Grenze mehrere „Grenzen“

Gut zwei Minuten später nimmt Sziborra-Seidlitz dasselbe Wortfeld wieder auf. Der Kontext ist inzwischen ein anderer. Nach der Anerkennung des Wahlergebnisses, dem Hinweis auf den eigenen Wählerauftrag und einer historischen Einordnung reagiert sie auf einen Zwischenruf von Oliver Kirchner. Weil gerade diese Passage leicht aus ihrem Zusammenhang gelöst werden kann, gehört sie vollständig betrachtet:

„Und Herr Kirchner, auf Ihren Zwischenruf: Sie sollten vielleicht im Parlament nicht so mutig sein mit Dingen, die Ihnen außerhalb des Parlaments schon gerichtlich untersagt worden sind. Demokratische Institutionen schützen sich nicht von selbst. Es sind Menschen, die ihre Regeln verteidigen, ihre Rechte gebrauchen und Grenzen ziehen müssen. Dafür sitzen wir alle hier – klar in der Sache, beharrlich in der Arbeit.“

Die Behauptung über eine gerichtliche Untersagung ist in dieser Passage eine Aussage Sziborra-Seidlitz’; für unsere Wortanalyse müssen wir ihren zugrunde liegenden Rechtsfall nicht voraussetzen. Entscheidend ist der unmittelbar folgende Gedankengang. Die „Grenze“ kehrt zurück, aber nicht mehr als etwas bereits Überschrittenes. Jetzt sollen Menschen Grenzen selbst ziehen.

Damit verändert sich gleichzeitig die Zahl: Aus „einer Grenze“ werden „Grenzen“. Auch das erweitert den Bedeutungsraum. Am Anfang steht ein konkreter politischer Moment, den Sziborra-Seidlitz als Grenzüberschreitung bezeichnet. Später geht es um eine wiederkehrende Aufgabe: Regeln verteidigen, Rechte gebrauchen, Grenzen ziehen.

Die semantische Bewegung: Zuerst ist die Grenze Teil einer Diagnose: Etwas sei überschritten worden. Später wird Grenzziehung zu einer Handlung: Menschen sollen selbst dafür sorgen, dass Regeln und Rechte verteidigt werden.

Vom Passiv zum Aktiv – und vom Ereignis zur Verpflichtung

Besonders aufschlussreich ist der grammatische Wechsel. Am Anfang steht eine Passivform: „überschritten worden ist“. Später treten Menschen als grammatische Akteure auf: Sie „verteidigen“, „gebrauchen“ und „ziehen“. Die Rede verlässt damit sprachlich die reine Ereignisbeschreibung.

Hinzu kommt das Modalverb „müssen“. Sziborra-Seidlitz sagt nicht, Menschen könnten Grenzen ziehen. In ihrer Argumentation besteht eine Verpflichtung dazu. Der Satz „Demokratische Institutionen schützen sich nicht von selbst“ liefert dafür die Begründung: Wenn Institutionen keinen automatischen Selbstschutz besitzen, müssen Menschen handeln.

So entsteht innerhalb weniger Sätze eine kleine Argumentationskette:

Institutionen schützen sich nicht selbst → Menschen müssen handeln → Regeln verteidigen → Rechte gebrauchen → Grenzen ziehen

„Grenzen ziehen“ steht also nicht isoliert im Raum. Es ist in eine Reihe von Tätigkeiten eingebettet, die ausdrücklich auf Regeln und Rechte bezogen werden. Das schützt die Analyse vor einem Missverständnis: Die Formulierung bezeichnet in diesem Zusammenhang keine beliebige politische Ausgrenzung, sondern wird von Sziborra-Seidlitz als Bestandteil ihres Verständnisses institutioneller Selbstbehauptung formuliert.

Die Rednerin verwandelt die Grenzüberschreitung in einen Handlungsauftrag

Damit wiederholt sich ein Muster, das wir schon bei „Macht“ beobachten konnten. Sziborra-Seidlitz verwendet zentrale Wörter zunächst, um eine Situation zu beschreiben, und später, um aus dieser Situation Handlungen abzuleiten. Bei der Macht lautete die Bewegung „Macht gewinnen“ → „Macht übertragen“. Beim Grenzbegriff lautet sie „Grenze überschritten“ → „Grenzen ziehen“.

In beiden Fällen verlagert sich die Aufmerksamkeit auf die Handlungsmöglichkeiten ihrer Adressaten. Die Präsidentenwahl ist abgeschlossen. Die von ihr behauptete Grenzüberschreitung gehört damit bereits zur Vergangenheit. Ob und wo zukünftig Grenzen gezogen werden, erscheint dagegen als offene Aufgabe.

Damit schließt das Wortfeld wieder an unsere Intellectio und die Adressatenanalyse an. Die Rede kann das vergangene Ereignis nicht verändern. Sie kann jedoch versuchen, aus seiner Deutung einen Maßstab für kommendes Verhalten entstehen zu lassen. Genau dafür eignet sich die semantische Wiederaufnahme: Dasselbe Wort, mit dem die Rednerin den Zustand beschreibt, liefert später das Verb für die geforderte Reaktion.

„Grenze“ gehört zugleich zu einer räumlichen Sprache der gesamten Rede

Damit stoßen wir auf ein noch größeres semantisches Muster. Sziborra-Seidlitz spricht nicht nur von Grenzen. Wenig zuvor und wenig später geht es um die „Mitte“ des Plenarsaals, um die politische Mitte und schließlich um die berühmte „Zange“. Drei zentrale Begriffe der Rede erzeugen damit räumliche Vorstellungen: Grenze, Mitte, Zange.

Das ist für unsere Analyse besonders ergiebig, weil die räumliche Sprache teilweise an einen tatsächlich sichtbaren Raum gebunden ist. Die Sitzordnung des Landtags existiert vor den Augen der Anwesenden. Sziborra-Seidlitz nimmt diesen realen Raum auf und verbindet ihn mit politischen Bedeutungen.

Bei der „Grenze“ funktioniert das zunächst abstrakter: Niemand kann die politische Grenze sehen, die nach ihrer Auffassung überschritten worden ist. Durch das vertraute räumliche Schema versteht das Publikum dennoch sofort die Grundidee. Wer eine Grenze überschreitet, befindet sich danach auf einer anderen Seite; wer Grenzen zieht, legt fest, bis wohin etwas reichen soll.

Für das semantische Gerüst der Rede ist das entscheidend: „Grenze“ bleibt kein statisches Schlagwort. Der Begriff bewegt sich von der Bewertung eines abgeschlossenen Ereignisses zur Bezeichnung zukünftiger Handlungspflicht. Aus „Es ist etwas geschehen“ wird „Menschen müssen etwas tun“.

Die räumliche Sprache führt uns damit beinahe zwangsläufig zum nächsten Schlüsselwort. Denn unmittelbar sichtbar ist im Plenarsaal nicht die „Grenze“, sondern die neue Sitzordnung. Und genau daraus entwickelt Sziborra-Seidlitz eine der semantisch raffiniertesten Passagen ihrer Rede: Wer in der Mitte sitzt, befindet sich noch lange nicht in der politischen Mitte.

Wer besitzt die „Mitte“?

Kaum ein Wort wird in dieser Rede in so kurzer Zeit so stark umkämpft wie die „Mitte“. Susan Sziborra-Seidlitz beginnt bei etwas Sichtbarem: der räumlichen Position der AfD im Plenarsaal. Innerhalb weniger Sätze löst sie den Begriff jedoch vom Sitzplatz, verschiebt ihn in den politischen Raum, anschließend in die Gesellschaft und formuliert schließlich selbst, was sie unter einer „demokratischen Mitte“ verstanden wissen will. Aus einem Ortswort wird damit ein politischer Wertbegriff.

Die Passage ist im offiziellen Transkript des Landtags Sachsen-Anhalt dokumentiert. Sziborra-Seidlitz setzt bei der Sitzordnung an: Die AfD habe sich „in die Mitte dieses Plenarsaals gesetzt“. Unmittelbar danach bestreitet sie, dass aus dieser räumlichen Position eine politische Position folge: „Dadurch rücken Sie sich aber nicht in die politische Mitte.“

Auch die aktuelle Berichterstattung hat gerade diesen Teil der Rede aufgegriffen. 1&1 beschreibt die veränderte Sitzordnung und zitiert die Abgrenzung zwischen räumlicher und demokratischer Mitte; auch WELT hebt diesen Gegensatz in der Berichterstattung über die Rede hervor. Interessant ist daran weniger, dass das Wort „Mitte“ zitierfähig ist, sondern was Sziborra-Seidlitz innerhalb weniger Sätze mit seiner Bedeutung macht.

„Mitte“ in der Rede Bedeutung Was Sziborra-Seidlitz damit tut
Mitte des Plenarsaals räumliche Position Sie beginnt bei etwas Sichtbarem und unmittelbar Verständlichem.
politische Mitte Positionierung im politischen Raum Sie bestreitet, dass eine räumliche Verschiebung eine politische Verschiebung bewirkt.
Mitte der Gesellschaft gesellschaftliche Zugehörigkeit und Repräsentation Sie trennt parlamentarische Position von einem behaupteten gesellschaftlichen Zentrum.
demokratische Mitte normativer Begriff Sie definiert selbst Kriterien dafür, was diese Mitte aus ihrer Sicht ausmacht.

Die erste „Mitte“ kann jeder im Saal sehen

Der Ausgangspunkt ist denkbar konkret. Es geht zunächst um Sitze. Die räumliche Mitte eines Plenarsaals lässt sich zeigen, fotografieren und auf einem Sitzplan markieren. Genau deshalb eignet sie sich hervorragend als semantischer Ausgangspunkt: Das Publikum muss sich unter „Mitte“ noch nichts Abstraktes vorstellen. Der Raum liefert das Bild bereits mit.

Sziborra-Seidlitz lässt diese räumliche Bedeutung jedoch nicht stehen. Sie widerspricht der möglichen symbolischen Aufladung des Sitzplatzes: „Man kann Plätze im Parlament verschieben, aber politische Positionen ändern sie dadurch nicht.“ Damit trennt sie zwei Ebenen, die durch dasselbe Wort verbunden werden können. Geografische beziehungsweise räumliche Mitte und politische Mitte sind nicht identisch.

Das ist rhetorisch deshalb interessant, weil politische Räume seit langem mit räumlichen Begriffen beschrieben werden: links, rechts, Zentrum, Mitte, Rand. Eine tatsächliche Sitzordnung und die metaphorische Ordnung politischer Positionen können dadurch beinahe automatisch ineinanderlaufen. Sziborra-Seidlitz greift genau diese Möglichkeit auf – und bestreitet anschließend ihre Gleichsetzung.

Der semantische Dreh: Ein Platz kann sich physisch verändern. Eine politische Position verändert sich dadurch noch nicht. Sziborra-Seidlitz nutzt also zunächst die gemeinsame Bedeutung „Mitte“, um anschließend räumliche und politische Mitte ausdrücklich voneinander zu trennen.

Von der politischen Mitte zur „Mitte der Gesellschaft“

Die nächste Verschiebung erfolgt unmittelbar danach. Nun sagt Sziborra-Seidlitz sinngemäß nicht mehr nur: Wer in der Mitte sitzt, befindet sich deshalb noch nicht in der politischen Mitte. Sie erweitert den Begriff auf die „Mitte der Gesellschaft“. Der Maßstab verändert sich erneut.

Damit wird die Frage größer. Eine politische Mitte lässt sich beispielsweise als Position innerhalb eines Parteienspektrums verstehen. „Mitte der Gesellschaft“ behauptet darüber hinaus gesellschaftliche Verankerung, Normalität oder Repräsentativität. Genau diese Verbindung weist die Rednerin zurück. Ein Sitzplatz im Parlament könne nach ihrer Argumentation weder politische Mäßigung noch gesellschaftliche Zentralität erzeugen.

Hier sollten wir analytisch vorsichtig bleiben. Wer oder was tatsächlich die „Mitte der Gesellschaft“ repräsentiert, lässt sich aus dieser Rede nicht objektiv bestimmen. Sziborra-Seidlitz verwendet den Begriff politisch und argumentativ. Für unsere Analyse ist daher nicht entscheidend, ob ihre Definition als allgemeingültige soziologische Beschreibung akzeptiert wird. Entscheidend ist, dass sie darum kämpft, welche Bedeutung das positiv besetzte Wort „Mitte“ in diesem Moment erhalten soll.

Dann beansprucht sie selbst Definitionsmacht

Bis zu diesem Punkt hat Sziborra-Seidlitz vor allem zurückgewiesen: Die räumliche Mitte sei nicht automatisch die politische Mitte; eine mittige Sitzposition bedeute noch keine Zugehörigkeit zur Mitte der Gesellschaft. Nun verändert sich ihre Strategie. Sie sagt nicht mehr nur, was Mitte nicht sei, sondern formuliert, wodurch die von ihr so bezeichnete „demokratische Mitte“ entstehe.

Im Landtagstranskript nennt sie als Kriterien unter anderem „Haltung und Handeln“, den Respekt vor der gleichen Würde jedes einzelnen Menschen, die Bereitschaft, Widerspruch auszuhalten, sowie die Anerkennung unabhängiger Gerichte, freier Medien und einer lebendigen Zivilgesellschaft.

Das ist der entscheidende Schritt des gesamten Abschnitts: Aus der Auseinandersetzung um einen Sitzplatz wird ein Kampf um die Definition eines politischen Schlüsselbegriffs. Sziborra-Seidlitz akzeptiert nicht, dass „Mitte“ allein durch eine räumliche Position oder durch Wahlerfolg bestimmt wird. Sie versucht, den Begriff normativ zu besetzen.

„Demokratische Mitte“ bezeichnet bei ihr deshalb keinen mathematischen Mittelpunkt zwischen zwei politischen Polen. Sie bindet die Mitte an Kriterien. Wer dazugehören soll, entscheidet sich innerhalb ihrer Argumentation durch Haltung gegenüber Menschenwürde, Widerspruch, Gerichten, Medien und Zivilgesellschaft.

Hier geht es um Definitionsmacht: Wer festlegen kann, was „Mitte“ bedeutet, beeinflusst zugleich, wer als zugehörig, randständig oder außerhalb dieser Mitte wahrgenommen wird. Sziborra-Seidlitz widerspricht deshalb nicht nur einer politischen Position. Sie widerspricht einer möglichen Deutung des Wortes selbst.

„Mitte“ ist kein neutraler Ort mehr

Damit lässt sich die Passage als kleiner Begriffskampf lesen. Dieser Ausdruck bezeichnet hier keine formale rhetorische Figur, sondern einen politischen Streit um die Besetzung eines Wortes. „Mitte“ besitzt im politischen Sprachgebrauch eine starke positive Konnotation: Wer sich der Mitte zurechnet, beansprucht häufig Normalität, Anschlussfähigkeit und gesellschaftliche Verankerung.

Sziborra-Seidlitz versucht, genau diese positiven Bedeutungsanteile von der räumlichen Position im Plenarsaal abzukoppeln. Ihre Argumentation lautet nicht: Die Mitte existiert nicht. Im Gegenteil: Sie hält am Begriff fest, versieht ihn aber mit eigenen Kriterien.

Das macht die Passage semantisch stärker, als es eine bloße Abwertung des politischen Gegners wäre. Hätte sie lediglich gesagt, die AfD gehöre nicht zur politischen Mitte, bliebe „Mitte“ weitgehend undefiniert. Indem sie unmittelbar danach erläutert, was eine demokratische Mitte ihrer Auffassung nach auszeichnet, liefert sie eine Gegenbedeutung.

Gerade deshalb ist auch der Ausdruck „Haltung und Handeln“ bedeutsam. Die Mitte wird nicht als fester Punkt beschrieben, den eine Partei durch Wahlergebnisse oder Sitzordnung einfach besitzt. Sie müsse – in der Logik der Rede – durch Verhalten hergestellt werden. Damit wird aus einer Position eine Praxis.

Der Wahlerfolg entscheidet in ihrer Argumentation nicht über die Wortbedeutung

Unmittelbar anschließend erkennt Sziborra-Seidlitz das Wahlergebnis an. Die AfD sei stärkste Kraft geworden, das Ergebnis gelte und werde respektiert. Auch diese Reihenfolge ist für den Begriffskampf um die Mitte wichtig. Sie bestreitet nicht, dass die Partei parlamentarisch stark vertreten ist. Sie bestreitet vielmehr die Schlussfolgerung, dass daraus automatisch eine andere politische oder normative Einordnung folgen müsse.

Damit trennt die Rede mehrere Größen, die leicht miteinander verschmolzen werden könnten:

räumliche Position ≠ politische Position ≠ gesellschaftliche Mitte ≠ demokratische Norm

Diese Trennung ist einer der zentralen semantischen Vorgänge der Rede. Sie erlaubt Sziborra-Seidlitz, das Wahlergebnis anzuerkennen und gleichzeitig um die Interpretation dessen zu streiten, was dieser Wahlerfolg politisch bedeutet. Genau deshalb folgt anschließend der Satz, aus einem Wahlergebnis entstehe kein Anspruch auf Unterordnung.

Warum die Sitzordnung für die Rede so ergiebig ist

Die neue räumliche Anordnung liefert Sziborra-Seidlitz etwas, das politische Sprache gern sucht und nur selten so bequem bekommt: ein bereits vorhandenes Bild. Sie muss keine komplizierte Metapher erfinden. Der Plenarsaal stellt ihr die räumliche Struktur zur Verfügung.

Deshalb funktioniert die Passage auch außerhalb des Saales vergleichsweise gut. In Berichten über die konstituierende Sitzung wurde die Formulierung wiederholt aufgegriffen. So zitiert etwa n-tv den Satz „Wer sich in die Mitte setzt, steht deshalb noch lange nicht in der und für die Mitte der Gesellschaft“. Andere Berichte, darunter WELT, greifen ebenfalls die Verbindung von veränderter Sitzordnung und politischer Mitte auf.

Die journalistische Anschlussfähigkeit entsteht dabei aus derselben Eigenschaft, die uns rhetorisch interessiert: Das Sichtbare und das Abstrakte fallen für einen Moment zusammen. Wer ein Foto des Plenarsaals sieht, versteht die räumliche Mitte sofort. Die politische Bedeutung muss anschließend ausgehandelt werden.

Und hier kündigt sich bereits die „Zange“ an

Diese Beobachtung wird später noch wichtiger. Gegen Ende der Rede kehrt Sziborra-Seidlitz zur Sitzordnung zurück und fordert, die AfD „mit Blick auf die Sitzordnung“ demokratisch „in die Zange“ zu nehmen. „Mitte“ und „Zange“ gehören deshalb semantisch enger zusammen, als es zunächst scheint.

Zuerst wird die neue Position der AfD in der Mitte politisch umgedeutet. Später liefert genau dieselbe räumliche Anordnung das Material für die „Zange“. Die eine räumliche Konstellation erzeugt damit zwei verschiedene sprachliche Bilder: zunächst den Streit darüber, wer die Mitte politisch beanspruchen darf, später die Vorstellung einer politischen Begrenzung von beiden Seiten.

Das lässt sich sogar mit unserem bisherigen Leitmotiv, dem Kairos, verbinden. Die „Mitte“ und die „Zange“ beantworten die Frage nach dem Wo; der Kairos beantwortet die Frage nach dem Wann. Die Rede ist also in bemerkenswerter Weise räumlich und zeitlich an ihre konkrete Situation gebunden. Eine andere Sitzordnung hätte diese Wortbewegung zumindest nicht in derselben Anschaulichkeit ermöglicht; ein anderer Zeitpunkt hätte der Rede eine andere strategische Funktion gegeben.

Der zentrale Befund: Sziborra-Seidlitz streitet nicht nur darum, wer in der Mitte sitzt. Sie streitet darum, was „Mitte“ überhaupt bedeuten soll. Genau darin liegt die eigentliche rhetorische Bedeutung dieser Passage.

Ist das schon eine bestimmte rhetorische Figur?

Die Versuchung ist groß, diese Passage sofort mit einem Figurenetikett zu versehen. Tatsächlich wird dasselbe Wort in unterschiedlichen Bedeutungen verwendet. Begriffe wie Polysemie, semantische Verschiebung oder – unter strengeren Voraussetzungen – auch Figuren wie die Antanaclasis kommen deshalb als Beschreibung in Betracht.

Für unsere Analyse wäre es jedoch verfrüht, das Phänomen einfach in eine Figurenliste einzusortieren. Zunächst ist der semantische Vorgang wichtiger: „Mitte“ verändert innerhalb weniger Sätze seinen Referenzraum. Vom Sitzplatz gelangen wir zur politischen Position, von dort zur Gesellschaft und schließlich zu einer normativ definierten demokratischen Mitte. Erst im späteren Kapitel zur Elocutio werden wir prüfen, welche Figurenbezeichnung diesen Gebrauch tatsächlich präzise erfasst und welche lediglich gelehrt klingt, ohne analytischen Mehrwert zu liefern.

Damit bleibt vorerst der sprachliche Mechanismus im Vordergrund: Ein einziges Wort trägt mehrere Bedeutungen, und die Rednerin führt ihr Publikum gezielt von einer Bedeutung zur nächsten. Genau dadurch wird aus einer Sitzordnung ein politisches Argument.

Die nächste Wortgruppe verschiebt den Blick wieder vom Raum zur Zeit. Denn neben „Mitte“, „Grenze“ und „Zange“ arbeitet Sziborra-Seidlitz auffällig häufig mit zeitlichen Markierungen: „heute“, „künftig“, „jeden Tag“, „in dieser Wahlperiode“ und „jedes einzelne Mal“. Sie zeigen, wie konsequent die Rede das gerade Geschehene mit dem noch bevorstehenden Handeln verbindet.

„Heute“, „künftig“, „jeden Tag“, „jedes einzelne Mal“

Der besondere Zeitpunkt dieser Rede liegt nicht nur außerhalb des Textes. Susan Sziborra-Seidlitz spricht unmittelbar nach der Wahl des Landtagspräsidenten und noch vor der Amtsübergabe – doch sie markiert diesen Zeitpunkt auch innerhalb ihrer Rede immer wieder sprachlich. Wörter wie „heute“, „künftig“, „jeden Tag“ und „jedes einzelne Mal“ bilden ein zeitliches Gerüst, das vom gerade Geschehenen bis weit in die neue Wahlperiode reicht.

Für unsere Kairos-Analyse ist das ein wichtiger Befund. Der günstige oder entscheidende Augenblick ist hier nicht lediglich eine Situation, die wir von außen an die Rede herantragen. Die Rednerin selbst macht Zeit zum Bestandteil ihrer Argumentation. Im offiziellen Transkript des Landtags Sachsen-Anhalt lässt sich diese Bewegung sehr genau verfolgen.

Zeitmarkierung Bezug in der Rede Rhetorische Funktion
„Normalerweise“ üblicher Verlauf einer Parlamentskonstituierung stellt einen allgemeinen Normalfall her
„Heute“ konkreter 6. Oktober 2026 und die unmittelbar zuvor erfolgte Wahl markiert den Bruch mit dem zuvor beschriebenen Normalfall
„künftig“ kommende Regierungs- und Oppositionsrollen sowie zukünftige politische Auseinandersetzung verlängert den aktuellen Moment in die Zukunft
„künftig jeden Tag“ angekündigte politische Selbstverpflichtung der Grünen macht aus einer einmaligen Reaktion eine dauerhafte Positionierung
„in dieser Wahlperiode“ konkrete politische Vorschläge und parlamentarische Arbeit setzt einen mehrjährigen Handlungshorizont
„jedes einzelne Mal“ zukünftige Entscheidungen über Machtübertragung zerlegt die Zukunft wieder in einzelne Entscheidungssituationen

„Heute“ macht aus dem Datum einen rhetorischen Einschnitt

Schon das Exordium lebt von einem zeitlichen Gegensatz. Zunächst heißt es „normalerweise“. Damit öffnet die Rede eine Art zeitlosen Erfahrungsraum: So läuft eine Parlamentskonstituierung üblicherweise ab, so kann sie grundsätzlich verstanden werden. Dann folgt zweimal nahezu unmittelbar „Heute“: „Heute ist das aber mehr als eine normale Parlamentskonstituierung. Heute ist festzustellen …“

„Heute“ ist hier mehr als eine Datumsangabe. Sprachwissenschaftlich lässt sich das Wort als zeitdeiktischer Ausdruck beschreiben: Seine Bedeutung ergibt sich aus dem Zeitpunkt, an dem gesprochen wird. Wer die Rede am 6. Oktober im Plenarsaal hört, muss nicht fragen, welches „Heute“ gemeint ist. Das Wort zeigt unmittelbar auf den gegenwärtigen Augenblick.

Genau deshalb passt es so eng zu unserem Kairos-Befund. Susan Sziborra-Seidlitz spricht nicht über irgendeine abstrakte zukünftige Gefahr und auch nicht rückblickend über einen längst abgeschlossenen Vorgang. Ihr „Heute“ verweist auf etwas, das wenige Augenblicke zuvor geschehen ist.

Für die Kairos-Analyse entscheidend: Der Zeitpunkt bleibt nicht bloß Kontext der Rede. Durch Wörter wie „heute“ wird er selbst Teil des Textes. Der Kairos ist damit nicht nur situativ vorhanden, sondern sprachlich markiert.

Aus dem „Heute“ wird sehr schnell ein „künftig“

Die Rede bleibt jedoch nicht lange im gegenwärtigen Moment. Schon bei der Beschreibung des Präsidentenamtes erscheint die Zukunft. Der Präsident habe die Rechte der Abgeordneten zu wahren, unabhängig davon, wer „künftig“ regiere oder der Opposition angehöre. Damit wird das Amt aus der aktuellen Wahl herausgelöst und auf die kommende parlamentarische Arbeit bezogen.

Noch deutlicher wird diese Zukunftsrichtung wenig später. Nachdem Sziborra-Seidlitz erklärt hat, dass ihre Fraktion den Kandidaten abgelehnt habe, kündigt sie an, die Gründe und die politische Bedeutung dieses Moments „auch künftig jeden Tag beim Namen nennen“ zu wollen.

Die Formulierung ist für unsere Analyse ausgesprochen ergiebig. „Dieser Moment“ bezeichnet etwas Einmaliges. „Künftig jeden Tag“ macht daraus etwas Dauerhaftes. Ein punktuelles Ereignis wird sprachlich in eine fortgesetzte politische Praxis überführt.

Das ist mehr als Zukunftsrhetorik. Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Landtag Sachsen-Anhalt wird dadurch an eine angekündigte Haltung gebunden: Die Wahl soll nach der Logik der Rede nicht mit dem Sitzungstag erledigt sein, sondern während der weiteren parlamentarischen Arbeit als politischer Bezugspunkt erhalten bleiben.

dieser Moment → künftig → jeden Tag

Gerade diese kleine Wortfolge zeigt sehr schön, wie die Rede zeitlich arbeitet. Sie nimmt einen kurzen Kairos und versucht, dessen Bedeutung zu verlängern.

Die „Gegenwart“ muss ernst genommen werden

Zwischen Vergangenheit und Zukunft setzt Sziborra-Seidlitz noch einen weiteren Zeitbegriff. Nachdem sie auf Geschichte und historische Wachsamkeit Bezug genommen hat, grenzt sie ihre Argumentation ausdrücklich von einer einfachen Gleichsetzung verschiedener Zeiten ab: „Wir müssen die Gegenwart ernst nehmen.“

Für die zeitliche Architektur der Rede ist dieser Satz wichtig. Geschichte dient ihr als Begründung für Wachsamkeit, soll aber nach ihrer eigenen Aussage nicht dazu führen, unterschiedliche Epochen gleichzusetzen. Entscheidend sei die Gegenwart. Damit zieht die Rede die Aufmerksamkeit wieder zurück auf die aktuelle Situation im Landtag.

Die Zeitstruktur wird dadurch differenzierter, als es bei einer bloßen Gegenüberstellung von Vergangenheit und Zukunft der Fall wäre. Vergangenheit liefert einen Erinnerungs- und Begründungshorizont, die Gegenwart verlangt nach ihrer Argumentation Bewertung und Handlung, und die Zukunft wird zum Raum kommender Entscheidungen.

„Wir werden“ macht Zukunft zur Selbstverpflichtung

Im mittleren Teil der Rede wird Zukunft nicht mehr hauptsächlich durch Adverbien wie „künftig“ markiert. Nun übernimmt das wiederholte „Wir werden …“ diese Aufgabe. Die Rednerin kündigt an, zu widersprechen, einzugreifen, Unabhängigkeit zu verteidigen, Entscheidungen des Präsidenten und des Präsidiums zu prüfen und gegebenenfalls parlamentarische und rechtliche Möglichkeiten auszuschöpfen.

Grammatisch könnten solche Formulierungen wie einfache Zukunftsaussagen erscheinen. Rhetorisch funktionieren sie jedoch eher als Selbstbindungen: Die Rednerin sagt nicht lediglich voraus, was vermutlich geschehen wird. Sie legt öffentlich fest, wie die eigene Fraktion handeln will.

Hier greifen Zeitsemantik und Handlungssprache ineinander. Der gegenwärtige Moment erzeugt eine zukünftige Verpflichtung. Das entspricht genau der Bewegung, die wir schon bei „Verantwortung“, „Macht“ und „Grenzen“ beobachten konnten: Aus der Deutung dessen, was gerade geschehen ist, soll zukünftiges Verhalten folgen.

„In dieser Wahlperiode“ gibt der Zukunft eine konkrete Dauer

Später wird dieser Zukunftshorizont noch präziser. Sziborra-Seidlitz kündigt an, „auch in dieser Wahlperiode“ konkrete Vorschläge zu unterbreiten. Das ist eine andere Zeitdimension als „heute“. Nun geht es nicht mehr um Minuten oder um den Sitzungstag, sondern um die gesamte politische Arbeitsperiode, die gerade erst begonnen hat.

Für die Architektur der Rede ist das konsequent. Sie beginnt mit der Konstituierung dieses Landtags und erweitert den Zeithorizont Schritt für Schritt. Der 6. Oktober 2026 wird damit zum Ausgangspunkt einer Argumentation, die sich auf die kommenden Jahre erstreckt.

Genau an dieser Stelle zeigt sich auch, warum die Rede trotz ihrer scharfen Konfrontation nicht bei Opposition stehen bleibt. Der lange Zeithorizont verlangt politische Gestaltung. Deshalb folgen Vorschläge für Gesundheitsversorgung, Schulen, Kommunen, Wirtschaft und Natur. Die Zeitsemantik unterstützt damit den Wechsel von Widerstand zu parlamentarischer Arbeit.

„Jedes einzelne Mal“ zerlegt die Wahlperiode wieder in konkrete Entscheidungen

Am Ende geschieht etwas besonders Interessantes. Nachdem die Rede den Horizont bis auf die gesamte Wahlperiode ausgeweitet hat, verengt sie ihn wieder. Der Appell an die anderen Fraktionen lautet laut offiziellem Transkript: „Prüfen Sie vielmehr jedes einzelne Mal, welche Macht Sie übertragen und welche Folgen das für unser Land hat.“

„Jedes einzelne Mal“ ist rhetorisch präziser als ein allgemeines „in Zukunft“. Der Ausdruck zerlegt die abstrakte Zukunft in konkrete wiederkehrende Entscheidungssituationen. Die Rede fordert damit keinen einmaligen Grundsatzbeschluss, sondern eine Prüfung von Fall zu Fall.

Genau hier bestätigt die Zeitsemantik unsere Adressatenanalyse. Die Wahl von Tobias Rausch kann nicht mehr verändert werden. Aber während einer Wahlperiode entstehen immer neue parlamentarische Situationen, in denen Ämter, Zuständigkeiten, Anträge oder andere politische Entscheidungen zur Abstimmung stehen. Der Appell richtet sich deshalb auf das, was noch offen ist.

Die zeitliche Bewegung der Rede:
Normalerweise → heute → Gegenwart → künftig → jeden Tag → diese Wahlperiode → jedes einzelne Mal.

Der Augenblick wird also nicht verlassen, sondern in einen dauerhaften und zugleich immer wieder neu zu entscheidenden Handlungshorizont übersetzt.

Der Kairos wird vom einmaligen Moment zum Bezugspunkt der Wahlperiode

Damit lässt sich unser früherer Kairos-Befund präzisieren. In der rhetorischen Tradition bezeichnet Kairos den passenden oder entscheidenden Zeitpunkt für kommunikatives Handeln. Wer sich für die theoretischen Hintergründe strategischer Rhetorik interessiert, findet dazu zahlreiche weiterführende Arbeiten im Umfeld des Seminars für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen.

Bei Sziborra-Seidlitz bleibt dieser Zeitpunkt jedoch nicht auf den Moment des Redebeginns beschränkt. Ihre Wortwahl versucht vielmehr, die Bedeutung dieses Augenblicks zeitlich zu konservieren. Aus dem „Heute“ soll ein „künftig“ werden; aus dem einmaligen Ereignis ein „jeden Tag“; aus der einen Präsidentenwahl ein Prüfmaßstab für „jedes einzelne Mal“.

Das ist eine der stärksten Verbindungen zwischen Situation und Text in dieser Rede. Der Kairos erklärt zunächst, warum gerade dieser Zeitpunkt für den Auftritt so bedeutsam ist. Die Zeitsemantik zeigt anschließend, was die Rednerin mit diesem Zeitpunkt macht: Sie versucht, seine politische Bedeutung über den Augenblick hinaus in die beginnende Wahlperiode hineinzutragen.

Selbst der letzte Satz nimmt diese Bewegung noch einmal auf. Sziborra-Seidlitz spricht davon, dass die Abgeordneten darüber entscheiden, „was Sachsen-Anhalt ist und was Sachsen-Anhalt werden kann“. Gegenwart und Möglichkeit stehen unmittelbar nebeneinander. Der Schluss fragt damit nicht nur nach einem Zustand, sondern nach Entwicklung.

Nach Raum und Zeit fehlt nun noch eine weitere bewegliche Größe dieser Rede: Wer ist eigentlich „wir“? Denn ebenso wie „Mitte“ ihren Bedeutungsraum verändert und „heute“ in die ganze Wahlperiode ausgreift, wechselt auch das Personalpronomen „wir“ mehrfach seinen Bezug. Mal meint es die Grünen, mal das gesamte Parlament – und genau dieser Wechsel ist für die Gemeinschaftsbildung der Rede entscheidend.

Das bewegliche „Wir“ und das ebenso bewegliche „unser“

Wer in dieser Rede nur auf Substantive wie „Verantwortung“, „Macht“ oder „Mitte“ schaut, übersieht eine zweite sprachliche Bewegung, die beinahe unauffällig durch den gesamten Text läuft: Die Bedeutung von „wir“ verändert sich fortwährend. Mal schließt Susan Sziborra-Seidlitz den gesamten Landtag ein, wenige Sätze später meint sie ausschließlich ihre eigene Fraktion, danach entsteht ein größerer Kreis möglicher Zusammenarbeit, und am Schluss weitet sie das „wir“ ausdrücklich wieder auf das ganze Haus aus.

Sprachwissenschaftlich gehören „wir“, „uns“ und „unser“ zu den Ausdrücken, deren genauer Bezug erst aus der jeweiligen Redesituation hervorgeht. Für die rhetorische Analyse ist deshalb nicht allein wichtig, dass Sziborra-Seidlitz „wir“ sagt. Entscheidend ist die Frage: Wer darf sich in diesem Moment angesprochen fühlen – und wer steht gerade außerhalb dieses „Wir“? Das lässt sich im offiziellen Transkript der Rede besonders gut verfolgen.

Phase der Rede Bezugsgruppe Funktion
Beginn gesamter Landtag stellt zunächst eine gemeinsame parlamentarische Gemeinschaft her
politische Positionierung Bündnis 90/Die Grünen grenzt die eigene Fraktion ab und formuliert ihren Auftrag
Selbstverpflichtung grüne Fraktion bindet angekündigte Handlungen an die eigene politische Gruppe
Zusammenarbeit Grüne und die von ihr so bezeichneten demokratischen Fraktionen konstruiert einen größeren Kreis gemeinsamer Handlungsfähigkeit
Schluss gesamtes Parlament öffnet den zuvor verengten Kreis wieder und bindet das ganze Haus an Verantwortung

Am Anfang ist „wir“ so weit wie das Parlament

Das erste „Wir“ entsteht noch innerhalb des parlamentarischen Normalfalls. Sziborra-Seidlitz sagt sinngemäß: „Wir beginnen gemeinsam“ eine neue Wahlperiode. Dieses „wir“ kann aufgrund des Kontextes kaum ausschließlich die Grünen meinen. Gemeint sind zunächst die Abgeordneten des neu konstituierten Landtags, unabhängig davon, ob sie später Regierung oder Opposition bilden.

Das Pronomen unterstützt damit genau jene argumentative Folie, die wir beim Exordium bereits gesehen haben. Vor jeder parteipolitischen Trennung existiert zunächst ein gemeinsamer institutioneller Raum. Alle sind Abgeordnete, alle beginnen dieselbe Wahlperiode, alle tragen innerhalb ihrer jeweiligen Rolle parlamentarische Verantwortung.

Ähnlich weit ist wenig später das Possessivpronomen „unser Parlament“. Der Landtag gehört sprachlich keiner einzelnen Fraktion. Sziborra-Seidlitz spricht von einer gemeinsamen Institution, die nach außen vertreten wird. Das „unser“ erzeugt hier Zugehörigkeit über Parteigrenzen hinweg.

Das erste „Wir“ schafft Gemeinsamkeit, bevor die Rede Differenz erzeugt. Gerade deshalb kann Sziborra-Seidlitz später umso schärfer unterscheiden, wer nach ihrer politischen Bewertung welchen Maßstäben entspricht.

Dann wird aus dem parlamentarischen „Wir“ ein grünes „Wir“

Die erste eindeutige Verengung lässt sich kaum überhören. Sziborra-Seidlitz spricht ausdrücklich von „Wir Grünen“. Von diesem Moment an ist klar, dass nicht mehr das gesamte Parlament gemeint ist. Die Rednerin positioniert ihre eigene Fraktion gegenüber der gerade getroffenen Entscheidung und kündigt an, an dieser Position festzuhalten.

Wenige Sätze später wird diese Gruppenzugehörigkeit noch genauer markiert. Sie nennt Bündnis 90/Die Grünen Sachsen-Anhalt ausdrücklich und verbindet das politische „wir“ mit „Unsere Wählerinnen und Wähler“. Damit erhält das Pronomen eine demokratische Rückbindung: Die eigene Haltung wird nicht nur als persönliche Position der Rednerin präsentiert, sondern als Erfüllung eines politischen Auftrags, den sie ihrer Wählerschaft zuschreibt.

Für die rhetorische Funktion ist diese Verengung wichtig. Ein parlamentarisches „wir“ kann Gemeinsamkeit schaffen, eignet sich aber kaum dazu, eine eigenständige Oppositionsposition zu markieren. Das grüne „wir“ kann dagegen widersprechen, sich verpflichten und Handlungen ankündigen.

„Unsere Wähler“ gehören zum Wir – aber nicht in denselben Kreis

Gerade das Possessivpronomen zeigt, wie fein diese Zugehörigkeiten abgestuft werden. „Unsere Wählerinnen und Wähler“ bedeutet nicht, dass die Wählenden selbst Teil des parlamentarischen Sprecher-Wir sind. Sie bilden vielmehr die Bezugsgruppe, von der die politische Legitimation der eigenen Fraktion hergeleitet wird.

Das „unser“ verbindet also, ohne Sprecher und Bezugsgruppe identisch zu machen. Ähnliches gilt später für Formulierungen über die eigene Verantwortung gegenüber Sachsen-Anhalt. Die Pronomen erzeugen eine sprachliche Beziehung zwischen Fraktion, Wählerschaft und Land.

Gerade hier zeigt sich, weshalb eine Pronomenanalyse für politische Rhetorik mehr leistet als grammatische Kleinarbeit. Mit wenigen Silben lässt sich markieren, wer gemeinsam handelt, wem gegenüber Verantwortung beansprucht wird und wer als Gegenüber erscheint.

Für einen Moment wird das „wir“ wieder sehr groß

Besonders interessant ist die Passage nach dem Zwischenruf von Oliver Kirchner. Nachdem Sziborra-Seidlitz über den Schutz demokratischer Institutionen gesprochen hat, erklärt sie, dafür säßen „wir alle hier“. Durch das Wort „alle“ wird der Referenzraum ausdrücklich erweitert.

Nach meiner Lesart umfasst dieses „wir“ an dieser Stelle wieder das Parlament insgesamt. Die Rednerin hatte unmittelbar zuvor sogar einen AfD-Abgeordneten direkt angesprochen. Das anschließende „alle“ formuliert deshalb zunächst eine institutionelle Aufgabe, die nicht auf die eigene Fraktion begrenzt wird.

Und dann folgt ein bemerkenswert schneller Wechsel: Direkt danach sagt sie „wir als Grüne“. Das große parlamentarische Wir wird innerhalb weniger Sekunden wieder zum Parteiwir. Sprachlich ist das beinahe wie eine Zoombewegung: erst das gesamte Haus, dann die eigene Fraktion.

wir als Parlament → wir alle → wir als Grüne → wir werden handeln

Diese Bewegung ist deshalb so wirkungsvoll, weil sie zwei Ebenen trennt: Die institutionelle Verantwortung wird breit formuliert, die konkrete politische Selbstverpflichtung übernimmt anschließend die eigene Fraktion.

Das „Wir werden“ gehört eindeutig den Grünen

In der folgenden Passage bleibt der Bezug vergleichsweise stabil. Die wiederkehrenden Sätze mit „Wir werden“ kündigen an, wie die grüne Fraktion reagieren will: widersprechen, eingreifen, institutionelle Rechte verteidigen, Entscheidungen überprüfen und gegebenenfalls parlamentarische sowie rechtliche Möglichkeiten nutzen.

Hier wäre ein inklusives parlamentarisches „wir“ sogar unpassend. Sziborra-Seidlitz kann nicht für andere Fraktionen versprechen, wie sie handeln werden. Die Selbstverpflichtung funktioniert gerade deshalb, weil das Pronomen nun klar begrenzt ist.

Dass dieser Teil bewusst als Position der eigenen politischen Gruppe verstanden werden soll, passt auch zur öffentlichen Selbstdarstellung der Partei. Auf der Website von Bündnis 90/Die Grünen Sachsen-Anhalt zur Landtagswahl 2026 wurde Sziborra-Seidlitz als Spitzenkandidatin geführt; nach der Wahl spricht sie nun als Fraktionsvorsitzende im Parlament. Für die Rede selbst ist jedoch nicht diese Biografie entscheidend, sondern die klare Sprecherrolle: Das „wir“ kann hier verbindlich nur für die Gruppe stehen, für die sie politisch spricht.

„Unser Land“ ist größer als die eigene Fraktion

Während das persönliche „wir“ in diesem Teil eng bleibt, weitet sich das Possessivpronomen gleichzeitig aus. Sziborra-Seidlitz spricht wiederholt von „unser Land“. Anders als bei „unsere Wählerinnen und Wähler“ ist der Bezug hier nicht auf die grüne Wählerschaft beschränkt. Sachsen-Anhalt wird als gemeinsamer politischer und gesellschaftlicher Raum aufgerufen.

Gerade deshalb ist „unser Land“ rhetorisch flexibel. Eine Parteipolitikerin kann aus der Perspektive ihrer Fraktion sprechen und dennoch einen Gegenstand beanspruchen, der allen Bewohnerinnen und Bewohnern beziehungsweise politischen Akteuren des Landes gemeinsam ist. Das Possessivpronomen transportiert dabei weniger Eigentum als Zugehörigkeit und Mitverantwortung.

Diese Ausweitung wird noch deutlicher, wenn Sziborra-Seidlitz von Menschen spricht, die in Sachsen-Anhalt leben, arbeiten, investieren oder sich engagieren. Aus dem parteipolitischen „wir“ führt die Rede damit erneut in einen größeren gesellschaftlichen Raum.

Bei der Zusammenarbeit entsteht ein neues „Wir“

Gegen Ende verändert sich die Gruppierung noch einmal. Sziborra-Seidlitz erklärt zunächst, ihre Fraktion sei zur Zusammenarbeit mit den von ihr so bezeichneten demokratischen Fraktionen bereit. Grammatisch stehen zunächst zwei Gruppen nebeneinander: das grüne „wir“ auf der einen Seite und die möglichen Partner auf der anderen.

Im nächsten Schritt rücken diese Gruppen sprachlich näher zusammen. Verantwortung für das Land verlange, dass „wir trotzdem miteinander arbeiten“. Der Bezug des Pronomens lässt sich hier plausibel größer lesen als zuvor: Es geht nicht mehr allein um die Grünen, sondern um jene Fraktionen, an die der anschließende Kooperationsappell gerichtet ist.

Das ist politisch nicht neutral, sondern Teil der Rede. Sziborra-Seidlitz entscheidet selbst, welche Fraktionen sie in diesen Kreis der Zusammenarbeit einordnet und welche sie davon abgrenzt. Für unsere Analyse ist deshalb nicht die Frage entscheidend, ob diese Gruppierung objektiv vorgegeben wäre. Interessant ist, wie Sprache diese Gruppe überhaupt erst als gemeinsames Handlungssubjekt konstruiert.

Das „Wir“ beschreibt Gemeinschaft nicht nur – es stellt sie sprachlich her. Je nachdem, welchen Bezug Sziborra-Seidlitz dem Pronomen gibt, entstehen ein parlamentarisches Wir, ein grünes Wir und ein kooperatives Wir bestimmter Fraktionen.

Und am Schluss öffnet sich das „Wir“ wieder

Nach der scharfen Abgrenzung und der „Zange“-Metapher könnte die Rede im engen Kreis der eigenen Verbündeten enden. Sie tut etwas anderes. In den letzten Sätzen wird der Adressaten- und Zugehörigkeitsraum wieder größer. Sziborra-Seidlitz spricht vom Zuhören gegenüber Menschen unabhängig von deren Wahlentscheidung und endet schließlich bei „wir alle hier in diesem Haus“.

Spätestens das ausdrücklich gesetzte „alle“ macht die Öffnung deutlich. Das Schluss-Wir ist nicht identisch mit dem grünen „Wir werden“ aus dem Mittelteil. Die Verantwortung für das, was Sachsen-Anhalt gegenwärtig ist und künftig werden kann, wird sprachlich wieder dem gesamten Parlament zugeschrieben.

Bemerkenswert ist, dass auch die zeitgenössische Berichterstattung gerade diesen Schluss herausgriff. Die Süddeutsche Zeitung zitierte in ihrem Liveblog den abschließenden Gedanken über die gemeinsame Verantwortung des Hauses. Das ist für unsere Analyse aufschlussreich, weil der Schluss nach einer Rede voller Abgrenzungen noch einmal auf eine umfassende institutionelle Gemeinschaft zurückführt.

Das Possessivpronomen vollzieht dieselbe Bewegung

Was „wir“ auf der Ebene der handelnden Gruppen tut, leistet „unser“ auf der Ebene der Zugehörigkeit. Auch hier verändert sich der Bezug:

Formulierung sprachliche Zugehörigkeit
„unser Parlament“ gemeinsame parlamentarische Institution
„unsere Wählerinnen und Wähler“ klar begrenzte politische Bezugsgruppe der Grünen
„unser Land“ größerer gemeinsamer Bezugsraum Sachsen-Anhalt

Gerade der Kontrast zwischen „unsere Wählerinnen und Wähler“ und „unser Land“ ist wichtig. Die erste Formulierung begrenzt Zugehörigkeit parteipolitisch, die zweite überschreitet diese Grenze wieder. Das Land gehört in der sprachlichen Konstruktion nicht einer Partei; es bildet vielmehr den gemeinsamen Raum, um dessen Zukunft gestritten wird.

Damit wird sichtbar, wie sorgfältig Zugehörigkeit in dieser Rede immer wieder hergestellt, verengt und erweitert wird. Das Pronomen folgt der Argumentation: Wo Sziborra-Seidlitz gemeinsame institutionelle Verantwortung braucht, wird das „wir“ weit. Wo sie politische Position oder Selbstverpflichtung markiert, wird es eng. Wo Zusammenarbeit möglich sein soll, entsteht ein neuer Zwischenkreis. Und im Schluss kehrt die Rede zum ganzen Parlament zurück.

Der Bedeutungsweg des „Wir“:
gesamter Landtag → grüne Fraktion → eigene Wählerschaft als Bezugsgruppe → wieder alle Abgeordneten → erneut Grüne → möglicher Kooperationskreis anderer Fraktionen → gesamtes Haus.

Für eine strategische Rhetorikanalyse ist diese Beweglichkeit ausgesprochen wichtig. Kommunikation richtet sich nie nur an ein abstraktes „Publikum“, sondern ordnet Menschen Rollen und Zugehörigkeiten zu. Genau deshalb gehören Sprecherrolle und Adressatenlage auch zu den Grundfragen strategischer Rhetorik, wie sie im Umfeld des Seminars für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen untersucht werden.

Nach den Pronomen lohnt nun der Blick auf eine grammatische Wortart, die in dieser Rede mindestens ebenso viel leistet: die Verben. Denn Wörter wie „widersprechen“, „eingreifen“, „verteidigen“, „prüfen“ oder „ausschöpfen“ machen aus dem politischen Befund einen Akteur. Die entscheidende Frage lautet deshalb als Nächstes: Welche Verben machen aus einer Niederlage Handlung?

Welche Verben machen aus einer Niederlage Handlung?

Eine Abstimmung ist verloren, der neue Landtagspräsident gewählt. Für eine Oppositionsfraktion könnte eine Rede an diesem Punkt leicht in der rückblickenden Kritik stecken bleiben: Wir waren dagegen, die Mehrheit hat anders entschieden, nun beginnt die neue Lage. Susan Sziborra-Seidlitz wählt sprachlich einen anderen Weg. Im mittleren Teil ihrer Rede häufen sich Verben, die Handlungsmöglichkeiten bezeichnen: widersprechen, eingreifen, verteidigen, messen, ausschöpfen. Gegen Ende kommen prüfen, zuhören und Lösungen suchen hinzu.

Gerade diese Verben sind für unsere rhetorische Lageanalyse wichtig. Die Wahl selbst lässt sich nicht mehr verändern. Die entscheidende Frage lautet deshalb, welche Handlungsmöglichkeiten nach der verlorenen Abstimmung verbleiben. Im offiziellen Transkript der Rede von Susan Sziborra-Seidlitz lässt sich beobachten, wie die Grammatik genau diesen Wechsel von der Diagnose zur Handlung vollzieht.

Verb Was damit getan wird Strategische Funktion
widersprechen sprachlichen und politischen Gegenstandpunkt markieren aus Ablehnung wird fortgesetzter öffentlicher Widerspruch
eingreifen nicht nur beobachten, sondern in einen Vorgang intervenieren stellt die eigene Fraktion als handelnden Akteur dar
verteidigen Wissenschaft, Kultur und Medien als schützenswerte Bereiche benennen verbindet Konfliktdiagnose mit einer angekündigten Schutzhandlung
messen Entscheidungen an einem zuvor gesetzten Maßstab prüfen übersetzt die Amtsnorm in zukünftige Kontrolle
ausschöpfen parlamentarische und rechtliche Möglichkeiten nutzen bindet Gegenwehr ausdrücklich an institutionelle Verfahren
prüfen künftige Machtübertragungen jeweils neu bewerten überträgt Handlungspflicht auf andere Fraktionen
zuhören / Lösungen suchen Probleme aufnehmen und politische Antworten entwickeln erweitert Widerstand um konstruktive parlamentarische Arbeit

Die Gefährdung erscheint häufig im Passiv

Besonders interessant wird die Verbwahl, wenn wir die angekündigten Handlungen mit den Sätzen vergleichen, in denen Sziborra-Seidlitz Gefährdungen beschreibt. Dort finden sich mehrfach passive Konstruktionen: Menschen würden wegen ihrer Herkunft, ihres Glaubens oder ihrer Lebensweise „herabgesetzt“; die Rechte von Minderheiten und Opposition könnten „beschnitten werden“; auch später spricht sie erneut davon, dass Rechte von Menschen „beschnitten werden sollen“.

Das Passiv lenkt den Blick zunächst auf diejenigen, denen etwas geschieht, und auf das bedrohte Gut. Im Vordergrund stehen Menschen und Rechte. Wer die jeweilige Handlung ausführt, kann sprachlich in den Hintergrund treten. Genau deshalb entsteht ein auffälliger Kontrast, sobald Sziborra-Seidlitz zur eigenen Reaktion übergeht. Dort verwendet sie keine unpersönlichen Formulierungen, sondern ein klares Subjekt:

„Wir werden widersprechen … Wir werden eingreifen … Wir werden die Unabhängigkeit von Wissenschaft, Kultur und Medien verteidigen.“

Der Unterschied liegt damit nicht nur im Inhalt. Die Grammatik verteilt Rollen. Auf der einen Seite stehen mögliche Gefährdungen, von denen Menschen, Rechte oder Institutionen betroffen sein können. Auf der anderen Seite steht ein ausdrücklich benanntes handelndes Subjekt: „wir“.

Der grammatische Wechsel ist ein Handlungssignal: Wo die Rede Gefährdungen beschreibt, erscheinen häufig passive Konstruktionen. Sobald sie die eigene Reaktion formuliert, übernimmt das aktive „Wir werden …“ die Führung.

„Wir werden“ ist weniger Prognose als Selbstbindung

Dabei verdient auch das kleine Hilfsverb „werden“ Aufmerksamkeit. Grammatisch markiert es Zukunft. Rhetorisch funktioniert die Serie jedoch nicht wie eine Wettervorhersage. Sziborra-Seidlitz behauptet nicht bloß, bestimmte Handlungen würden vermutlich eintreten. Mit „Wir werden widersprechen“, „Wir werden eingreifen“ und „Wir werden … verteidigen“ legt sie die eigene Fraktion öffentlich auf ein zukünftiges Verhalten fest.

Damit knüpft die Passage unmittelbar an unsere Zeitsemantik an. Das „Heute“ der Rede wird in ein zukünftiges „Wir werden“ übersetzt. Aus dem einmaligen Moment entsteht eine angekündigte Praxis während der beginnenden Wahlperiode.

Genau deshalb wurde diese Passage auch in der zeitgenössischen Berichterstattung stark aufgegriffen. WELT zitiert die angekündigte Verteidigung der Unabhängigkeit von Wissenschaft, Kultur und Medien sowie das Ausschöpfen parlamentarischer und rechtlicher Möglichkeiten. Auch Der Standard hebt in seinem Bericht gerade diese handlungsorientierten Sätze hervor.

„Widersprechen“ ist die kleinste, aber grundlegende Handlung

Das erste dieser Verben ist bemerkenswert schlicht: widersprechen. Für eine Oppositionsfraktion ist Widerspruch zunächst eine elementare parlamentarische Möglichkeit. Rhetorisch markiert das Verb aber zugleich, dass die Niederlage in einer Abstimmung nicht mit Zustimmung oder Schweigen gleichgesetzt werden soll.

Damit verbindet sich die Passage mit dem früheren Satz, aus einem Wahlergebnis folge kein Anspruch auf Unterordnung. Die Logik ist konsequent: Ein Ergebnis wird anerkannt; daraus folgt jedoch nicht, dass politische Gegensätze verschwinden. Widerspruch wird zum ersten verfügbaren Handlungsmodus nach einer nicht mehr veränderbaren Entscheidung.

„Eingreifen“ erhöht die Intensität

Danach folgt mit „eingreifen“ ein stärkeres Verb. Wer widerspricht, antwortet sprachlich oder politisch. Wer eingreift, stellt sich als aktiver Bestandteil eines Geschehens dar. Die Wortwahl steigert damit die Handlungsintensität.

Diese Steigerung sollte jedoch nicht vom institutionellen Rahmen getrennt werden. Kurz darauf konkretisiert Sziborra-Seidlitz selbst, welche Instrumente sie meint: Entscheidungen sollen an den Rechten der Abgeordneten gemessen und gegebenenfalls parlamentarische und rechtliche Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Der Handlungsvorrat wird also ausdrücklich in bestehende Verfahren zurückgeführt.

„Messen“ macht aus der Amtsnorm ein Kontrollinstrument

Besonders präzise ist das Verb „messen“. Zu Beginn der Rede hat Sziborra-Seidlitz beschrieben, welche Anforderungen sie mit dem Präsidentenamt verbindet. Nun kündigt sie an, Entscheidungen des Präsidenten und des Präsidiums daran zu messen, ob die Rechte der Abgeordneten gewahrt werden.

Damit erhält der frühere Abschnitt über das Amt eine praktische Funktion. Eine Norm, die nur am Anfang einer Rede formuliert wird, könnte folgenlos bleiben. Durch „messen“ wird daraus ein zukünftiger Prüfmaßstab. Die Argumentation verbindet also Normsetzung und Kontrolle.

Das Verb ist dafür bemerkenswert nüchtern. Sziborra-Seidlitz sagt an dieser Stelle nicht „bekämpfen“ oder „verhindern“, sondern „messen“. Sprachlich wird eine Prüfung angekündigt: Ein konkretes Verhalten soll mit einem zuvor gesetzten Maßstab verglichen werden.

„Ausschöpfen“ begrenzt und verstärkt zugleich

Ähnlich interessant ist „ausschöpfen“. Das Verb klingt energisch, denn etwas auszuschöpfen bedeutet, vorhandene Möglichkeiten möglichst vollständig zu nutzen. Zugleich begrenzt der Satz sehr genau, welche Möglichkeiten gemeint sind: parlamentarische und rechtliche.

Dadurch erfüllt die Wortwahl zwei Funktionen auf einmal. Sie kündigt Entschlossenheit an, verankert diese Entschlossenheit jedoch im institutionellen Verfahren. Genau darin zeigt sich erneut das semantische Doppelgerüst der gesamten Rede: scharfe Konfliktsprache auf der einen, parlamentarische und rechtliche Begrifflichkeit auf der anderen Seite.

Später wechselt das Handlungssubjekt

Bis hierher gehören die aktiven Verben überwiegend zum grünen „wir“. Gegen Ende verändert Sziborra-Seidlitz jedoch das Handlungssubjekt. Nun sollen andere Abgeordnete selbst aktiv werden: „Prüfen Sie vielmehr jedes einzelne Mal, welche Macht Sie übertragen …“

Das Verb „prüfen“ passt deshalb hervorragend zu unserer Adressatenanalyse. Die Rednerin kann nur für die eigene Fraktion ankündigen, was diese tun wird. Bei anderen Fraktionen muss aus Selbstverpflichtung ein Appell werden. Aus „Wir werden“ wird „Prüfen Sie“.

Wir widersprechen → wir greifen ein → wir verteidigen → wir messen → wir schöpfen aus → Sie prüfen

Damit bewegt sich die Handlungsmacht vom eigenen Lager zu den eigentlichen Persuasionsadressaten. Die Grünen verpflichten sich selbst; die anderen Fraktionen werden aufgefordert, ihr zukünftiges Abstimmungsverhalten zu überprüfen.

Am Schluss wird aus Gegenwehr politische Arbeit

Die Rede endet allerdings nicht bei den Verben der Abwehr. Nach dem scharfen Appell und der später noch ausführlich zu untersuchenden „Zange“ verschiebt sich das Vokabular erneut. Nun geht es darum, Menschen zuzuhören, Missstände sichtbar zu machen, Lösungen zu suchen und Vorschläge zu entwickeln.

Dieser Wechsel ist für die Gesamtwirkung wichtig. Bliebe die Rede bei „widersprechen“, „eingreifen“ und „verteidigen“, könnte ihr Handlungsprogramm vollständig defensiv erscheinen. Durch „zuhören“ und „Lösungen suchen“ kommt eine zweite Seite hinzu: politische Gestaltung.

Die Verbfolge bildet damit beinahe die Architektur der Rede im Kleinen ab. Zunächst muss auf eine als problematisch bewertete Entwicklung reagiert werden; anschließend soll die eigene Fraktion kontrollieren und parlamentarische Möglichkeiten nutzen; schließlich geht es darum, gesellschaftliche Probleme aufzunehmen und politische Lösungen zu erarbeiten.

Der zentrale Befund: Die verlorene Abstimmung wird sprachlich nicht als Endpunkt organisiert. Durch aktive Verben entsteht eine neue Rollenverteilung: Das Wahlergebnis ist abgeschlossen, das politische Handeln beginnt. Gerade darin liegt die Verbindung zwischen Grammatik und strategischem Wirkungsziel.

Aus Sicht strategischer Rhetorik ist diese Verbwahl deshalb besonders aufschlussreich. Kommunikation soll nach Joachim Knape nicht nur Inhalte transportieren, sondern auf Einstellungen und Handlungen einwirken. Weiterführende Arbeiten zu diesem strategischen Verständnis von Rhetorik finden sich beim Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen. In dieser Rede lässt sich die Handlungsorientierung ungewöhnlich konkret bis in die Verbwahl hinein verfolgen.

Damit verändert sich nun auch der Blick auf diejenigen, für die dieses Handeln stattfinden soll. Nachdem die Rede lange von Amt, Institutionen, Rechten und politischen Gruppen gesprochen hat, treten plötzlich Pflegekraft, Unternehmerin, Jugendliche und Ehrenamtliche auf. Aus abstrakten politischen Kategorien werden Menschen – und genau dieser Wechsel verdient als Nächstes einen eigenen Blick.

Von Institutionen zu Menschen

Bis weit in die zweite Hälfte hinein spricht Susan Sziborra-Seidlitz überwiegend in der Sprache politischer Institutionen. Landtag, Präsident, Präsidium, Fraktionen, Wahlergebnis, Rechte der Abgeordneten, parlamentarische und rechtliche Möglichkeiten: Das sind überwiegend Abstrakta und institutionelle Kategorien. Dann verändert sich die Sprache auffällig. Etwa ab Minute 4:29 der Videoaufnahme treten plötzlich Menschen in die Rede ein.

Im offiziellen Transkript des Landtags Sachsen-Anhalt beginnt dieser Wechsel mit einer Begründung: Die Frage, in welchem politischen Klima Sachsen-Anhalt lebe, betreffe den Alltag der Menschen. Danach nennt Sziborra-Seidlitz vier konkrete Gruppen:

„Sie betrifft die Pflegekraft, die aus dem Ausland zu uns gekommen ist und wissen muss, dass sie hier sicher leben kann. Sie betrifft die Unternehmerin, die Fachkräfte sucht und nicht nur dabei kreativ sein will. Sie betrifft Jugendliche, die hier frei leben möchten, und Ehrenamtliche, die sich jeden Tag für andere einsetzen und dabei den Rückhalt aus diesem Parlament brauchen und verdienen.“

Innerhalb weniger Sätze verändert sich damit die sprachliche Ebene. Aus Menschenwürde, Minderheitenrechten, Opposition, Wissenschaft, Kultur und Medien werden eine Pflegekraft, eine Unternehmerin, Jugendliche und Ehrenamtliche. Die abstrakten Begriffe verschwinden nicht, aber sie erhalten konkrete gesellschaftliche Bezugspunkte.

Zuvor dominiert Nun treten auf Argumentative Veränderung
Präsidentenamt, Präsidium, Parlament Pflegekraft institutionelle Auseinandersetzung wird mit persönlicher Sicherheit verbunden
politische Macht und Verantwortung Unternehmerin politisches Klima wird mit Fachkräftegewinnung und wirtschaftlichem Alltag verknüpft
Freiheit und Menschenwürde Jugendliche abstrakte Freiheitsbegriffe erhalten einen konkreten sozialen Träger
demokratische Institutionen Ehrenamtliche das Parlament wird mit gesellschaftlichem Engagement außerhalb des Hauses verbunden

Die Rede verlässt sprachlich den Plenarsaal

Bis zu diesem Punkt kreist die Argumentation stark um das Parlament selbst: Wer führt es? Welche Rechte gelten dort? Wer überträgt Macht? Wie sollen Institutionen geschützt werden? Mit der Pflegekraft und der Unternehmerin verändert sich der Schauplatz. Die Rede bleibt physisch im Plenarsaal, sprachlich geht sie hinaus ins Land.

Das ist für die Argumentation notwendig. Denn Sziborra-Seidlitz hat zuvor behauptet, die Wahl des Landtagspräsidenten und das politische Klima seien mehr als innerparlamentarische Angelegenheiten. Nun muss sie zeigen, was sie damit meint. Die vier Personengruppen liefern dafür Beispiele.

Aus dem abstrakten Satz „Das politische Klima betrifft den Alltag“ wird eine Reihe vorstellbarer Situationen: Eine zugewanderte Pflegekraft fragt nach Sicherheit, eine Unternehmerin sucht Personal, Jugendliche wollen frei leben, Ehrenamtliche erwarten Rückhalt. Die Behauptung erhält dadurch soziale Anschauung.

Der Wechsel ist argumentativ: Die Beispiele sollen zeigen, weshalb eine Auseinandersetzung über parlamentarische Macht nach Auffassung der Rednerin nicht an der Tür des Landtags endet.

Die Beispiele decken unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche ab

Auch die Auswahl ist bemerkenswert. Sziborra-Seidlitz nennt nicht vier Varianten derselben gesellschaftlichen Gruppe. Die Pflegekraft steht für Arbeit, Migration und Versorgung; die Unternehmerin für Wirtschaft und Fachkräftebedarf; Jugendliche für die kommende Generation und persönliche Freiheit; Ehrenamtliche für gesellschaftliches Engagement.

Damit verbreitert sich die Argumentation in wenigen Sekunden. Die vorherige Debatte um Präsidentenamt und parlamentarische Rechte wird mit Arbeitswelt, Wirtschaft, Jugend und Zivilgesellschaft verknüpft. Ob diese vier Beispiele tatsächlich repräsentativ für die gesamte Bevölkerung Sachsen-Anhalts sind, lässt sich daraus selbstverständlich nicht ableiten. Ihre rhetorische Funktion besteht darin, verschiedene Lebensbereiche exemplarisch aufzurufen.

Die Pflegekraft fällt dabei aus einem weiteren Grund auf. Der MDR dokumentierte vor der Landtagswahl ausführlich, dass Susan Sziborra-Seidlitz selbst viele Jahre als Gesundheits- und Krankenpflegerin gearbeitet hat. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass sie gerade deshalb dieses Beispiel gewählt hat. Dafür liegt mir kein Beleg vor. Die biografische Nähe ist feststellbar; eine daraus abgeleitete Absicht wäre Spekulation.

Aus einer Kategorie wird eine kleine Situation

Sziborra-Seidlitz nennt zudem nicht einfach „Pflegekräfte“, „Unternehmer“, „Jugendliche“ und „Ehrenamt“. Sie ergänzt jeweils etwas, das eine Situation entstehen lässt. Die Pflegekraft ist aus dem Ausland gekommen und soll sich sicher fühlen können. Die Unternehmerin sucht Fachkräfte. Jugendliche möchten frei leben. Ehrenamtliche setzen sich täglich für andere ein.

Dadurch entstehen keine ausführlichen Geschichten, wohl aber Miniaturszenen. Jede Figur besitzt ein Anliegen, das unmittelbar verständlich ist. Die Rede muss dafür keine Statistik vortragen und keine längere Fallgeschichte erzählen. Ein Substantiv und ein Relativsatz genügen, um einen gesellschaftlichen Zusammenhang aufzurufen.

Das passt wiederum zur Kürze der gesamten Rede. Sziborra-Seidlitz hat knapp sieben Minuten. Wer in dieser Zeit gesellschaftliche Folgen sichtbar machen will, braucht sprachliche Verdichtung. Personalisierte Beispiele leisten genau das.

Die Abstrakta bekommen einen möglichen Betroffenen

Besonders deutlich wird die Funktion, wenn wir den Abschnitt mit dem unmittelbar Vorhergehenden verbinden. Dort spricht Sziborra-Seidlitz davon, dass Rechte von Menschen nicht beschnitten werden dürften und dass dies zur Verantwortung ihrer Fraktion für Sachsen-Anhalt gehöre. Direkt anschließend erklärt sie:

„Denn die Frage, in welchem politischen Klima wir leben, betrifft den Alltag der Menschen im Land.“

Das kleine Wort „Denn“ ist hier entscheidend. Die folgenden Personen stehen nicht zufällig im Text. Sie fungieren als Begründung und Konkretisierung des vorangegangenen Arguments. Warum soll die parlamentarische Auseinandersetzung für Sachsen-Anhalt insgesamt relevant sein? Weil – so die Argumentation der Rednerin – das politische Klima Folgen für Menschen außerhalb des Parlaments habe.

Deshalb führt die Passage auch nicht zurück zu Tobias Rausch persönlich. Die Argumentation wird größer. Vom Amt geht es über politische Institutionen zu gesellschaftlichen Bedingungen und schließlich zu konkreten Lebenslagen.

Amt → Institution → politisches Klima → Alltag → konkrete Menschen

Auch die Adressaten der Rede verschieben sich

Mit diesem Wechsel verändert sich zugleich die mögliche Hörerschaft. Bei Aussagen über das Präsidium oder das Vorschlagsrecht sind vor allem parlamentarische Akteure unmittelbar gemeint. Eine Pflegekraft oder Unternehmerin kann dagegen auch außerhalb des Landtags erkennen, worauf die Rednerin hinauswill.

Die Konkretisierung unterstützt damit die Mehrfachadressierung, die wir früher untersucht haben. Sziborra-Seidlitz spricht weiterhin vor Abgeordneten, formuliert diesen Teil aber so, dass er zugleich für eine breitere mediale Öffentlichkeit anschlussfähig ist. Das politische Argument muss nun nicht mehr ausschließlich über Kenntnisse parlamentarischer Verfahren verstanden werden.

Gerade deshalb lohnt auch der Blick auf die MDR-Dokumentation ihrer Rede unmittelbar nach der Präsidentenwahl. Eine im Parlament gehaltene Rede bleibt nicht auf das Präsenzpublikum beschränkt. Videoausschnitte, Berichte und Zitate transportieren einzelne Passagen in andere Öffentlichkeiten – und konkrete Menschenbilder sind dort leichter verständlich als parlamentarische Detailfragen.

Von den Menschen führt die Rede unmittelbar zur Zukunftsfähigkeit des Landes

Die vier Beispiele bleiben nicht für sich stehen. Direkt danach verallgemeinert Sziborra-Seidlitz erneut: Sachsen-Anhalt brauche Menschen, „die hierbleiben, die hierherkommen, die hier investieren und die sich hier engagieren“. Die Pflegekraft, die Unternehmerin und die Ehrenamtlichen waren also keine Endpunkte der Argumentation. Sie bereiten eine größere Aussage über die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung des Landes vor.

Anschließend folgen wiederum konkrete Politikfelder: Gesundheitsversorgung, Schulen, Kommunen, Natur und Wirtschaft. Die Rede bewegt sich damit gewissermaßen in zwei Richtungen: Erst geht sie vom abstrakten politischen Konflikt zu einzelnen Menschen, dann von diesen Menschen wieder zu einer breiteren politischen Gestaltungsagenda.

Diese Bewegung lässt sich so zusammenfassen:

Abstraktion → Person → gesellschaftliche Folge → politische Gestaltung.

Die Pflegekraft, die Unternehmerin, die Jugendlichen und die Ehrenamtlichen machen den Konflikt anschaulich. Danach kann Sziborra-Seidlitz von dieser Anschaulichkeit wieder zu allgemeinen politischen Aufgaben zurückkehren.

Die Rede braucht hier keine Zahlen – aber die Analyse darf Beispiel und Beleg nicht verwechseln

Gerade bei solchen Passagen lohnt eine methodische Unterscheidung. Die vier Personenbeispiele sind rhetorische Exemplifizierungen. Sie machen eine Behauptung verständlich und vorstellbar. Sie beweisen für sich genommen jedoch nicht empirisch, wie stark oder in welchem Umfang sich ein bestimmtes politisches Klima tatsächlich auf Fachkräftegewinnung, Sicherheitsempfinden oder ehrenamtliches Engagement auswirkt.

Für eine saubere Redeanalyse sollten wir deshalb Beispiel und Beleg auseinanderhalten. Sziborra-Seidlitz verwendet diese Personen hier, um die gesellschaftliche Reichweite ihres Arguments zu illustrieren. Ob die behaupteten Zusammenhänge empirisch zutreffen und wie groß mögliche Effekte sind, wäre eine eigenständige Sachfrage, für die weitere Daten und Quellen nötig wären.

Genau diese Trennung schützt die rhetorische Analyse vor politischer Parteinahme. Wir müssen die politische Schlussfolgerung der Rednerin nicht übernehmen, um präzise beschreiben zu können, wie sie aus institutioneller Sprache eine gesellschaftlich anschauliche Argumentation macht.

Damit ist das semantische Grundgerüst der Rede weitgehend freigelegt: Verantwortung verbindet Anfang und Ende, Macht wird gewonnen und übertragen, Grenzen werden überschritten und gezogen, die Mitte wandert vom Raum in die Politik, Zeit reicht vom „Heute“ bis zu „jedem einzelnen Mal“, das „Wir“ verändert seine Größe – und schließlich treten aus all diesen abstrakten Zusammenhängen konkrete Menschen hervor.

Erst jetzt lohnt es sich, die nächste Ebene zu öffnen: die Elocutio. Denn nun können wir prüfen, mit welchen rhetorischen Figuren diese Bedeutungsstrukturen sprachlich zugespitzt werden – ohne in das übliche Stilmittel-Bingo zu geraten.

Die Elocutio – rhetorische Figuren im Dienst der Strategie

Warum eine Figurenliste diese Rede verfehlen würde

Nun sind wir bei jener Ebene angekommen, mit der viele klassische Redeanalysen beginnen: den rhetorischen Figuren. Antithese, Anapher, Parallelismus, Metapher, Enumeratio, Apostrophe – in der Rede von Susan Sziborra-Seidlitz lässt sich einiges finden. Eine möglichst lange Liste lateinischer Bezeichnungen würde uns allerdings erstaunlich wenig darüber verraten, warum diese knapp sieben Minuten rhetorisch funktionieren, wie sie funktionieren.

Die klassische Rhetorik bezeichnet die sprachliche Ausformulierung eines Gedankens als Elocutio. Für unsere Analyse bedeutet das: Wir untersuchen nun, wie die bereits freigelegten Argumente, Bedeutungsfelder und Adressatenbeziehungen sprachlich gestaltet werden. Wer sich mit dieser Verbindung von strategischer Planung und sprachlicher Gestaltung vertiefend beschäftigen möchte, findet beim Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen den wissenschaftlichen Hintergrund; auch Joachim Knapes Arbeiten zur strategischen Rhetorik sind für diesen Blick auf die Rede besonders hilfreich.

Unser methodischer Ausgangspunkt ist dabei bewusst streng: Eine rhetorische Figur ist für diese Analyse erst dann interessant, wenn sich erklären lässt, welche Aufgabe sie innerhalb des Persuasionsprozesses erfüllt. Genau deshalb haben wir vor der Figurenanalyse so ausführlich über Kairos, Intellectio, Adressaten, Dispositio und Wortwahl gesprochen. Erst wenn wir wissen, welches kommunikative Problem die Rednerin bearbeitet, können wir sinnvoll beurteilen, was eine Wiederholung, ein Gegensatz oder eine Metapher innerhalb dieser Strategie leistet.

Unsere Regel für die Elocutio-Analyse: Wir sammeln keine Figuren, um möglichst viele Fachbegriffe unterzubringen. Wir nehmen eine Figur dann auf, wenn wir zeigen können, welchen Gedanken sie strukturiert, welche Unterscheidung sie schärft, welche Handlung sie vorbereitet oder welche Aussage sie erinnerbarer macht.

Die Frage lautet nicht: „Welche Figur ist das?“

Nehmen wir die Gegenüberstellung von „normalerweise“ und „heute“. Natürlich können wir hier über Kontrast und Antithese sprechen. Analytisch interessant wird das aber erst, wenn wir erklären, was dieser Gegensatz für die Rede leistet: Er baut zuerst einen parlamentarischen Normalfall auf und lässt die aktuelle Situation anschließend als Abweichung davon erscheinen. Die Figur erhält ihren Wert also nicht durch ihr Etikett, sondern durch ihre Funktion in der Argumentation.

Ähnliches gilt für die späteren „Wir werden …“-Sätze. Dass sich dieselbe Satzstruktur wiederholt, lässt sich rasch als Anapher und Parallelismus bestimmen. Entscheidend ist jedoch, dass diese Wiederholung aus einer verlorenen Abstimmung ein zukünftiges Handlungsprogramm macht. Sie bündelt die Selbstverpflichtung der eigenen Fraktion und verlagert die Rede von der Diagnose zur Aktion.

Und bei der berühmten „Zange“ wäre die Feststellung „Metapher“ zwar richtig, aber beinahe trivial. Erst wenn wir sie mit der zuvor aufgebauten „Mitte“, der tatsächlichen Sitzordnung im Plenarsaal, dem Appell an andere Fraktionen und dem Zeitpunkt unmittelbar nach der Präsidentenwahl verbinden, verstehen wir, warum gerade dieses Bild so viel argumentative Last tragen kann.

Form, Position und Funktion gehören zusammen

Deshalb prüfen wir bei jeder auffälligen Formulierung mehrere Ebenen gleichzeitig. Erstens muss sich die sprachliche Struktur tatsächlich belegen lassen – am besten anhand des offiziellen Transkripts der Rede und, wo Stimme, Pause oder Reaktion wichtig werden, zusätzlich anhand der Videoaufnahme. Zweitens betrachten wir die Position der Formulierung im Redeaufbau. Eine Wiederholung im Exordium kann eine andere Aufgabe erfüllen als dieselbe Struktur im Schluss.

Drittens fragen wir nach der strategischen Funktion: Richtet die Figur Aufmerksamkeit auf einen Gegensatz? Verdichtet sie einen Maßstab? Stellt sie Gemeinschaft her? Macht sie einen abstrakten Gedanken anschaulich? Bindet sie die eigene Fraktion öffentlich? Oder richtet sie einen Appell an diejenigen, deren zukünftiges Verhalten noch offen ist?

Erst auf dieser Grundlage sprechen wir über mögliche Wirkung. Dabei bleibt eine wichtige Grenze bestehen: Wir können aus der Textgestalt ableiten, welche Funktion eine Figur plausibel erfüllen kann. Wir können daraus nicht automatisch beweisen, wie sie auf jeden einzelnen Zuhörer tatsächlich gewirkt hat. Dafür bräuchten wir Rezeptionsdaten, Befragungen oder andere empirische Belege.

Unsere Prüffrage Warum sie wichtig ist
Welche sprachliche Struktur liegt tatsächlich vor? Verhindert, dass jedes auffällige Wort vorschnell mit einem gelehrten Etikett versehen wird.
Wo steht sie in der Rede? Die Funktion einer Figur hängt auch von Exordium, Argumentation, Appell oder Schluss ab.
Welchen Gedanken verstärkt sie? Die Figur soll das Argument unterstützen und nicht an seine Stelle treten.
Für welchen Adressaten ist sie relevant? Eine direkte Ansprache der AfD kann zugleich für andere Fraktionen oder die mediale Öffentlichkeit funktionieren.
Was können wir über ihre Wirkung tatsächlich sagen? Trennt nachweisbare Textfunktion von bloßer Spekulation über Publikumsreaktionen.

Besonders wichtig wird diese Vorsicht bei Grenzfällen

Nicht jede Wiederholung ist automatisch eine geplante rhetorische Figur. In einer live gehaltenen Rede entstehen Versprecher, Selbstkorrekturen, Neuansätze und Wiederholungen auch spontan. Wenn Sziborra-Seidlitz beispielsweise ein Wort mehrfach ansetzt, müssen wir zunächst prüfen, ob wir eine bewusst strukturierte Wiederholung vor uns haben oder schlicht eine Disfluenz des gesprochenen Vortrags. Eine Transkription allein reicht für solche Fälle häufig nicht aus; dann muss die Videoaufnahme mitgehört werden.

Dasselbe gilt für Figurenbezeichnungen, bei denen mehrere Kategorien möglich sind. Die Bedeutungsverschiebung der „Mitte“ lässt sich sicher beschreiben. Ob dafür am Ende der Begriff Antanaclasis tatsächlich die präziseste Figurenbezeichnung ist, prüfen wir gesondert. Wo ein einfacherer Begriff wie semantische Verschiebung genauer beschreibt, was geschieht, gewinnt die Analyse nichts dadurch, dass wir einen lateinischen Namen erzwingen.

Diese Zurückhaltung entspricht auch dem Grundprinzip unseres Projekts: Rhetorische Figuren sind Werkzeuge der sprachlichen Gestaltung. Sie können Gedanken hervorheben, Zusammenhänge sichtbar machen, Erinnerbarkeit erhöhen oder Spannung erzeugen. Sie sind jedoch kein Selbstzweck. Eine Figur wird analytisch relevant, wenn sie einen Gedanken verstärkt – nicht, wenn sie lediglich in einem Katalog auftaucht.

Deshalb lautet unsere Leitfrage für die nächsten Kapitel: Nicht „Wie viele rhetorische Figuren finden wir?“, sondern: „Was leistet diese konkrete sprachliche Form genau hier für die Strategie der Rede?“

Mit diesem Maßstab können wir nun in die eigentliche Elocutio einsteigen. Den Anfang machen die Antithesen, denn Sziborra-Seidlitz organisiert wesentliche Teile ihrer Argumentation über Gegensätze: normalerweise und heute, Sitzplatz und politische Position, Wahlergebnis und Unterordnung, Institution und Partei, Gefährdung und Gegenwehr. Entscheidend wird auch dort nicht die bloße Benennung der Figur sein, sondern die Frage, welche Entscheidungen und Unterscheidungen diese Gegensätze für das Publikum vorbereiten.

Antithesen: Wie die Rede Unterschiede scharfstellt

Wenn Susan Sziborra-Seidlitz Gegensätze aufbaut, geschieht das selten nur, um einen Satz klangvoller zu machen. Die Gegensätze übernehmen vielmehr eine argumentative Aufgabe: Sie trennen Begriffe und Schlussfolgerungen voneinander, die aus Sicht der Rednerin nicht miteinander gleichgesetzt werden sollen. Normalfall und heutige Situation, Amt und Partei, Sitzplatz und politische Position, Wahlergebnis und Unterordnung – immer wieder zieht die Rede sprachliche Trennlinien.

Genau deshalb lohnt sich die Antithese hier als rhetorische Figur. Vereinfacht gesprochen stellt eine Antithese gegensätzliche oder deutlich voneinander abgesetzte Gedanken einander gegenüber. Wer die historische und systematische Terminologie rhetorischer Figuren vertiefen möchte, findet mit dem am Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen entstandenen Historischen Wörterbuch der Rhetorik einen umfangreichen wissenschaftlichen Referenzrahmen. Für unsere Analyse ist allerdings wichtiger, welche Unterscheidung der jeweilige Gegensatz erzwingt.

Dabei sollten wir terminologisch genau bleiben: Nicht jede Gegenüberstellung dieser Rede ist eine Antithese im strengsten Figurenverständnis. Bei der „Mitte“ liegt beispielsweise zugleich eine semantische Bedeutungsverschiebung vor; bei Wahlergebnis und Unterordnung verbindet sich der Gegensatz mit Concessio und Refutatio. Gerade diese Überschneidungen machen die Rede interessanter als eine Figurenliste.

Gegenüberstellung Argumentative Trennlinie Funktion in der Rede
„normalerweise“ / „heute“ parlamentarischer Normalfall / konkret bewerteter Ausnahme-Moment macht die Abweichung zum Ausgangspunkt der Argumentation
Vertreter des Landes / Vertreter einer Partei institutionelle Amtsrolle / parteipolitische Bindung formuliert den Maßstab, an dem die Präsidentenrolle bewertet werden soll
Mitte des Saales / politische Mitte räumliche Lage / politische Bedeutung verhindert die Übertragung räumlicher Symbolik auf politische Einordnung
Wahlergebnis respektieren / Unterordnung zurückweisen Anerkennung des Ergebnisses / Begrenzung der daraus abgeleiteten Konsequenzen ermöglicht Widerspruch, ohne das Wahlergebnis selbst zu bestreiten
Institution / Mensch abstrakte demokratische Ordnung / konkrete handelnde Personen verschiebt Verantwortung vom abstrakten System auf menschliches Handeln

„Normalerweise“ und „heute“: Der erste Gegensatz eröffnet die gesamte Argumentation

Die erste große Trennlinie kennen wir bereits aus dem Exordium. Sziborra-Seidlitz beschreibt zunächst, was die Konstituierung eines Landtags „normalerweise“ bedeutet, und stellt diesem Normalfall anschließend das konkrete „Heute“ gegenüber. Der vollständige Zusammenhang ist im offiziellen Transkript der Rede nachvollziehbar.

Die antithetische Struktur trennt damit zwei Zeitebenen, aber sie leistet argumentativ mehr: „Normalerweise“ beschreibt eine erwartbare parlamentarische Ordnung, „heute“ markiert die Situation, die Sziborra-Seidlitz davon absetzen will. Erst durch den zuvor aufgebauten Normalfall erhält die anschließende Bewertung ihre Schärfe.

Der Gegensatz beantwortet damit bereits eine zentrale Frage der Rede: Warum soll dieser Vorgang überhaupt besonders ausführlich kommentiert werden? Weil das „Heute“ nach Auffassung der Rednerin gerade nicht mehr vollständig unter das zuvor beschriebene „Normalerweise“ fällt.

Die argumentative Trennlinie: Der Gegensatz „normalerweise/heute“ trennt Erwartung und Ereignis. Er schafft damit erst den Begründungsbedarf, auf den die gesamte folgende Rede antwortet.

„Vertreter des Landes“ oder „Vertreter einer Partei“: Amt gegen Parteibindung

Eine besonders klare Antithese entsteht bei der Beschreibung des Präsidentenamtes. Sziborra-Seidlitz formuliert als Erwartung an dieses Amt, dass dessen Inhaber sich als Vertreter des Landes und des Landtags verstehen solle und nicht als Vertreter einer Partei. Auch diese Passage steht im Landtagstranskript.

Hier stehen zwei Rollenmodelle gegeneinander. Auf der einen Seite befindet sich das überparteilich verstandene Amt, auf der anderen die parteipolitische Interessenvertretung. Die sprachliche Symmetrie macht die Alternative deutlich: Welcher Rolle soll im Amt Vorrang zukommen?

Für die Argumentation ist das wesentlich, weil Sziborra-Seidlitz damit zuerst einen Amtsmaßstab formuliert und erst anschließend über die konkrete Besetzung spricht. Der Gegensatz richtet den Blick also weg von einer persönlichen Sympathie- oder Antipathiefrage. Entscheidend soll nach ihrer Argumentation sein, ob zwischen Parteizugehörigkeit und institutioneller Amtsrolle unterschieden wird.

Die Antithese erzeugt deshalb eine normative Trennlinie: Parteipolitische Herkunft und institutionelle Amtsführung sind nicht dasselbe. Das Amt soll in der Logik der Rede etwas verlangen, das über die eigene Fraktion hinausreicht.

Räumliche Mitte und politische Mitte: Der gleiche Begriff, zwei unterschiedliche Ordnungen

Komplizierter wird die Lage bei der „Mitte“. Sziborra-Seidlitz stellt die räumliche Position der AfD im Plenarsaal ihrer politischen Einordnung gegenüber. Der MDR griff in seiner Berichterstattung zur konstituierenden Sitzung gerade diesen Gegensatz zwischen Sitzordnung und politischer Mitte auf.

Hier wirkt zwar eine antithetische Struktur, doch eine reine Figurenbezeichnung würde zu kurz greifen. Das Wort „Mitte“ bleibt äußerlich dasselbe, während sich seine Bedeutung verändert. Zunächst bezeichnet es einen Ort im Saal, danach eine Position im politischen Spektrum und schließlich – wie wir im vorherigen Kapitel gesehen haben – eine gesellschaftliche und normative Kategorie.

Die argumentative Trennlinie lautet: Räumliche Position erzeugt keine politische Bedeutung. Ein Sitzplatz kann verschoben werden; daraus folgt nach der Argumentation der Rednerin keine automatische Verschiebung politischer Positionen.

Damit verhindert die Rede eine symbolische Gleichsetzung. Gerade weil „Mitte“ räumlich und politisch dasselbe Wort ist, kann der Übergang leicht suggestiv wirken. Sziborra-Seidlitz greift diese sprachliche Nähe auf, um die Bedeutungen anschließend ausdrücklich auseinanderzuziehen.

Hier ist „Antithese“ nur ein Teil der Beschreibung. Der Gegensatz trennt räumliche und politische Mitte; zugleich arbeitet die Passage mit der Mehrdeutigkeit desselben Wortes. Deshalb werden wir die genaue Figurenbezeichnung später nicht erzwingen, wo die semantische Analyse präziser ist.

Wahlergebnis anerkennen und Unterordnung zurückweisen: Zustimmung bis zu einem bestimmten Punkt

Einer der strategisch wichtigsten Gegensätze folgt unmittelbar danach. Sziborra-Seidlitz erkennt das Wahlergebnis ausdrücklich an. Anschließend setzt sie mit einem „aber“ eine Grenze: Aus diesem Ergebnis folge für sie keine politische Unterordnung. Auch der MDR hob gerade diese Formulierung in seinem Bericht unmittelbar nach der Wahl hervor.

Hier arbeitet die Rede besonders sauber mit zwei Ebenen, die leicht vermischt werden könnten. Die erste lautet: Was ist entschieden? Das Wahlergebnis gilt. Die zweite lautet: Welche politische Konsequenz folgt daraus? Genau darüber beansprucht die Rednerin weiterhin Streit.

Rhetorisch überschneidet sich die Antithese hier mit einer Concessio und anschließenden Refutatio. Ein Punkt wird eingeräumt, die weitergehende Schlussfolgerung jedoch zurückgewiesen. Diese Konstruktion werden wir später noch gesondert untersuchen.

Die argumentative Trennlinie ist trotzdem bereits deutlich: Anerkennung eines Wahlergebnisses bedeutet nicht Zustimmung zu jeder daraus abgeleiteten politischen Forderung. Für die Rede ist diese Unterscheidung notwendig, weil Sziborra-Seidlitz einerseits den Ausgang der Wahl als Tatsache akzeptiert und andererseits Opposition begründen will.

Gerade dadurch gewinnt das spätere „Wir werden widersprechen“ seine argumentative Grundlage. Wäre Anerkennung mit Unterordnung gleichgesetzt, ließe sich politischer Widerspruch leicht als Verweigerung des Ergebnisses rahmen. Durch die Antithese trennt die Rednerin beide Ebenen voneinander.

„Institutionen“ und „Menschen“: Die Ordnung handelt nicht selbst

Eine andere Art des Gegensatzes entsteht in dem Satz über demokratische Institutionen und die Menschen, die sie schützen. Sziborra-Seidlitz stellt sinngemäß eine abstrakte Ordnung ihren konkreten Handlungsträgern gegenüber: Institutionen schützen sich nicht aus eigener Kraft; Menschen müssen Regeln verteidigen, Rechte gebrauchen und Grenzen ziehen.

Hier würde ich zurückhaltender von einer antithetischen Gegenüberstellung sprechen als von einer schulbuchhaften Antithese. Denn Institution und Mensch sind keine begrifflichen Gegensätze wie hell und dunkel. Die Rede stellt sie funktional gegeneinander, um eine Verantwortungsbeziehung sichtbar zu machen.

Genau darin liegt die argumentative Trennlinie: Eine demokratische Institution besitzt Regeln, aber die Anwendung und Verteidigung dieser Regeln verlangt menschliches Handeln. Die Rede verschiebt damit Verantwortung vom abstrakten System auf die Personen innerhalb dieses Systems.

Dieser Gegensatz passt unmittelbar zu der zuvor analysierten Verbstruktur. Sobald Menschen in den Satz eintreten, folgen aktive Tätigkeiten: Regeln verteidigen, Rechte gebrauchen, Grenzen ziehen. Das Abstraktum „Institution“ wird also nicht verworfen; es erhält konkrete Handlungsträger.

Die Antithesen verhindern vor allem vorschnelle Gleichsetzungen

Wenn wir diese Gegensätze nebeneinanderstellen, zeigt sich ein gemeinsames Muster. Sziborra-Seidlitz nutzt Antithesen häufig dort, wo sie eine aus ihrer Sicht problematische Schlussfolgerung unterbrechen will:

Normalität ist nicht automatisch das heutige Ereignis.
Parteizugehörigkeit ist nicht identisch mit der Amtsrolle.
räumliche Mitte ist nicht identisch mit politischer Mitte.
Wahlerfolg ist nicht identisch mit politischer Unterordnung.
Institutionelle Regeln ersetzen nicht das Handeln der Menschen.

Damit wird deutlich, was die Antithese in dieser Rede strategisch leistet. Sie produziert nicht bloß Gegensätze, sondern sortiert politische Bedeutungen. Immer wieder sagt die Struktur sinngemäß: Diese beiden Dinge mögen eng nebeneinanderliegen, aus dem einen folgt jedoch nicht automatisch das andere.

Gerade das macht die Figur für eine persuasive Rede nützlich. Wer überzeugen will, muss häufig nicht bei völlig unbekannten Tatsachen ansetzen, sondern bei den Schlussfolgerungen, die aus bekannten Tatsachen gezogen werden. Sziborra-Seidlitz bestreitet beispielsweise das Wahlergebnis nicht; sie streitet über seine Bedeutung. Sie bestreitet die Sitzordnung nicht; sie streitet darüber, was „Mitte“ politisch bedeutet.

Die Funktion der Antithesen lässt sich deshalb präzise fassen: Sie ziehen argumentative Grenzen zwischen Tatsache und Deutung, Position und Bedeutung, Amt und Partei, Anerkennung und Konsequenz. Die Gegensätze schärfen dort, wo die Rednerin verhindern will, dass zwei Ebenen ineinanderfallen.

Genau darin fügt sich die Elocutio in die bisherige Gesamtanalyse. Die Rede arbeitet semantisch mit „Grenzen“ – und ihre Antithesen tun auf Satzebene etwas sehr Ähnliches: Sie ziehen begriffliche Grenzen. Das ist keine zufällige Parallelität, sondern zeigt, wie eng Wortwahl, Argumentation und sprachliche Form hier ineinandergreifen.

Im nächsten Schritt verändert sich die Technik. Dort trennt Sziborra-Seidlitz nicht, sondern wiederholt. Besonders die Serie „Wir werden …“ erzeugt Rhythmus, Erwartung und öffentliche Selbstbindung. Deshalb müssen wir nun prüfen, wie Anapher und Parallelismus aus einzelnen angekündigten Handlungen ein zusammenhängendes politisches Programm machen.

Wiederholung und Parallelismus: Warum „Wir werden …“ mehr ist als Rhythmus

Nach der Passage über demokratische Institutionen verändert Susan Sziborra-Seidlitz den sprachlichen Modus ihrer Rede deutlich. Sie beschreibt nun nicht mehr hauptsächlich, was geschehen ist oder welche Gefahren sie sieht. Stattdessen legt sie fest, wie ihre eigene Fraktion künftig handeln will. Sprachlich trägt diese Verschiebung eine auffällige Folge ähnlich gebauter Sätze: „Wir werden widersprechen“, „Wir werden eingreifen“, „Wir werden … verteidigen“, „Wir werden … messen“.

Hier können wir tatsächlich von einer anaphorischen Wiederholung sprechen. Die Wortgruppe „Wir werden“ steht wiederholt am Anfang aufeinanderfolgender syntaktischer Einheiten. Zugleich sind mehrere dieser Einheiten parallel gebaut: Subjekt „wir“, Futurform mit „werden“, anschließend ein handlungsstarkes Verb und häufig eine nähere Bestimmung der Situation, in der dieses Handeln einsetzen soll. Die Passage im offiziellen Transkript des Landtags Sachsen-Anhalt zeigt diese Struktur besonders deutlich.

Die Bezeichnung Parallelismus sollten wir allerdings nicht mechanisch auf jeden Satz der Passage kleben. Die Konstruktionen ähneln einander stark, sind aber nicht vollkommen identisch. Später heißt es beispielsweise sinngemäß „dort, wo …, werden wir … ausschöpfen“; hier steht „wir werden“ nicht mehr am Satzanfang. Präziser ist deshalb: Die Passage arbeitet mit einer anaphorischen „Wir werden“-Wiederholung und weitgehend parallelisierten Satzstrukturen.

Formulierung Art der Handlung Funktion innerhalb der Rede
„Wir werden widersprechen“ sprachlich und politisch Position beziehen kündigt fortgesetzten öffentlichen Widerspruch an
„Wir werden eingreifen“ aktiv in einen Vorgang intervenieren steigert die Rolle vom Sprechen zum Handeln
„Wir werden … verteidigen“ Schutz bestimmter Freiheiten und Institutionen ankündigen formuliert ein politisches Schutzversprechen
„Wir werden … messen“ Entscheidungen an einem Maßstab prüfen macht aus zuvor formulierten Amtsnormen zukünftige Kontrollkriterien
„werden wir … ausschöpfen“ parlamentarische und rechtliche Möglichkeiten nutzen konkretisiert, in welchem institutionellen Rahmen Gegenwehr stattfinden soll

Das „Wir“ steht diesmal fest

Im vorherigen Kapitel haben wir gesehen, wie beweglich das Pronomen „wir“ in dieser Rede ist. Genau an dieser Stelle ist sein Bezug dagegen vergleichsweise eindeutig. Unmittelbar zuvor sagt Sziborra-Seidlitz: „Wir als Grüne“. Die folgende Serie der „Wir werden“-Sätze lässt sich deshalb der eigenen Fraktion zuordnen.

Das ist rhetorisch wichtig. Sziborra-Seidlitz spricht nicht mehr stellvertretend für das ganze Parlament und auch nicht für einen noch zu bildenden Kreis anderer Fraktionen. Sie legt zunächst die eigene politische Gruppe fest. Gerade weil das Subjekt stabil bleibt, können die Verben wechseln. Immer wieder dieselbe Gruppe – aber jeweils eine andere angekündigte Handlung.

gleiches Subjekt + gleiche Zukunftsform + wechselnde Handlung
Wir werden widersprechen → wir werden eingreifen → wir werden verteidigen → wir werden messen

Diese Konstruktion verbindet also Stabilität und Variation. „Wir werden“ bleibt gleich; das jeweils folgende Verb füllt die Selbstverpflichtung mit neuem Inhalt.

Aus einer Beschreibung wird eine öffentliche Selbstverpflichtung

Die entscheidende Funktion dieser Wiederholung liegt deshalb nicht im Klang. Natürlich entsteht Rhythmus. Viel wichtiger ist jedoch, dass sich mit jedem neuen „Wir werden“ der kommunikative Status der Rede verändert.

Bis dahin hat Sziborra-Seidlitz vor allem bewertet: Eine Grenze sei überschritten worden, Verantwortung müsse zugerechnet werden, die räumliche Mitte sei nicht mit der politischen Mitte identisch, das Wahlergebnis werde akzeptiert, Unterordnung jedoch zurückgewiesen. All das sind Deutungen und argumentative Unterscheidungen.

Mit „Wir werden“ beginnt etwas anderes. Die Rednerin sagt nun öffentlich, welches Verhalten von ihrer Fraktion künftig erwartet werden kann. Aus der Analyse einer Situation entsteht damit eine rhetorische Selbstbindung.

„Selbstbindung“ ist hier ausdrücklich nicht juristisch gemeint. Die Sätze begründen keine rechtlich einklagbare Verpflichtung. Politisch und kommunikativ erzeugen sie dennoch Erwartbarkeit: Wer öffentlich ankündigt „Wir werden widersprechen“, „wir werden eingreifen“ und „wir werden … messen“, liefert dem Publikum Maßstäbe, an denen das spätere Verhalten der eigenen Fraktion beobachtet werden kann.

Die Wiederholung verwandelt Diagnose in Selbstverpflichtung: Sziborra-Seidlitz sagt nicht mehr nur, wie sie die Lage beurteilt. Sie legt öffentlich fest, wie ihre Fraktion darauf reagieren will.

Das Futur richtet die Rede aus dem Moment hinaus

Damit greift die anaphorische Wiederholung unmittelbar unsere Analyse der Zeitsemantik auf. Das Hilfsverb „werden“ richtet jeden dieser Sätze in die Zukunft. Die Rede wird am Tag der Konstituierung gehalten, aber die wiederholte grammatische Form verlängert diesen Moment in die kommende parlamentarische Arbeit.

Das ist für den Kairos besonders interessant. Der außergewöhnliche Zeitpunkt liefert den Anlass für die Rede, doch die Rednerin versucht, ihn nicht als einmaliges Ereignis versanden zu lassen. Das wiederholte „Wir werden“ schlägt eine Brücke vom „Heute“ zum späteren Handeln.

So bekommt der Kairos eine Folgewirkung innerhalb des Textes: Der günstige beziehungsweise entscheidende Redemoment wird zum Ausgangspunkt einer Serie angekündigter Handlungen. Genau das unterscheidet diese Passage von einer bloßen Protestrede unmittelbar nach einer Niederlage. Der Blick bleibt nicht beim verlorenen Abstimmungsergebnis, sondern wandert zu den Möglichkeiten, die danach noch bestehen.

Die „wenn“-Sätze machen die Selbstverpflichtung konkreter

Bemerkenswert ist außerdem, dass mehrere „Wir werden“-Sätze mit Bedingungen verbunden werden. Die Rednerin kündigt Widerspruch an, wenn Menschen herabgesetzt würden, und Eingreifen, wenn Rechte beschnitten werden sollten. Damit benennt sie Situationen, in denen die angekündigte Reaktion einsetzen soll.

Das unterscheidet die Passage von einem bloßen kämpferischen „Wir werden uns wehren“. Die Wiederholung erhält jeweils einen Gegenstand. Sziborra-Seidlitz versucht zu bestimmen, wogegen widersprochen, wann eingegriffen, was verteidigt und woran Entscheidungen gemessen werden sollen.

Gerade deshalb funktioniert der Parallelismus argumentativ. Die ähnliche Satzform erleichtert den Vergleich der einzelnen Handlungsfelder. Das Publikum hört nicht fünf voneinander unabhängige Aussagen, sondern eine zusammengehörige Reihe von Selbstverpflichtungen.

Die Verben bilden keine saubere Klimax – aber ein wachsendes Handlungsprogramm

Hier wäre es verführerisch, zusätzlich von einer Klimax zu sprechen. Ganz überzeugend ist das jedoch nicht. „Widersprechen“, „eingreifen“, „verteidigen“, „messen“ und „ausschöpfen“ lassen sich nicht eindeutig auf einer einzigen Intensitätsskala anordnen. „Messen“ ist beispielsweise sprachlich nüchterner als „eingreifen“, obwohl es später steht.

Treffender ist deshalb die Beschreibung als kumulative Handlungsreihe. Mit jeder Wiederholung kommt eine weitere Möglichkeit politischen Handelns hinzu. Die Rede sammelt Handlungen, statt sie streng zu steigern:

widersprechen öffentliche Gegenrede
eingreifen politische Intervention
verteidigen Schutz angekündigter Güter und Freiheiten
messen institutionelle Kontrolle anhand eines Maßstabs
ausschöpfen Nutzung parlamentarischer und rechtlicher Mittel

Gerade die Verschiedenheit der Verben ist wichtig. Die angekündigte Reaktion wird nicht auf Protest reduziert. Sprache, politische Intervention, Schutz, Kontrolle und institutionelle Verfahren erscheinen als unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten.

Die Wiederholung erzeugt Erwartung – und kann deshalb Abweichungen hervorheben

Parallel gebaute Sätze haben noch einen weiteren Effekt: Nach zwei oder drei Wiederholungen kennt das Publikum das Muster. „Wir werden …“ kündigt hörbar den nächsten Baustein an. Dadurch wird die sprachliche Verarbeitung erleichtert. Das Publikum kann neue Inhalte in eine bereits bekannte Struktur einordnen.

Interessant wird deshalb auch die Stelle, an der die Wortfolge verändert wird: „Dort, wo das nicht geschieht, werden wir die parlamentarischen und rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen.“ Das „wir werden“ steht nun nicht mehr am Beginn. Die anaphorische Serie wird syntaktisch geöffnet, ihr Zukunfts- und Handlungsmodus bleibt aber erhalten.

Das spricht dafür, nicht die gesamte Passage unter dem Etikett „Anapher“ zusammenzufassen. Präziser ist die Kombination: Anapher in den deutlich wiederholten Satzanfängen, Parallelismus in den ähnlich konstruierten Handlungssätzen und darüber hinaus eine fortgesetzte Wiederaufnahme derselben Zukunftsform.

Auch die negativen Formulierungen gehören zur Selbstbindung

Gegen Ende der Reihe verändert sich zudem die Form der angekündigten Handlungen. Nun heißt es, die Fraktion werde sich nicht einschüchtern lassen und sich nicht daran gewöhnen, wenn Rechte beschnitten werden sollten. Aus positiven Handlungsverben werden negative Selbstverpflichtungen: Die Rednerin benennt, was ihre Fraktion gerade nicht tun werde.

Damit erweitert sich das Handlungsprogramm um eine Haltungsebene. Widersprechen, eingreifen, verteidigen oder prüfen bezeichnen Tätigkeiten. Sich nicht einschüchtern und sich nicht gewöhnen zu lassen bezeichnet dagegen die behauptete Beständigkeit dieser Haltung.

Auch hier trägt die Wiederholung. Das bekannte „Wir werden“ verbindet aktive Maßnahmen und negative Selbstbindungen zu einem gemeinsamen Komplex.

Der eigentliche rhetorische Gewinn liegt deshalb nicht im Rhythmus allein. Die anaphorische Wiederholung macht aus mehreren Einzelhandlungen ein zusammenhängendes öffentliches Programm. Mit jedem „Wir werden“ steigt nicht zwingend die Intensität – wohl aber der Umfang der Selbstverpflichtung.

Warum diese Passage für die Gesamtstrategie so wichtig ist

Damit erfüllt die Wiederholung genau jene Funktion, nach der wir im methodischen Vorspann gefragt haben. Sie ist nicht bemerkenswert, weil eine Anapher im Text gefunden werden kann. Sie ist bemerkenswert, weil Form und strategische Aufgabe ineinandergreifen.

Die Rede beginnt mit einem vollendeten Ereignis: Der Präsident ist gewählt. Diese Entscheidung kann Sziborra-Seidlitz nicht rückgängig machen. Die „Wir werden“-Serie verlegt deshalb die Handlungsmacht in die Zukunft. Was bereits entschieden ist, wird zur Ausgangslage; was die eigene Fraktion künftig tut, bleibt offen und gestaltbar.

Gerade darin liegt die persuasive Funktion der Passage. Gegenüber der eigenen Anhängerschaft signalisiert sie politische Handlungsfähigkeit. Gegenüber anderen Fraktionen und dem neu gewählten Präsidenten kündigt sie Beobachtung und Widerspruch an. Gegenüber der Öffentlichkeit schafft sie Aussagen, an denen die Fraktion später gemessen werden kann. Derselbe Parallelismus bedient damit mehrere Adressatenkreise gleichzeitig.

Nach dieser stark wiederholenden Passage arbeitet die Rede erneut mit einer anderen Technik der Verdichtung. Mehrfach ordnet Sziborra-Seidlitz Begriffe und Handlungen in Reihen an. Deshalb lohnt als Nächstes der Blick auf Enumeratio und Dreischritt – und insbesondere auf die Frage, wann tatsächlich ein rhetorischer Dreischritt vorliegt und wann wir lediglich eine Aufzählung vor uns haben.

Enumeratio und Dreischritt: Wie die Rede Reichweite erzeugt

Aufzählungen sind in politischen Reden allgegenwärtig. Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen. Eine Enumeratio – also die Reihung mehrerer Einzelglieder – ist rhetorisch erst dann interessant, wenn die einzelnen Elemente gemeinsam etwas leisten, das ein abstrakter Oberbegriff allein nicht leisten könnte. In der Rede von Susan Sziborra-Seidlitz geschieht genau das mehrfach. Sie reiht Gerichte, Medien und Zivilgesellschaft aneinander; später Pflegekraft, Unternehmerin, Jugendliche und Ehrenamtliche; noch einmal später Natur, Gesundheitsversorgung, Schulen, Kommunen und Wirtschaft. Diese Reihen sind unterschiedlich lang und erfüllen unterschiedliche Aufgaben.

Deshalb wäre es zu oberflächlich, an allen drei Stellen lediglich „Aufzählung“ an den Rand zu schreiben. Die erste Reihe definiert einen politischen Begriff, die zweite übersetzt Politik in gesellschaftlichen Alltag, die dritte öffnet aus der Abwehr heraus eine politische Gestaltungsagenda. Die Form ist ähnlich, die argumentative Funktion jeweils eine andere. Die betreffenden Passagen lassen sich im offiziellen Transkript der Rede im Landtag Sachsen-Anhalt nachvollziehen.

Reihe Welche Welt wird geöffnet? Argumentative Funktion
Gerichte – Medien – Zivilgesellschaft demokratische Öffentlichkeit und institutionelle Kontrolle füllt den abstrakten Begriff der demokratischen Mitte mit Kriterien
Pflegekraft – Unternehmerin – Jugendliche – Ehrenamtliche Arbeit, Migration, Wirtschaft, Jugend und gesellschaftliches Engagement übersetzt den institutionellen Konflikt in konkrete gesellschaftliche Lebenslagen
Natur – Gesundheitsversorgung – Schulen – Kommunen – Wirtschaft ökologische, soziale, bildungs-, kommunal- und wirtschaftspolitische Gestaltung zeigt, dass die Rede nicht bei Abwehr stehen bleiben will, sondern politische Arbeit ankündigt

Gerichte, Medien, Zivilgesellschaft: Aus „Mitte“ werden Kriterien

Die erste besonders markante Reihe steht in jener Passage, in der Sziborra-Seidlitz um die Bedeutung der „Mitte“ ringt. Nachdem sie die räumliche Mitte des Plenarsaals von der politischen beziehungsweise gesellschaftlichen Mitte getrennt hat, erläutert sie, woran sich eine demokratische Mitte ihrer Auffassung nach erkennen lasse. Dabei führt sie unter anderem unabhängige Gerichte, freie Medien und eine lebendige Zivilgesellschaft an.

Diese Dreierreihe hat eine definierende Funktion. „Demokratische Mitte“ wäre ohne weitere Bestimmung ein außerordentlich dehnbarer politischer Begriff. Durch die Aufzählung bekommt er Inhalt. Aus einem Etikett entstehen drei unterscheidbare Bereiche demokratischer Ordnung: Rechtsprechung, Öffentlichkeit und gesellschaftliche Selbstorganisation.

Gerade die Verschiedenheit der drei Elemente erzeugt Reichweite. Ein Gericht funktioniert anders als ein Medium, und eine zivilgesellschaftliche Organisation erfüllt wiederum eine andere Aufgabe. Ihre Zusammenstellung erweitert deshalb den Referenzraum. Sziborra-Seidlitz bindet ihr Verständnis demokratischer Mitte nicht an eine einzige Institution, sondern entwirft ein Geflecht verschiedener gesellschaftlicher und institutioneller Bereiche.

Die Dreierreihe konkretisiert eine Definition: „Demokratische Mitte“ soll in dieser Rede nicht bloß eine Position im Parteienspektrum bezeichnen, sondern sich im Verhältnis zu Gerichten, Medien und Zivilgesellschaft zeigen.

Ist das bereits ein Trikolon?

Hier ist dieselbe terminologische Vorsicht angebracht wie bei der „Mitte“. Drei aufeinanderfolgende Begriffe ergeben zunächst eine dreigliedrige Enumeratio. Von einem Trikolon sprechen Rhetoriker besonders dann, wenn drei syntaktisch vergleichbar gebaute Glieder eine deutlich erkennbare Einheit bilden. Deshalb sollten wir nicht jede Liste aus drei Substantiven automatisch mit dem Fachbegriff versehen.

Für unsere Analyse genügt vorerst die belastbare Feststellung: Die Rede nutzt an dieser Stelle eine Dreierstruktur. Das ist rhetorisch günstig, weil drei verschiedene Bereiche genannt werden können, ohne dass die Definition bereits wie ein Katalog wirkt. Die Reihe vermittelt Breite und bleibt zugleich leicht erfassbar.

Pflegekraft, Unternehmerin, Jugendliche, Ehrenamtliche: Die Rede bekommt Gesichter

Die nächste große Enumeratio arbeitet völlig anders. Rund um Minute 4:29 verlässt die Rede die institutionelle Ebene und nennt eine Pflegekraft, eine Unternehmerin, Jugendliche und Ehrenamtliche. Wir haben diesen Wechsel bereits unter dem Gesichtspunkt „Von Institutionen zu Menschen“ betrachtet. Auf Ebene der Elocutio lässt sich nun genauer erkennen, was die Reihung selbst leistet.

Eine einzelne Pflegekraft hätte als Beispiel einen begrenzten Bedeutungsraum geöffnet. Vier unterschiedliche Gruppen erzeugen dagegen den Eindruck gesellschaftlicher Breite. Die Pflegekraft verbindet die Argumentation mit Arbeit, Versorgung und Zuwanderung; die Unternehmerin mit Wirtschaft und Fachkräftebedarf; Jugendliche mit Zukunft und individueller Lebensgestaltung; Ehrenamtliche mit gesellschaftlichem Engagement.

Diese Reihe erhebt damit keinen statistischen Anspruch darauf, die Bevölkerung Sachsen-Anhalts vollständig abzubilden. Dafür wäre sie weder gedacht noch geeignet. Rhetorisch leistet sie etwas anderes: Sie lässt mehrere gesellschaftliche Bereiche nacheinander vor dem inneren Auge erscheinen.

Genau darin unterscheidet sie sich von der vorherigen Dreierreihe. Gerichte, Medien und Zivilgesellschaft konkretisieren einen politischen Begriff. Pflegekraft, Unternehmerin, Jugendliche und Ehrenamtliche konkretisieren dagegen die behaupteten Folgen politischen Handelns für den Alltag.

Gerichte – Medien – Zivilgesellschaft
öffnen die Welt demokratischer Institutionen und Öffentlichkeit.

Pflegekraft – Unternehmerin – Jugendliche – Ehrenamtliche
öffnen die Welt gesellschaftlicher Lebenslagen.

Die Aufzählung verhindert, dass „die Menschen“ abstrakt bleiben

Das ist deshalb relevant, weil politische Reden sehr schnell bei Sammelbegriffen wie „die Menschen“, „die Bürger“ oder „die Gesellschaft“ landen können. Solche Wörter besitzen enorme Reichweite, aber wenig Anschaulichkeit. Sziborra-Seidlitz sagt zwar ebenfalls, dass das politische Klima den Alltag der Menschen im Land betreffe. Anschließend zerlegt sie diesen abstrakten Plural jedoch in einzelne Gruppen.

Die Enumeratio macht aus dem Sammelbegriff verschiedene mögliche Lebenssituationen. Sie behauptet damit nicht, alle Menschen hätten dieselben Interessen. Gerade das Gegenteil wird sprachlich sichtbar: Die genannten Personen stehen für unterschiedliche Rollen und Bedürfnisse. Reichweite entsteht durch Verschiedenheit.

Natur, Gesundheitsversorgung, Schulen, Kommunen, Wirtschaft: Aus Gegenwehr wird Agenda

Die dritte große Reihe steht an einer strategisch anderen Position der Rede. Nachdem Sziborra-Seidlitz lange über Verantwortung, politische Grenzen, demokratische Institutionen und gesellschaftliche Folgen gesprochen hat, kündigt sie politische Vorschläge für die beginnende Wahlperiode an. Das offizielle Transkript nennt dabei „unsere schöne Natur“, „eine verlässliche Gesundheitsversorgung“, „gute Schulen“, „starke Kommunen“ und „eine Wirtschaft, die hier die Zukunft sichert“. :contentReference[oaicite:0]{index=0}

Diese Enumeratio ist mit fünf Feldern deutlich breiter. Das passt zu ihrer Funktion: Nun soll keine Definition und auch keine Gruppe exemplarischer Personen gebildet werden. Sziborra-Seidlitz versucht vielmehr zu zeigen, dass die angekündigte parlamentarische Arbeit mehrere große Politikbereiche umfasst.

Auch hier entsteht Reichweite durch Heterogenität. Natur steht für ein ökologisches Feld, Gesundheitsversorgung für soziale Daseinsvorsorge, Schulen für Bildung, Kommunen für die lokale Ebene staatlicher und gesellschaftlicher Organisation und Wirtschaft für Beschäftigung, Investitionen und Entwicklung. Die Reihe spannt also einen Bogen über sehr unterschiedliche politische Aufgaben.

Das ist für die Dramaturgie der Rede wichtig. Würde nach den „Wir werden“-Sätzen unmittelbar nur der Appell an die anderen Fraktionen folgen, bliebe das Handlungsspektrum stark auf Gegenwehr konzentriert. Die Aufzählung konkreter Politikfelder verschiebt die Perspektive: Opposition soll nach Darstellung der Rednerin zugleich widersprechen und gestalten.

Die dritte Enumeratio erweitert das politische Rollenbild: Die Grünen werden zuvor als widersprechende und kontrollierende Fraktion beschrieben. Mit Natur, Gesundheitsversorgung, Schulen, Kommunen und Wirtschaft ergänzt die Rede dieses Bild um politische Gestaltung.

Die Länge der Reihen passt zu ihrer Aufgabe

Auffällig ist außerdem, dass die Aufzählungen unterschiedlich lang sind. Die demokratische Mitte wird mit einer vergleichsweise kompakten Dreierreihe konturiert. Die gesellschaftlichen Beispiele umfassen vier Gruppen. Die politische Agenda wächst auf fünf Bereiche an.

Daraus würde ich keine mathematisch geplante Steigerungsfigur ableiten; dafür gibt es keinen Beleg. Als Textbefund lässt sich aber festhalten, dass die Reihen im Verlauf unterschiedliche Breitenfunktionen übernehmen. Die erste soll einen Begriff präzisieren, die zweite verschiedene gesellschaftliche Adressaten sichtbar machen, die dritte ein breites politisches Arbeitsfeld skizzieren.

Genau deshalb wäre es auch falsch, hier automatisch eine Klimax zu konstruieren. Die einzelnen Elemente steigen weder eindeutig an Bedeutung noch an Intensität. Pflegekraft, Unternehmerin, Jugendliche und Ehrenamtliche lassen sich nicht sinnvoll in eine Rangfolge bringen; ebenso wenig Natur, Gesundheitsversorgung, Schulen, Kommunen und Wirtschaft. Die rhetorische Leistung liegt in der Addition verschiedener Bereiche, nicht in ihrer Steigerung.

Enumeratio schafft Reichweite, ohne lange erklären zu müssen

Für eine Rede von knapp sieben Minuten ist diese Technik besonders ökonomisch. Ein einzelner Oberbegriff müsste häufig erläutert werden. Eine Reihe konkreter Begriffe kann dagegen innerhalb weniger Sekunden einen ganzen Bedeutungsraum aufrufen. Gerichte, Medien und Zivilgesellschaft öffnen eine institutionelle Welt; Pflegekraft, Unternehmerin, Jugendliche und Ehrenamtliche eine gesellschaftliche; Natur, Gesundheitsversorgung, Schulen, Kommunen und Wirtschaft eine politische.

Damit zeigt sich auch hier, weshalb Figurenanalyse ohne Argumentationsanalyse zu wenig wäre. Die Enumeratio ist nicht deshalb interessant, weil mehrere Wörter hintereinanderstehen. Entscheidend ist, welche Reichweite durch die jeweilige Auswahl entsteht und an welcher Stelle der Rede diese Reichweite gebraucht wird.

Drei Reihen, drei Funktionen:
Die erste definiert.
Die zweite veranschaulicht.
Die dritte öffnet politische Handlungsmöglichkeiten.

Genau darin liegt der rhetorische Wert der Enumeratio in dieser Rede.

Der nächste Abschnitt führt uns zu einer anderen Technik. Dort fügt Sziborra-Seidlitz keine weiteren Beispiele hinzu, sondern räumt zunächst etwas ein: Das Wahlergebnis gilt und wird respektiert. Erst danach setzt sie die Gegenbewegung ein. Damit kommen wir zu Concessio und Refutatio – und zu der Frage, warum ein eingeräumter Punkt einen Widerspruch stärker machen kann, statt ihn abzuschwächen.

Concessio und Refutatio: Das Wahlergebnis gilt – aber was folgt daraus?

Eine der strategisch wichtigsten Passagen dieser Rede besteht gerade nicht in einem scharfen Angriff, sondern in einem Zugeständnis. Susan Sziborra-Seidlitz sagt ausdrücklich: „Das Wahlergebnis gilt und wir respektieren es.“ Erst danach folgt das „Aber“: „Aber aus einem Wahlergebnis folgt kein Anspruch auf Unterordnung.“ Die Passage ist im offiziellen Transkript des Landtags Sachsen-Anhalt dokumentiert.

Rhetorisch lässt sich dieses Verfahren als Concessio mit anschließender Refutatio beschreiben. Bei einer Concessio wird ein Punkt der anderen Seite eingeräumt oder ausdrücklich anerkannt. Die Refutatio setzt dort an, wo aus diesem eingeräumten Punkt eine weitergehende Schlussfolgerung gezogen wird, die die Rednerin zurückweisen will. Entscheidend ist deshalb nicht das „Aber“ allein. Entscheidend ist die argumentative Bewegung:

Wahlergebnis anerkennen → Reichweite des Ergebnisses begrenzen → eigene politische Handlungsfreiheit behaupten

Damit arbeitet Sziborra-Seidlitz an einer sehr präzisen Frage: Was genau ist durch die Wahl entschieden – und was gerade nicht? Dass die AfD bei der vorausgegangenen Landtagswahl stärkste Kraft geworden ist, wird innerhalb der Rede nicht bestritten. Ebenso wenig bestreitet sie an dieser Stelle das Wahlergebnis als solches. Ihr Widerspruch richtet sich gegen eine mögliche politische Folgerung daraus.

Die Concessio nimmt dem Gegenargument einen Teil seiner Kraft

Eine Rednerin könnte nach einer verlorenen Abstimmung versuchen, das Ergebnis selbst zu delegitimieren. Sziborra-Seidlitz entscheidet sich für die entgegengesetzte Strategie: Sie räumt den unstrittigen Punkt ausdrücklich ein. Das Wahlergebnis gilt. Es wird respektiert.

Gerade dadurch kann sie anschließend genauer bestimmen, wo ihr Widerspruch beginnt. Sie widerspricht nicht dem Bestehen des Wahlergebnisses, sondern einer daraus abgeleiteten Forderung nach politischer Unterordnung. Die Concessio schafft also zunächst gemeinsames Terrain, bevor die Refutatio eine Grenze zieht.

Die strategische Stärke liegt in der Trennung: Sziborra-Seidlitz kann ein Ergebnis anerkennen und zugleich bestreiten, dass dieses Ergebnis jede weitere politische Auseinandersetzung erledigt.

Das „Aber“ verschiebt die Streitfrage

Das adversative „aber“ markiert diesen Übergang ausgesprochen klar. Vor ihm steht die Anerkennung einer Tatsache; danach beginnt der Streit über deren Bedeutung. Genau diese Unterscheidung haben wir bereits bei den Antithesen gesehen. Hier wird sie zu einem argumentativen Verfahren.

Die Frage lautet nun nicht mehr: Wer hat wie viele Stimmen erhalten? Die Frage lautet: Welche politischen Ansprüche lassen sich daraus ableiten? Sziborra-Seidlitz verschiebt den Konflikt damit von der Ebene des Ergebnisses auf die Ebene seiner Interpretation.

Das ist für die weitere Rede entscheidend. Erst diese Trennung ermöglicht die folgenden Sätze über den eigenen Wählerauftrag, über Widerspruch und über zukünftiges Handeln. Würde die Anerkennung des Wahlergebnisses zugleich als Anerkennung eines umfassenden politischen Führungsanspruchs behandelt, geriete die eigene Oppositionsrolle argumentativ unter Druck. Die Refutatio hält deshalb einen politischen Handlungsraum offen.

Aus der Anerkennung des Ergebnisses folgt der eigene Wählerauftrag

Unmittelbar anschließend bindet Sziborra-Seidlitz ihre Zurückweisung an die eigene demokratische Legitimation. Ihre Wählerinnen und Wähler hätten die Grünen nicht gewählt, damit diese ihre Überzeugungen zurückstellten; vielmehr hätten sie ihrer Fraktion einen Auftrag gegeben, den sie erfüllen werde.

Das ist argumentativ geschickt gebaut, weil nun zwei demokratische Legitimationen nebeneinanderstehen. Der Wahlerfolg der stärksten Fraktion wird anerkannt, zugleich verweist die Rednerin darauf, dass auch andere Parteien Mandate und Wähleraufträge besitzen. Sie beantwortet einen Mehrheitsanspruch also nicht mit der Leugnung des Mehrheitsverhältnisses, sondern mit dem Hinweis auf politische Pluralität innerhalb des gewählten Parlaments.

Die Concessio ist deshalb keine höfliche Vorbemerkung. Sie ermöglicht die eigentliche Argumentation:

Schritt Aussage Funktion
Concessio Das Wahlergebnis gilt und wird respektiert. anerkennt den unstrittigen Ausgangspunkt
Refutatio Daraus folgt nach Argumentation der Rednerin kein Anspruch auf Unterordnung. weist eine weitergehende Schlussfolgerung zurück
Gegenargument Auch die eigene Fraktion besitzt einen Wählerauftrag. begründet fortgesetzte politische Eigenständigkeit
Konsequenz Die eigene Position soll weiter vertreten werden. führt von der Argumentation zur späteren Selbstverpflichtung

Ein zweites Verfahren: den erwartbaren Einwand vorwegnehmen

Wenig später benutzt Sziborra-Seidlitz ein verwandtes, aber nicht identisches Verfahren. Sie nimmt Bezug auf deutsche Geschichte und die daraus von ihr abgeleitete Verpflichtung zur Wachsamkeit gegenüber demokratischen Institutionen. Eine solche historische Argumentation trägt einen naheliegenden Einwand bereits in sich: Wird hier die gegenwärtige Situation mit einer vergangenen Epoche gleichgesetzt?

Sziborra-Seidlitz spricht diesen Einwand selbst aus, bevor er die Argumentation bestimmen kann: „Dafür brauchen wir keine Gleichsetzung unterschiedlicher Zeiten. Wir müssen die Gegenwart ernst nehmen.“

Das ist keine Concessio im gleichen Sinn wie beim Wahlergebnis. Sie räumt hier nicht ein, dass tatsächlich eine historische Gleichsetzung vorliege. Im Gegenteil: Sie versucht diese mögliche Lesart ausdrücklich auszuschließen. Präziser lässt sich von einer vorweggenommenen Einwandbehandlung sprechen. In der rhetorischen Terminologie kann dafür auch der Begriff Prolepsis verwendet werden, sofern damit das Vorwegnehmen eines möglichen Einwands gemeint ist.

Wichtig ist die Unterscheidung:
Beim Wahlergebnis räumt die Rednerin einen Punkt ein und begrenzt anschließend seine Folgerungen.
Beim Geschichtsargument antizipiert sie eine mögliche Gegenlesart und weist sie zurück, bevor sie sich festsetzen kann.

Warum die historische Einwandvorwegnahme strategisch nötig ist

Der Satz „Unsere Geschichte verpflichtet uns zur Wachsamkeit“ kann unterschiedliche historische Assoziationen öffnen. Würde Sziborra-Seidlitz unmittelbar danach ohne Einschränkung von der Vergangenheit zur aktuellen Situation übergehen, ließe sich ihr eine Gleichsetzung verschiedener historischer Konstellationen entgegenhalten.

Genau diese argumentative Angriffsfläche versucht sie zu verkleinern. Sie formuliert selbst, dass keine Gleichsetzung erforderlich sei, und lenkt anschließend mit „Wir müssen die Gegenwart ernst nehmen“ zurück auf die aktuelle Situation.

Damit entscheidet sie zugleich, welche Funktion Geschichte in ihrer Argumentation haben soll: nicht als Behauptung historischer Identität, sondern als Begründung für Wachsamkeit. Ob diese Begründung überzeugt, bleibt selbstverständlich der Bewertung des Publikums überlassen. Rhetorisch lässt sich jedoch präzise zeigen, dass die Rednerin einen möglichen Einwand erkennt und sprachlich einhegt.

Beide Verfahren schützen die Rede vor zwei naheliegenden Gegenargumenten

Setzt man beide Passagen nebeneinander, wird ihre strategische Verwandtschaft sichtbar. Nach der Präsidentenwahl muss Sziborra-Seidlitz zwei Vorwürfe vermeiden, die ihre eigene Position schwächen könnten: Zum einen könnte ihr entgegengehalten werden, sie akzeptiere das demokratische Wahlergebnis nicht. Zum anderen könnte ihre historische Argumentation als Gleichsetzung unterschiedlicher Epochen verstanden werden.

Auf beide möglichen Einwände reagiert die Rede nicht erst, nachdem sie von außen erhoben wurden. Sie baut die Antworten bereits in die eigene Argumentation ein:

Möglicher Einwand: Sie akzeptieren das Wahlergebnis nicht.
Antwort im Text: Das Ergebnis gilt und wird respektiert – bestritten werden bestimmte politische Folgerungen daraus.

Möglicher Einwand: Sie setzen die Gegenwart mit einer früheren Epoche gleich.
Antwort im Text: Eine Gleichsetzung unterschiedlicher Zeiten sei gerade nicht erforderlich; entscheidend sei die Gegenwart.

Genau darin liegt die persuasive Funktion dieser Verfahren. Eine Rede wird nicht überzeugender, indem sie mögliche Gegenargumente verschweigt. Häufig ist es strategisch stärker, einen Einwand selbst zu formulieren, seinen berechtigten Kern anzuerkennen oder seine Reichweite zu bestimmen und anschließend zu zeigen, weshalb die eigene Schlussfolgerung trotzdem bestehen soll.

Concessio bedeutet nicht Nachgeben

Das wird besonders am Wahlergebnis sichtbar. Die Concessio schwächt den Widerspruch nicht, sondern präzisiert ihn. Nachdem geklärt ist, was anerkannt wird, kann umso genauer benannt werden, was bestritten wird. Die Rede vermeidet dadurch eine pauschale Gegenposition.

Das ist rhetorisch ein wichtiger Unterschied. „Ich widerspreche allem“ ist leicht anzugreifen. „Diesen Punkt erkenne ich an, aber diese Folgerung daraus bestreite ich“ zwingt die Auseinandersetzung auf eine genauer definierte Ebene.

Die Refutatio richtet sich deshalb in dieser Passage nicht gegen das Ergebnis der Wahl, sondern gegen eine von der Rednerin thematisierte Interpretation seiner politischen Reichweite. Genau diese Differenz sollten wir im weiteren Artikel beibehalten, damit die Analyse nicht selbst die Ebenen vermischt, die die Rede sprachlich auseinanderhält.

Der entscheidende Befund: Sziborra-Seidlitz versucht zweimal, die Bedingungen des Widerspruchs selbst festzulegen. Sie bestimmt zunächst, was sie zugesteht, und anschließend, wo dieses Zugeständnis endet. Beim Geschichtsargument bestimmt sie zusätzlich, welche Lesart ihrer eigenen Argumentation sie ausdrücklich ausschließen will.

Im nächsten Abschnitt verändert sich das kommunikative Verhältnis noch einmal deutlich. Bislang spricht Sziborra-Seidlitz überwiegend über politische Akteure. Dann wendet sie sich mitten in der Rede direkt an einen Abgeordneten: „Und Herr Kirchner, auf Ihren Zwischenruf …“ Damit kommen wir zur Apostrophe und direkten Ansprache – und zu der Frage, was geschieht, wenn aus einem politischen Gegenstand plötzlich ein unmittelbar angesprochenes Gegenüber wird.

Apostrophe und direkte Ansprache: Wenn das Publikum plötzlich einen Namen bekommt

Über weite Strecken spricht Susan Sziborra-Seidlitz zu einem parlamentarischen Kollektiv. Sie argumentiert über das Präsidentenamt, über Verantwortung, Wahlergebnisse, demokratische Institutionen und politische Handlungsmöglichkeiten. Doch an einigen Stellen verändert sich die Kommunikationssituation schlagartig: Das Publikum bekommt einen Namen. Aus den vielen Abgeordneten im Saal werden plötzlich „liebe Damen und Herren von der AfD“, ein einzelner „Herr Kirchner“ und schließlich die „Kolleginnen und Kollegen der demokratischen Fraktionen“.

Für die rhetorische Analyse ist diese direkte Ansprache besonders interessant. Streng genommen sollten wir nicht jede Anrede automatisch als Apostrophe etikettieren. Entscheidend ist der Vorgang dahinter: Die Rednerin löst einzelne Personen oder Gruppen aus dem allgemeinen Auditorium heraus und macht sie für einen Moment zum unmittelbaren Gegenüber. Dadurch verändert sich nicht nur der Ton, sondern auch die Funktion der Rede. Mal grenzt sie ab, mal reagiert sie spontan, mal versucht sie ausdrücklich, zukünftiges Handeln zu beeinflussen.

Direkte Ansprache Adressat Funktion
„liebe Damen und Herren von der AfD“ AfD-Fraktion aus einem politischen Gegenstand wird ein unmittelbar angesprochenes Gegenüber
„Und Herr Kirchner, auf Ihren Zwischenruf …“ Oliver Kirchner spontane Reaktion auf das, was während der Rede im Plenarsaal geschieht
„Kolleginnen und Kollegen der demokratischen Fraktionen“ die von der Rednerin so bezeichneten anderen Fraktionen der für den folgenden Appell entscheidende Persuasionsadressat wird ausdrücklich benannt

„Liebe Damen und Herren von der AfD“: Aus dem Gegenstand der Rede wird ein Gegenüber

Die erste auffällige Verengung des Publikums erfolgt in der Passage über historische Verantwortung. Sziborra-Seidlitz spricht zunächst über „unsere Geschichte“ und wendet sich dann unmittelbar an eine bestimmte Fraktion. Im offiziellen Transkript des Landtags Sachsen-Anhalt heißt es, diese Geschichte sei „ganz unmissverständlich auch Ihre Geschichte, liebe Damen und Herren von der AfD“.

Interessant ist dabei bereits der Wechsel der Pronomen. Aus „unserer Geschichte“ wird zugleich „Ihre Geschichte“. Die Rednerin nimmt einen zuvor gemeinschaftlich formulierten Bezug und stellt ihn einer bestimmten Gruppe unmittelbar zu. Geschichte erscheint damit in ihrer Argumentation nicht als Besitz einer politischen Richtung, sondern als gemeinsamer Bezugspunkt, aus dem sie anschließend ihre Forderung nach Wachsamkeit ableitet.

Die direkte Ansprache beseitigt Distanz. Sziborra-Seidlitz spricht nicht mehr nur über die AfD, während deren Abgeordnete im selben Raum sitzen. Sie dreht den Satz zu ihnen hin. Die politische Gegnerschaft erhält dadurch ein sichtbares und ansprechbares Gegenüber.

Bei „Herr Kirchner“ wird aus dem Vortrag ein Redeereignis

Noch deutlicher wird dieser Wechsel wenige Sekunden später. Während Sziborra-Seidlitz ihren Gedanken über Geschichte und Gegenwart entwickelt, ruft Oliver Kirchner dazwischen. Jetzt geschieht etwas, das für die Beurteilung der tatsächlich gehaltenen Rede wichtiger ist als manche perfekt vorbereitete Formulierung: Sie reagiert.

Der Landtag dokumentiert den Wortwechsel im stenografischen Transkript. Die gesamte Reaktion Sziborra-Seidlitz' gehört hier in den Zusammenhang, weil erst dadurch sichtbar wird, wie sie den Zwischenruf aufnimmt und anschließend wieder in ihre Argumentation zurückkehrt:

Susan Sziborra-Seidlitz:
„Und Herr Kirchner, auf Ihren Zwischenruf: Sie sollten vielleicht im Parlament nicht so mutig sein mit Dingen, die Ihnen außerhalb des Parlaments schon gerichtlich untersagt worden sind.“

Oliver Kirchner:
„Na, doch!“

Susan Sziborra-Seidlitz:
„Demokratische Institutionen schützen sich nicht von selbst. Es sind Menschen, die ihre Regeln verteidigen, ihre Rechte gebrauchen und Grenzen ziehen müssen. Dafür sitzen wir alle hier – klar in der Sache, beharrlich in der Arbeit.“

Gerade im Zusammenhang zeigt sich, warum diese Stelle rhetorisch so interessant ist. Die Antwort besteht nicht nur aus einer schlagfertigen Replik auf Kirchner. Sziborra-Seidlitz beantwortet den Zwischenruf zunächst persönlich, lässt sich aber nicht in einen längeren Zweikampf hineinziehen. Stattdessen führt sie innerhalb weniger Sätze zurück zu einem zentralen Gedanken ihrer Rede: demokratische Institutionen, menschliches Handeln, Regeln, Rechte und Grenzen.

Der Zwischenruf bekommt damit für einen Moment Raum, aber er übernimmt nicht die Führung über die Rede. Die Rednerin verändert ihren Text aufgrund der Situation, ohne die Richtung ihres Arguments aufzugeben.

Darin lässt sich rhetorische Souveränität beobachten: Sie reagiert auf die Störung, beantwortet sie und kehrt anschließend unmittelbar zu ihrer eigenen Argumentationslinie zurück. Der Zwischenrufer beeinflusst für einen Moment den Wortlaut – nicht aber den Gedankengang.

Spontaneität zeigt sich dort, wo das Manuskript die Situation nicht vorhersehen konnte

An dieser Stelle können wir auch vorsichtiger über die Vortragsweise sprechen. Ob die gesamte Rede ausgeschrieben vor Sziborra-Seidlitz lag, ob sie mit Stichworten arbeitete oder einzelne Passagen frei formulierte, lässt sich allein aus der Aufnahme nicht sicher bestimmen. Das sollten wir deshalb auch nicht behaupten.

Der Kirchner-Moment ist jedoch etwas anderes. Ein konkreter Zwischenruf in genau diesem Wortlaut lässt sich nicht wie der nächste Absatz eines vorbereiteten Manuskripts ablesen. Die Reaktion darauf ist situativ. Wer die Videoaufnahme der vollständigen Rede hört und sieht, erlebt deshalb an dieser Stelle mehr als einen Text: Die Rednerin hört ihr Gegenüber, antwortet und führt weiter.

Das ist ein Qualitätsmerkmal gesprochener Rhetorik, das im schriftlichen Transkript beinahe verschwindet. Eine Rede kann sprachlich makellos sein und trotzdem wie ein gemaltes Feuer wirken: Wir sehen jede Flamme, aber wir spüren keine Wärme. Erst wenn eine Rednerin auf das reagiert, was tatsächlich im Raum geschieht, entsteht jene Unmittelbarkeit, die ein Manuskript allein nicht liefern kann.

Bei Sziborra-Seidlitz lässt sich dieser Unterschied an der Kirchner-Passage besonders gut beobachten. Dass ihre Worte buchstäblich „aus dem Herzen“ kommen, könnten wir von außen nicht wissen und sollten es deshalb auch nicht als Tatsache behaupten. Als Wirkungseindruck lässt sich aber sehr wohl beschreiben, dass die Rede hier nicht wie ein abgeschlossener Textkörper wirkt, der gegen den Saal verteidigt werden muss. Sie bleibt offen für den Augenblick.

Und genau dadurch bekommt sie Wärme. Die alte Vorstellung einer Rede, die vom Herzen zum Herzen geht, meint schließlich nicht, dass Vorbereitung überflüssig wäre. Im Gegenteil: Gute Vorbereitung schafft überhaupt erst die Sicherheit, im entscheidenden Augenblick vom vorbereiteten Weg abweichen und anschließend wieder zu ihm zurückkehren zu können.

Der Zwischenruf wird sogar zur Rampe für einen Kernsatz

Besonders bemerkenswert ist, wohin die spontane Antwort führt. Direkt nach der persönlichen Replik folgt: „Demokratische Institutionen schützen sich nicht von selbst.“ Danach kommen die Menschen ins Spiel, die Regeln verteidigen, Rechte gebrauchen und Grenzen ziehen müssen.

Das heißt: Der Zwischenruf bleibt nicht als Fremdkörper neben der Rede stehen. Er wird zum Übergang in einen ihrer zentralen Gedanken. Ob diese genaue Verbindung bereits so vorbereitet war oder im Moment entstand, lässt sich nicht bestätigen. Für die Wirkung des Vortrags ist jedoch entscheidend, dass kein Bruch im Argument entsteht.

Der spontane Einschub und der vorbereitete beziehungsweise bereits angelegte Gedankengang greifen ineinander. Gerade das macht die Passage hörenswert: Schlagfertigkeit dient hier nicht dazu, den besten Konter des Abends zu produzieren. Sie führt zurück zur Sache.

Und es bleibt nicht bei diesem einen spontanen Moment

Gegen Ende der Rede reagiert der Saal erneut hörbar. Nach der später ausführlich zu untersuchenden Formulierung von der demokratischen „Zange“ verzeichnet das offizielle Protokoll Gelächter und Zwischenrufe. Sziborra-Seidlitz nimmt auch diese Reaktion in ihre anschließenden Worte auf. Das bestätigt den Eindruck, dass sie ihre Rede nicht unabhängig von der konkreten Situation abspult, sondern wahrnimmt, was im Raum geschieht.

Solche Momente sind rhetorisch besonders aufschlussreich, weil sie zeigen, weshalb eine gehaltene Rede mehr ist als ihr Wortlaut. Im geschriebenen Text sehen wir Argumente und Figuren. Im Plenarsaal kommen Widerstand, Lautstärke, Timing, Blickrichtung, Reaktionen und spontane Entscheidungen hinzu.

Die Rede ist deshalb kein versiegelter Text. Sie bleibt durchlässig für das, was im Plenarsaal passiert. Genau an dieser Durchlässigkeit lässt sich rhetorische Präsenz beobachten.

Bei den „demokratischen Fraktionen“ verändert die direkte Ansprache ihre Funktion

Ganz anders funktioniert die dritte große Adressierung. Kurz vor dem zentralen Appell benennt Sziborra-Seidlitz nicht einen politischen Gegner und reagiert auch nicht spontan auf einen Zwischenruf. Jetzt bestimmt sie ausdrücklich die Gruppe, deren zukünftiges Verhalten sie beeinflussen möchte: die von ihr so bezeichneten „Kolleginnen und Kollegen der demokratischen Fraktionen“.

Damit bestätigt die Rede selbst einen wichtigen Befund unserer Adressatenanalyse. Die AfD ist zwar der sichtbarste politische Gegner und wird mehrfach direkt angesprochen. Der zentrale Persuasionsversuch richtet sich jedoch an andere Abgeordnete. Ihnen gegenüber wird aus der Analyse schließlich eine Handlungsaufforderung.

Das lässt sich sogar an der Grammatik erkennen. Bei der eigenen Fraktion heißt es zuvor: „Wir werden …“ Nun wechselt die Rednerin zum Imperativ: „Prüfen Sie …“ Anschließend folgt „Lassen Sie uns …“. Erst verspricht sie eigenes Handeln, dann fordert sie andere zum Handeln auf und schließlich bietet sie sprachlich ein gemeinsames Handeln an.

AfD: unmittelbare politische Gegenadressierung.
Oliver Kirchner: spontane Antwort innerhalb der konkreten Redesituation.
andere Fraktionen: gezielte persuasive Handlungsaufforderung.

Direkte Ansprache verteilt Rollen

Damit erfüllt die direkte Ansprache in dieser Rede keine einheitliche Aufgabe. Sie verteilt vielmehr Rollen innerhalb der Kommunikationssituation. Die AfD erscheint als unmittelbar angesprochener politischer Gegner. Oliver Kirchner wird für einige Sekunden zum persönlichen Gegenüber. Die anderen Fraktionen werden am Ende als diejenigen adressiert, bei denen zukünftige Entscheidungen noch offen sind.

Das ist für den Persuasionsprozess entscheidend. Eine Rede spricht zwar formal zu einem gesamten Plenum, aber sie will nicht bei allen Zuhörenden dasselbe erreichen. Manche sollen widersprochen bekommen, manche sollen die eigene Haltung erkennen, andere sollen ihr zukünftiges Verhalten überdenken. Die direkte Ansprache macht diese unterschiedlichen Funktionen sichtbar.

Gerade die Kirchner-Passage fügt noch eine weitere Ebene hinzu. Dort sehen wir die Rednerin nicht nur als Produzentin eines vorbereiteten Textes, sondern als Teilnehmerin eines lebendigen parlamentarischen Austauschs. Sie muss hören, entscheiden, reagieren und anschließend weiterführen. Das lässt sich nicht vollständig am Schreibtisch herstellen.

Der zentrale Befund: Die direkte Ansprache macht aus Publikum Gegenüber. Besonders die Reaktion auf Oliver Kirchner zeigt, dass Sziborra-Seidlitz die Situation nicht von ihrer Rede fernhält, sondern die Situation in ihre Rede hineinholt. An dieser Stelle bekommt das sprachlich vorbereitete Feuer tatsächlich Wärme.

Ausgerechnet aus dieser spontanen Passage führt die Rede zu einem der geschlossensten und am leichtesten erinnerbaren Sätze des gesamten Auftritts: „Demokratische Institutionen schützen sich nicht von selbst.“ Im nächsten Abschnitt müssen wir deshalb prüfen, warum diese kurze Formulierung so viel argumentative Arbeit übernimmt – und ob die Bezeichnung Sentenz hier tatsächlich trägt.

„Institutionen schützen sich nicht von selbst“ – Sentenz, Verdichtung und Handlungslogik

Dieser Satz ist uns bereits begegnet. Beim Wortfeld „Grenze“ haben wir betrachtet, wie aus einer diagnostizierten Grenzüberschreitung die Aufforderung zum Grenzziehen wird. Bei den Antithesen ging es um das Verhältnis von Institution und Mensch, und im vorigen Abschnitt war entscheidend, wie Susan Sziborra-Seidlitz nach dem Zwischenruf von Oliver Kirchner wieder in ihre Argumentation zurückfindet. All das müssen wir hier nicht noch einmal erzählen. Jetzt lohnt der Blick auf etwas Kleineres und zugleich Erstaunliches: Wie viel argumentative Arbeit übernimmt ein einziger kurzer Satz?

Im offiziellen Transkript des Landtags Sachsen-Anhalt folgt auf die unmittelbare Auseinandersetzung mit Kirchner diese Passage:

„Demokratische Institutionen schützen sich nicht von selbst. Es sind Menschen, die ihre Regeln verteidigen, ihre Rechte gebrauchen und Grenzen ziehen müssen.“

Der erste Satz fällt schon deshalb auf, weil er sprachlich stark verdichtet ist. Keine Person wird genannt, kein Datum, keine Partei, kein konkretes Amt. Die unmittelbar vorausgehende politische Auseinandersetzung wird für einen Augenblick verlassen. Stattdessen formuliert Sziborra-Seidlitz einen allgemeinen Satz über das Verhältnis zwischen demokratischen Institutionen und menschlichem Handeln.

Ist „Demokratische Institutionen schützen sich nicht von selbst“ eine Sentenz?

Die Bezeichnung ist hier sinnvoll. Eine Sentenz bezeichnet eine kurze, prägnante Aussage, die über den konkreten Einzelfall hinaus einen allgemeinen Gedanken formuliert. Genau diese Merkmale besitzt der Satz. Er spricht nicht vom Landtag Sachsen-Anhalt, nicht vom neu gewählten Präsidenten und nicht von einer bestimmten Fraktion. Sein grammatisches Subjekt lautet allgemein „demokratische Institutionen“.

Auch das Prädikat formuliert keinen einmaligen Vorgang. „Schützen sich nicht von selbst“ behauptet ein grundsätzliches Verhältnis: Institutionelle Strukturen besitzen nach der Logik des Satzes keinen automatischen Selbsterhalt. Damit löst sich die Aussage für einen Moment vom konkreten 6. Oktober 2026 und beansprucht eine größere Geltung.

„Allgemeingültig“ sollte dabei rhetorisch und nicht naturgesetzlich verstanden werden. Eine Sentenz ist kein wissenschaftlicher Beweis. Sie formuliert einen Gedanken so, dass er als allgemeiner Grundsatz erscheint. Ob das Publikum diesem Grundsatz zustimmt, ist eine andere Frage. Für die Figurenbestimmung entscheidend ist zunächst die Form: kurz, geschlossen, verallgemeinernd und aus ihrem unmittelbaren Anlass herauslösbar.

Die Bezeichnung „Sentenz“ trägt hier: Der Satz verdichtet eine konkrete politische Auseinandersetzung zu einem allgemeinen Gedanken über Demokratie und Verantwortung.

Die Verneinung erzeugt eine Leerstelle

Besonders geschickt ist die Formulierung „nicht von selbst“. Der Satz sagt zunächst nur, wodurch demokratische Institutionen nicht geschützt werden: durch eine automatische, aus ihnen selbst kommende Wirkung. Damit entsteht unmittelbar eine gedankliche Leerstelle. Wenn Institutionen sich nicht selbst schützen – wer oder was schützt sie dann?

Sziborra-Seidlitz lässt diese Frage nicht lange offen. Der nächste Satz beginnt mit einer eindeutigen Antwort: „Es sind Menschen …“ Genau dadurch entsteht zwischen beiden Sätzen eine sehr kompakte Handlungslogik.

Institutionen schützen sich nicht selbst → Menschen sind die Handelnden → menschliches Handeln erhält und verteidigt institutionelle Ordnung

Die Prägnanz des ersten Satzes funktioniert also nicht isoliert. Sie bereitet den zweiten vor. Der erste Satz eröffnet ein Problem, der zweite benennt den Handlungsträger. Die abstrakte Institution bekommt ein menschliches Subjekt.

Vom abstrakten Substantiv zu drei konkreten Verben

Danach geschieht etwas, das für die sprachliche Architektur der Rede typisch ist. Sziborra-Seidlitz bleibt nicht beim abstrakten Wort „Menschen“. Sie sagt, was diese Menschen tun müssen:

Regeln verteidigen
Rechte gebrauchen
Grenzen ziehen

Diese drei Glieder sind syntaktisch eng miteinander verwandt. Auf ein Substantiv im Akkusativ folgt jeweils ein aktives Verb: Regeln verteidigen, Rechte gebrauchen, Grenzen ziehen. Dadurch entsteht ein deutlich wahrnehmbarer Dreischritt.

Für unsere Analyse reicht diese Bezeichnung völlig aus. Ein zusätzliches gelehrtes Etikett würde hier wenig gewinnen. Interessanter ist die Frage, wie sich die drei Tätigkeiten voneinander unterscheiden.

„Regeln verteidigen“: Bestehendes erhalten

Das erste Glied richtet den Blick auf vorhandene Ordnung. Regeln existieren bereits; sie sollen verteidigt werden. Das Verb setzt also etwas Bestehendes voraus, das unter Druck geraten kann und deshalb geschützt werden muss.

Der Akzent liegt hier auf Bewahrung. Demokratische Ordnung erscheint nicht als etwas, das mit ihrer einmaligen Einrichtung für alle Zukunft erledigt wäre. Innerhalb der Argumentation verlangt sie fortgesetztes Handeln.

„Rechte gebrauchen“: Vorhandene Möglichkeiten tatsächlich nutzen

Das zweite Glied verändert die Perspektive. Rechte sollen nicht nur geschützt oder besessen, sondern gebraucht werden. Der Ausdruck verbindet institutionelle Ordnung mit praktischer Handlung.

Das ist eine bemerkenswerte Wortwahl. Ein Recht kann formal bestehen und dennoch ungenutzt bleiben. Mit „gebrauchen“ rückt Sziborra-Seidlitz deshalb die Ausübung in den Mittelpunkt. Aus dem institutionell Gewährten wird etwas, das handelnde Menschen tatsächlich einsetzen.

„Grenzen ziehen“: Nicht nur erhalten, sondern entscheiden

Das dritte Glied ist am stärksten auf aktives Setzen gerichtet. Regeln werden verteidigt, Rechte gebraucht, Grenzen gezogen. Den Bedeutungswechsel zwischen „Grenze überschreiten“ und „Grenzen ziehen“ haben wir bereits ausführlich analysiert; er muss hier nicht wiederholt werden.

Für den Dreischritt ist lediglich wichtig, dass das letzte Verb die Handlungsperspektive noch einmal verändert. „Verteidigen“ reagiert auf eine Gefährdung, „gebrauchen“ aktiviert vorhandene Rechte, „ziehen“ bezeichnet eine aktive Grenzsetzung. Dadurch lässt sich innerhalb der Reihe eine Bewegung von der Bewahrung über die Nutzung zur aktiven Begrenzung erkennen.

Ob daraus bereits eine formal eindeutige Klimax entsteht, würde ich nicht behaupten. Die drei Tätigkeiten lassen sich nicht sauber nach Stärke ordnen. Als semantische Bewegung ist die Reihe jedoch deutlich: Der Handlungsspielraum wird mit jedem Verb anders bestimmt.

Der Dreischritt entfaltet den Kernsatz:
Institutionen brauchen Menschen – und menschliches Handeln bedeutet hier Bewahren, Gebrauch machen und Grenzen setzen.

Warum der kurze Satz nach dem Zwischenruf so wirkungsvoll platziert ist

Gerade seine Position gibt der Sentenz zusätzliche Kraft. Unmittelbar zuvor war die Rede sehr konkret geworden: ein Zwischenruf, ein Name, eine persönliche Antwort. Danach folgt mit „Demokratische Institutionen schützen sich nicht von selbst“ ein Satz, der sich von dieser konkreten Situation löst.

Das wirkt wie eine rhetorische Rückführung. Die persönliche Auseinandersetzung bleibt nicht der Endpunkt. Der Gedankengang springt vom einzelnen Zwischenrufer zurück zur allgemeinen politischen These. Damit verhindert die Rednerin zugleich, dass die spontane Replik den Abschnitt dominiert.

Genau deshalb sollten wir diesen Abschnitt nicht noch einmal als Beleg für ihre Schlagfertigkeit lesen – das haben wir bereits getan. Hier interessiert etwas anderes: Die Sentenz verwandelt den konkreten Zwischenfall wieder in einen allgemeinen Gedanken. Sie ist damit ein Scharnier zwischen situativer Rede und vorbereiteter Argumentationslinie.

Verdichtung bedeutet hier: sehr viel Argument auf sehr wenig Sprache

Der Satz enthält weder Beispiel noch Begründung noch ausführliche Herleitung. Trotzdem bündelt er einen großen Teil dessen, worum die Rede bis dahin kreist: demokratische Institutionen, menschliche Verantwortung und die Notwendigkeit politischen Handelns.

Seine Prägnanz entsteht aus mehreren Faktoren zugleich: Das Subjekt ist abstrakt und allgemein, der Satzbau ist unkompliziert, das Prädikat enthält mit „nicht von selbst“ eine klare Negation, und die unmittelbar folgende Aussage liefert den fehlenden Handlungsträger. So entsteht eine kleine Argumentation aus nur zwei Sätzen:

Sprachlicher Schritt Argumentative Leistung
„Institutionen schützen sich nicht von selbst.“ formuliert den allgemeinen Ausgangssatz und öffnet die Frage nach dem Handlungsträger
„Es sind Menschen …“ beantwortet diese implizite Frage und personalisiert Verantwortung
„Regeln verteidigen, Rechte gebrauchen, Grenzen ziehen“ übersetzt Verantwortung in drei konkrete Handlungstypen

Damit zeigt sich sehr genau, weshalb wir diesen Satz als Sentenz untersuchen und nicht einfach als hübsches Zitat herauslösen sollten. Seine eigentliche Stärke liegt in der Verbindung mit dem Folgesatz. Aus einem allgemeinen Grundsatz entsteht unmittelbar eine Handlungslogik.

Der zentrale Befund: „Demokratische Institutionen schützen sich nicht von selbst“ verdichtet die Argumentation zu einem allgemeinen Satz. Der folgende Dreischritt verhindert, dass diese Verdichtung abstrakt bleibt: Menschen verteidigen Regeln, gebrauchen Rechte und ziehen Grenzen. Sentenz und Dreischritt funktionieren deshalb zusammen – der erste Satz formuliert das Prinzip, der zweite macht daraus Handlung.

Damit ist diese Passage ausreichend untersucht, ohne die bereits behandelten Aspekte zu wiederholen. Im nächsten Abschnitt können wir uns deshalb ganz auf ein neues Bild konzentrieren: die Metapher von der „Beute“ – und auf die Frage, welche Vorstellung von Macht und Gefährdung dieses einzelne Wort in die Rede einführt.

Die Metapher von der „Beute“

Nach den eher abstrakten Begriffen von Rechten, Opposition und institutioneller Verantwortung greift Susan Sziborra-Seidlitz zu einem Wort, das ein völlig anderes Bedeutungsfeld in die Rede holt. Im offiziellen Transkript des Landtags Sachsen-Anhalt lautet die Passage:

„Wir werden eingreifen, wenn die Rechte von Minderheiten und Opposition beschnitten werden sollen, wenn Sachsen-Anhalt zu Ihrer Beute werden soll.“

Das Wort „Beute“ verändert die Temperatur des Satzes erheblich. Bis dahin ist von politischen Rechten die Rede, die beschnitten werden könnten. Nun erscheint plötzlich ein ganzes Bundesland als etwas, das jemand an sich bringen könnte. Genau darin liegt die Kraft – und zugleich das Risiko – dieser Metapher.

Was bringt das Wort „Beute“ in den Satz hinein?

Metaphern transportieren mehr als ihre reine Wörterbuchbedeutung. Wer „Beute“ hört, bekommt ein ganzes Bedeutungsfeld mitgeliefert. Der Duden nennt als Grundbedeutung etwas, das jemand „erbeutet“ hat, und führt als Synonyme unter anderem Fang und Raub auf. Beim Verb „erbeuten“ wird dieser Bedeutungsraum noch deutlicher: Etwas wird durch Kampf, Raub oder Plünderung in den eigenen Besitz gebracht.

Deshalb importiert „Beute“ Assoziationen aus mehreren benachbarten Bereichen: Jagd, Raub, Kampf und Aneignung. Das Wort sollte jedoch nicht vorschnell ausschließlich als Kriegsmetapher klassifiziert werden. Sein semantischer Raum ist breiter. Gemeinsamer Kern ist die Vorstellung, dass etwas nicht einfach verwaltet oder gestaltet, sondern ergriffen, gewonnen und für eigene Zwecke verfügbar gemacht wird.

Genau diese Vorstellung überträgt Sziborra-Seidlitz auf Sachsen-Anhalt.

Metaphorischer Import: Das Wort „Beute“ verschiebt die Vorstellung von Politik weg vom normalen Wettbewerb um Gestaltung und hin zu einem Szenario der Aneignung. Das Land erscheint innerhalb dieses Bildes als etwas, das in Besitz genommen werden könnte.

Sachsen-Anhalt wird grammatisch zum Objekt

Besonders deutlich wird die Metapher durch die Rollenverteilung im Satz. Sachsen-Anhalt erscheint nicht als handelndes Subjekt, sondern als mögliche „Beute“. Das Bundesland wird sprachlich zu dem, worauf ein anderer zugreift.

Damit verändert sich der vorherige Bedrohungsrahmen. Bei „Rechte von Minderheiten und Opposition beschnitten werden sollen“ stehen konkrete Rechte im Zentrum. Der anschließende Beute-Satz vergrößert den Bezugsrahmen erheblich: Nun geht es innerhalb der Metapher nicht mehr um einzelne Entscheidungen oder Rechte, sondern um Sachsen-Anhalt als Ganzes.

Rechte werden beschnitten → das Land wird zur „Beute“
konkrete Gefährdung einzelner Rechte → umfassender Aneignungsrahmen

Diese Vergrößerung ist rhetorisch erheblich. Die Rede wechselt von einer institutionell relativ genau bestimmbaren Gefahr – Rechte könnten eingeschränkt werden – zu einem Bild, das die mögliche Entwicklung des gesamten Landes umfasst.

Die Metapher steigert das Pathos

Damit steigt auch das Pathos, also die emotionale Intensität der Rede. „Rechte beschneiden“ bleibt eine politische Formulierung, auch wenn sie bereits eine Bedrohung bezeichnet. „Zur Beute werden“ erzeugt dagegen ein Bild von Zugriff, Unterlegenheit und Verlust.

Die Metapher verdichtet eine komplizierte politische Warnung auf ein einziges Wort. Statt ausführlich zu erklären, wie politische Institutionen nach Auffassung der Rednerin für parteipolitische Zwecke instrumentalisiert werden könnten, genügt „Beute“, um die Vorstellung einer Aneignung aufzurufen.

Das macht den Satz sprachlich stark, verschärft aber zugleich seine Aussage. Denn eine Beute wird nicht partnerschaftlich ausgehandelt. Sie wird genommen. Wer einen politischen Gegner in einen solchen Bildraum stellt, verlässt die nüchterne Sprache konkurrierender Programme und zeichnet einen grundlegenderen Konflikt.

Vom politischen Wettbewerb zum Bedrohungsrahmen

Genau hier liegt die Funktion der Metapher innerhalb der Gesamtstrategie. Sziborra-Seidlitz möchte die Präsidentenwahl nicht als isolierte Personalentscheidung behandeln. Ihre Rede versucht vielmehr, den Vorgang in eine größere Frage nach der zukünftigen Verteilung institutioneller Macht einzuordnen. Das Wort „Beute“ treibt diesen Gedanken auf seine emotional stärkste Form zu.

In der Logik der Rede entsteht ein Bedrohungsrahmen: Politische Macht erscheint nicht nur als Möglichkeit zu regieren, sondern als etwas, das zur Aneignung von Staat und Institutionen eingesetzt werden könnte. Wichtig bleibt die analytische Trennung: Das ist die Rahmung der Rednerin. Die Metapher selbst beweist nicht, dass Sachsen-Anhalt tatsächlich „Beute“ einer Partei würde.

Gerade diese Unterscheidung ist für eine rhetorische Analyse zentral. Wir untersuchen hier nicht, ob die metaphorisch entworfene Gefahr empirisch eintreten wird. Wir untersuchen, welche Vorstellung die Rednerin mit dem Wort erzeugt und welche argumentative Funktion diese Vorstellung erfüllt.

Der Bedrohungsrahmen wird größer: Aus der möglichen Einschränkung einzelner Rechte entwickelt die Rede das Bild einer möglichen Aneignung des ganzen Landes. „Beute“ ist deshalb keine beiläufige Metapher, sondern eine deutliche Pathossteigerung.

Warum „Beute“ stärker ist als „Macht übernehmen“

Ein Vergleich zeigt, was die Metapher leistet. Hätte Sziborra-Seidlitz gesagt: „wenn Sie in Sachsen-Anhalt die Regierung übernehmen“, wäre damit ein verfassungsmäßig vorgesehener politischer Vorgang bezeichnet. Parteien treten bei Wahlen an, gewinnen Mehrheiten und können Regierungsverantwortung übernehmen.

„Wenn Sachsen-Anhalt zu Ihrer Beute werden soll“ erzählt dagegen eine andere Geschichte. „Beute“ bezeichnet das Land nicht als politischen Verantwortungsraum, sondern als Objekt eines Zugriffs. Die Metapher verändert damit die Bewertung bereits auf der Ebene des Wortes.

Das ist ein gutes Beispiel dafür, weshalb Metaphern in politischer Rhetorik niemals bloß Schmuck sind. Sie liefern Deutungsmodelle. Wer ein Land als „Beute“ bezeichnet, schlägt dem Publikum zugleich eine bestimmte Interpretation politischer Macht vor: nicht Verantwortung für etwas übernehmen, sondern sich etwas aneignen.

Die Stärke der Metapher ist zugleich ihr Risiko

Genau an dieser Stelle muss eine rhetorische Analyse auch die mögliche Kehrseite benennen. Eine stark emotionalisierende Metapher kann mobilisieren und einen abstrakten Konflikt anschaulich machen. Sie kann aber ebenso die Polarisierung verschärfen.

Das liegt im Bild selbst. Zwischen einer politischen Partei und einer „Beute“ gibt es innerhalb der Metapher keinen normalen Interessenausgleich. Das Verhältnis ist asymmetrisch: Eine Seite greift zu, die andere wird genommen. Kompromiss, Aushandlung und legitimer Wettbewerb haben in diesem Bild kaum Platz.

Für Zuhörende, die Sziborra-Seidlitz' vorausgehende Gefahrenanalyse teilen, kann „Beute“ deshalb eine bereits vorhandene Wahrnehmung besonders prägnant bündeln. Wer diese Analyse nicht teilt, kann dieselbe Metapher als Überzeichnung oder als rhetorische Eskalation wahrnehmen. Welche dieser Reaktionen bei welchen Zuhörenden tatsächlich eingetreten ist, lässt sich ohne Rezeptionsdaten nicht belegen.

Gerade bei Pathos gilt deshalb: Emotionale Stärke und persuasive Reichweite sind nicht dasselbe. Ein starkes Bild kann Anhänger mobilisieren und zugleich diejenigen auf Distanz bringen, die seinen Bedrohungsrahmen nicht akzeptieren.

Was „Beute“ leistet Was daraus rhetorisch folgt
Anschaulichkeit ein abstrakter Machtkonflikt erhält ein sofort verständliches Bild
Verdichtung Aneignung, Verlust und Macht werden in einem einzigen Wort gebündelt
Pathossteigerung der Konflikt erscheint existenzieller als in rein institutioneller Sprache
Bedrohungsrahmen aus einzelnen politischen Eingriffen wird die Vorstellung eines Zugriffs auf das ganze Land
Polarisierungspotenzial das Bild lässt wenig Raum für die Vorstellung gewöhnlicher politischer Konkurrenz

Interessant ist auch, wo die Metapher steht

„Beute“ fällt nicht am Anfang der Rede. Sziborra-Seidlitz hat vorher bereits ihren institutionellen Maßstab entwickelt, das Wahlergebnis ausdrücklich anerkannt und die eigene politische Position begründet. Erst danach steigert sie die Sprache.

Das verhindert zumindest innerhalb der Textarchitektur, dass die Metapher völlig voraussetzungslos im Raum steht. Sie ist eingebettet in eine bereits entwickelte Argumentation über Rechte, politische Verantwortung und künftiges Handeln. Das macht sie nicht weniger zugespitzt, erklärt aber ihre Funktion: Sie verdichtet einen zuvor aufgebauten Bedrohungsrahmen auf ein einzelnes starkes Bild.

Dass gerade diese Formulierung in der aktuellen Berichterstattung aufgegriffen wurde, ist deshalb wenig überraschend. Sowohl die Süddeutsche Zeitung als auch BR24 zitieren die „Beute“-Passage in ihrer Berichterstattung über die konstituierende Sitzung. Damit ist zumindest belegt, dass gerade diese metaphorische Zuspitzung journalistisch als zitierenswert ausgewählt wurde. Welche Wirkung sie beim breiteren Publikum hatte, lässt sich daraus nicht ableiten.

Der zentrale Befund: Mit „Beute“ importiert Sziborra-Seidlitz ein Bedeutungsfeld von Jagd, Raub, Kampf und Aneignung in die parlamentarische Sprache. Dadurch wird aus einer möglichen Einschränkung von Rechten das Bild eines Zugriffs auf das ganze Land. Die Metapher erhöht Anschaulichkeit und Pathos – bezahlt diese Stärke aber mit einem deutlich höheren Polarisierungspotenzial.

Mit der „Beute“ beschreibt die Rede einen möglichen Zugriff. Wenig später wird das räumliche Bild noch konkreter: Aus der Sitzordnung des neuen Landtags entwickelt Sziborra-Seidlitz die Aufforderung, die AfD „demokratisch in die Zange“ zu nehmen. Diese zweite große Metapher funktioniert jedoch anders. Sie bezeichnet nicht mehr das befürchtete Handeln des politischen Gegners, sondern die von der Rednerin vorgeschlagene Reaktion darauf.

Die „Zange“: Die stärkste Metapher der Rede?

Wenn eine Formulierung aus dieser Rede besonders schnell hängen bleibt, dann ist es wahrscheinlich diese: „Lassen Sie uns mit Blick auf die Sitzordnung diese Fraktion demokratisch in die Zange nehmen.“ Ob die „Zange“ tatsächlich die stärkste Metapher der gesamten Rede ist, lässt sich nicht objektiv messen. Für ihre besondere rhetorische Stellung spricht jedoch einiges: Sie entsteht aus der konkreten räumlichen Situation des Plenarsaals, überträgt diese Situation in eine politische Handlungsstrategie, enthält einen direkten Appell und wurde unmittelbar nach der Sitzung von mehreren Medien aufgegriffen. Das macht sie zumindest zu einer der auffälligsten und am leichtesten zitierbaren Formulierungen des Auftritts.

Der genaue Zusammenhang ist dabei wichtiger als das einzelne Schlagwort. Im offiziellen Transkript des Landtags Sachsen-Anhalt heißt es unmittelbar vor der Metapher:

„Prüfen Sie vielmehr jedes einzelne Mal, welche Macht Sie übertragen und welche Folgen das für unser Land hat. Lassen Sie uns mit Blick auf die Sitzordnung diese Fraktion demokratisch in die Zange nehmen.“

Zwischen diesen beiden Sätzen liegt der entscheidende Übergang. Der erste Satz spricht über politische Entscheidungen: prüfen, Macht übertragen, Folgen bedenken. Der zweite Satz macht daraus ein räumliches Bild. Genau deshalb darf die „Zange“ nicht als isolierter Spruch behandelt werden. Sie ist die bildhafte Zuspitzung eines zuvor formulierten politischen Handlungsappells.

Ohne die neue Sitzordnung gäbe es diese Metapher wahrscheinlich nicht

Sziborra-Seidlitz kündigt das Bild selbst an: „mit Blick auf die Sitzordnung“. Damit liefert sie gleichsam die Gebrauchsanweisung für ihre Metapher mit. Im neu zusammengesetzten Landtag hatte sich die räumliche Ordnung verändert. Die AfD saß nicht mehr am äußeren Rand des Plenarsaals, sondern in der Mitte; auch das BSW wurde im mittleren Bereich platziert. Die neue Sitzordnung war bereits vor der konstituierenden Sitzung Gegenstand öffentlicher Berichterstattung. Der Landtag selbst veröffentlichte zur konstituierenden Sitzung die neue Sitzordnung; auch MDR SACHSEN-ANHALT berichtete im Vorfeld über den geplanten Wechsel der AfD in die Mitte des Plenums.

Damit besitzt die Metapher eine ungewöhnlich konkrete Grundlage. Eine Zange besteht aus zwei Seiten, die einen Gegenstand umfassen und Druck ausüben können. Im parlamentarischen Halbkreis ist die Vorstellung räumlich sofort anschlussfähig: Eine große Fraktion sitzt in der Mitte, andere politische Kräfte befinden sich seitlich davon.

Wichtig ist allerdings, die Metapher nicht zu wörtlich auf den Sitzplan zu übertragen. Der Plenarsaal bildet keine perfekte Zange, und aus der räumlichen Anordnung folgt selbstverständlich keine koordinierte politische Zusammenarbeit der Parteien auf beiden Seiten. Genau diesen Schritt vollzieht erst die Rede. Aus einer Sitzordnung macht Sziborra-Seidlitz ein politisches Modell.

Der entscheidende Transfer: Die Sitzordnung liefert das Bildmaterial. Die Rednerin überträgt dessen räumliche Logik auf politisches Handeln: Aus „in der Mitte sitzen“ wird die Vorstellung, von unterschiedlichen Seiten politisch unter Druck gesetzt zu werden.

„In die Zange nehmen“ bedeutet mehr als bloß widersprechen

Das Bild selbst ist kräftiger, als es auf den ersten Blick erscheint. Der Duden beschreibt eine Zange zunächst als Werkzeug mit zwei miteinander verbundenen Backen zum Greifen, Festhalten oder Durchtrennen. Für die Redewendung „jemanden in die Zange nehmen“ nennt er unter anderem die Bedeutung, jemanden hart unter Druck zu setzen. Der Duden weist außerdem darauf hin, dass die Wendung ursprünglich mit dem Schmieden verbunden ist: Das glühende Eisen wird mit einer Zange festgehalten.

Das ist für unsere Analyse aufschlussreich. Die Metapher importiert keineswegs nur eine neutrale räumliche Vorstellung von „links und rechts“. Sie bringt Druck, Festhalten und Begrenzung von Bewegung mit. Daneben lässt das Wort „Zange“ auch an strategische Zangenbewegungen denken, wie sie aus militärischen oder sportlichen Kontexten bekannt sind. Die konkrete Redewendung sollte deshalb nicht vorschnell ausschließlich als Kriegsmetapher bezeichnet werden; ihr Bedeutungsraum reicht weiter. Konflikt ist jedoch in allen Varianten angelegt.

Genau darin unterscheidet sich „in die Zange nehmen“ von einer Formulierung wie „kritisch begleiten“, „widersprechen“ oder „politisch stellen“. Die Zange beschreibt keine lockere Opposition. Sie erzeugt die Vorstellung eines koordinierten Drucks von mehreren Seiten.

Die „Mitte“ wird gegen ihre eigene räumliche Symbolik gewendet

Damit schließt die Metapher an eines der wichtigsten Wortfelder der Rede an, ohne dass wir die bereits geleistete Analyse der „Mitte“ wiederholen müssen. Entscheidend ist hier lediglich die Bewegung innerhalb des Bildraums: Die räumliche Mitte war zuvor von Sziborra-Seidlitz ausdrücklich von einer politischen oder gesellschaftlichen Mitte getrennt worden. Nun benutzt sie dieselbe räumliche Konstellation ein zweites Mal – diesmal für die „Zange“.

Das ist rhetorisch bemerkenswert. Ein und dieselbe Sitzordnung erzeugt zwei verschiedene Bilder:

Räumlicher Befund Erste rhetorische Deutung Zweite rhetorische Deutung
AfD sitzt im mittleren Bereich des Plenarsaals räumliche Mitte bedeutet nach Argumentation der Rednerin nicht automatisch politische Mitte dieselbe räumliche Mitte ermöglicht das Bild einer politischen „Zange“ von verschiedenen Seiten

Die Sitzordnung wird damit rhetorisch umcodiert. Was als sichtbare Positionierung im Zentrum des Saales verstanden werden kann, deutet Sziborra-Seidlitz als mögliche Ausgangslage für politischen Gegendruck. Das Bild antwortet auf ein Bild.

Genau deshalb ist die „Zange“ so eng an diese konkrete Redesituation gebunden. Würde derselbe Satz Monate später in einem anderen Raum fallen, verlöre er einen erheblichen Teil seiner Anschaulichkeit. Am Tag der Konstituierung dagegen können die Zuhörenden buchstäblich sehen, worauf die Rednerin zeigt.

Aus Beschreibung wird Aufforderung

Noch wichtiger ist die grammatische Form. Sziborra-Seidlitz sagt nicht, die AfD sei in einer Zange. Sie fordert dazu auf, sie politisch in eine solche Situation zu bringen: „Lassen Sie uns …“

Damit ist die Metapher von Anfang an handlungsorientiert. Sie beschreibt keinen Zustand, sondern entwirft eine Strategie. Gerade deshalb steht sie auch nicht zufällig hinter dem Satz „Prüfen Sie vielmehr jedes einzelne Mal, welche Macht Sie übertragen“. Der Appell an andere Abgeordnete wird zunächst sachlich formuliert und anschließend bildlich verdichtet.

prüfen → Machtübertragung begrenzen → gemeinsam handeln → politischen Druck erzeugen

Auch das Pronomen ist bedeutsam. „Lassen Sie uns“ ist weiter als das zuvor häufige „Wir werden“. Dort bindet Sziborra-Seidlitz ihre eigene Fraktion. Hier öffnet sie das Handlungssubjekt und lädt andere Abgeordnete in ein gemeinsames „uns“ ein. Die Zange kann im Bild nur entstehen, wenn mehrere Seiten mitwirken.

Damit wird die Metapher zur bildhaften Kurzform der zuvor analysierten Adressatenstrategie. Der zentrale Persuasionsversuch richtet sich nicht darauf, die AfD von ihrer eigenen Position abzubringen. Er richtet sich an das politische Umfeld und an die Frage, welche institutionelle Macht dieses Umfeld künftig mitüberträgt.

Warum steht ausgerechnet „demokratisch“ vor der Zange?

Das wichtigste Wort des Satzes könnte deshalb ausgerechnet das unspektakulärste sein: „demokratisch“. Ohne dieses Adverb beziehungsweise adverbial gebrauchte Adjektiv wäre die Formulierung erheblich aggressiver: „Diese Fraktion in die Zange nehmen“ ruft Druck, Einkreisung und Einschränkung auf. „Demokratisch in die Zange nehmen“ versucht, diesen Druck zugleich an eine bestimmte Form politischen Handelns zu binden.

Der Zusatz wirkt wie eine semantische Bremse und Rahmensetzung. Die Rednerin kennzeichnet die von ihr geforderte Gegenstrategie ausdrücklich als demokratisch. Im Zusammenhang der vorausgehenden Rede bedeutet das nach ihrer eigenen Argumentationslinie: parlamentarischer Widerspruch, Nutzung von Rechten, rechtliche Möglichkeiten, öffentliche Auseinandersetzung und Entscheidungen anderer Fraktionen darüber, welche Macht sie übertragen.

Das Wort „demokratisch“ nimmt der Zange ihre Härte allerdings nicht vollständig. Genau darin liegt die Spannung der Formulierung. Das Substantiv beziehungsweise die Redewendung erzeugt ein Bild des Drucks; das vorangestellte „demokratisch“ setzt diesem Bild eine normative Grenze.

„Demokratisch“ domestiziert die Metapher, löscht sie aber nicht. Der Satz soll gleichzeitig Entschlossenheit und institutionelle Begrenzung ausdrücken: politisch unter Druck setzen – aber mit parlamentarischen und demokratischen Mitteln.

Genau diese Spannung macht das Bild stark – und riskant

Die rhetorische Stärke der Formulierung liegt in ihrer enormen Verdichtung. Sitzordnung, Bündnisfrage, Oppositionsstrategie, zukünftige Machtentscheidungen und Konfliktbereitschaft passen plötzlich in ein einziges sichtbares Bild. Wer „Zange“ hört und den Plenarsaal vor Augen hat, benötigt kaum eine zusätzliche Erklärung.

Doch dieselbe Verdichtung erhöht das Risiko. Eine Zange ist kein neutrales Werkzeug der Kooperation. Sie fasst, hält und drückt. Die Redewendung bezeichnet ausdrücklich das Unter-Druck-Setzen eines Gegenübers. Wer politische Konkurrenz ohnehin als zu konfrontativ wahrnimmt, kann deshalb gerade dieses Bild als Verschärfung des Konflikts lesen.

Auch der Zusatz „demokratisch“ verhindert diese mögliche Rezeption nicht vollständig. Kritische Zuhörende könnten einwenden, dass eine Demokratie politische Gegner nicht „einklemmen“, sondern argumentativ stellen und institutionell fair behandeln sollte. Anhänger der von Sziborra-Seidlitz formulierten Strategie können dagegen gerade im Adjektiv „demokratisch“ die entscheidende Begrenzung sehen: Es gehe nicht um Ausschaltung, sondern um parlamentarischen Widerspruch und darum, Mehrheiten oder Machtübertragungen politisch zu verhindern.

Welche dieser Lesarten beim einzelnen Publikum überwiegt, lässt sich ohne Rezeptionsdaten nicht feststellen. Rhetorisch ist jedoch sichtbar, dass die Formulierung bewusst oder jedenfalls faktisch zwei sehr unterschiedliche Bedeutungsenergien zusammenführt: den Druck der „Zange“ und die normative Begrenzung durch „demokratisch“.

Die unmittelbare Reaktion im Plenarsaal zeigt das Konfliktpotenzial

Dass der Satz im Raum nicht geräuschlos vorbeiging, dokumentiert das offizielle Protokoll. Direkt nach der „Zange“-Formulierung vermerkt es Beifall bei den Grünen, Lachen bei AfD und CDU sowie Zurufe von Matthias Büttner und Oliver Kirchner. Sziborra-Seidlitz nimmt diese Reaktion unmittelbar wieder auf und kündigt an, dafür zu sorgen, dass Widerspruch hörbar bleibe und nicht nur „Gelächter und Pöbeln aus der Mitte“ des Parlaments. Bei „Mitte“ vermerkt das Protokoll sogar eine Geste mit in die Luft gesetzten Anführungszeichen.

Diese Reaktion beweist nicht, wie die Metapher insgesamt auf das Parlament oder auf die Öffentlichkeit gewirkt hat. Sie zeigt aber, dass der Satz im Moment seines Vortrags eine unmittelbar wahrnehmbare Resonanz auslöste. Gerade damit unterscheidet er sich von vielen sachlicheren Passagen der Rede.

Warum die „Zange“ medial so gut funktioniert

Für die journalistische Weiterverarbeitung besitzt die Formulierung mehrere Vorteile zugleich. Sie ist kurz, ungewöhnlich und ohne langen Vorlauf zitierbar. Sie enthält einen Konflikt und erzeugt ein Bild. Zudem ist dieses Bild an eine sichtbare Neuigkeit des Tages gebunden: die veränderte Sitzordnung.

Entsprechend wurde die Wendung schnell aufgegriffen. Der Tagesspiegel erwähnt den Appell ausdrücklich in seinem Bericht über die Sitzung. Die taz beschreibt, wie Sziborra-Seidlitz zum Schluss auf die AfD-Reihen blickt und die „Zange“ formuliert. Die Thüringische Landeszeitung machte „Demokratisch in die Zange nehmen“ sogar zum Titel eines Kommentars. Auch das Handelsblatt griff die Formulierung auf.

Das erlaubt einen begrenzten, aber wichtigen Befund: Die „Zange“ war journalistisch zitierfähig. Mehr sollten wir daraus zunächst nicht ableiten. Dass mehrere Medien eine Formulierung auswählen, beweist weder allgemeine Zustimmung noch eine bestimmte Wirkung beim Publikum. Es zeigt aber, dass der Satz aus einer fast siebenminütigen Rede herausgelöst werden konnte und auch außerhalb des vollständigen Arguments verständlich blieb.

Das erklärt einen Teil ihrer medialen Stärke: Die Metapher braucht kaum Übersetzung. Wer Sitzordnung und Satz zusammen sieht, versteht das Bild sofort.

Die „Zange“ ist gleichzeitig räumlich, politisch und temporal

Damit können wir nun einen Zusammenhang herstellen, der für die gesamte Redeanalyse wichtig ist. Die „Zange“ beantwortet zunächst eine räumliche Frage: Wo befinden sich die politischen Akteure? Der Kairos, den wir am Anfang dieses Beitrags untersucht haben, beantwortet dagegen die zeitliche Frage: Wann wird dieses Bild ausgesprochen?

Beides fällt in dieser Rede ungewöhnlich eng zusammen. Die neue Sitzordnung ist gerade sichtbar geworden. Der Präsident ist bereits gewählt, die Amtsübergabe aber noch nicht vollzogen. In genau diesem Zwischenraum verwendet Sziborra-Seidlitz die räumliche Ordnung des neuen Parlaments, um daraus eine politische Handlungsaufforderung für die kommende Wahlperiode zu entwickeln.

Die Zange wäre also auch ohne unseren Kairos-Begriff eine verständliche Metapher. Ihre besondere Funktion in dieser Rede erschließt sich aber erst vollständig, wenn Raum und Zeitpunkt zusammengedacht werden:

Die „Mitte“ und die „Zange“ organisieren den Raum.
Der Kairos organisiert den Zeitpunkt.
Der Appell verbindet beides mit zukünftigem Handeln.

Ist die „Zange“ also die stärkste Metapher der Rede?

Wenn „stark“ bedeutet, dass ein Bild viel argumentativen Inhalt auf wenig Sprache verdichtet, unmittelbar anschaulich ist, an die konkrete Redesituation anschließt und journalistisch leicht weitergetragen werden kann, spricht viel dafür, die „Zange“ als eine der zentralen Metaphern dieser Rede zu behandeln.

Eine eindeutige Rangliste wäre trotzdem künstlich. Die „Beute“ leistet etwas anderes: Sie steigert den Bedrohungsrahmen. Die „Zange“ dagegen übersetzt politische Gegenstrategie in ein räumliches Handlungsbild. Gerade deshalb lassen sich beide Metaphern gut gegeneinander abgrenzen:

Metapher Wer handelt im Bild? Strategische Funktion
„Beute“ politischer Gegner als zugreifende Kraft Bedrohung und mögliche Aneignung des Landes visualisieren
„Zange“ die zum gemeinsamen Handeln aufgeforderten politischen Kräfte aus räumlicher Lage eine politische Gegenstrategie entwickeln

Die „Beute“ beschreibt also die behauptete Gefahr, die „Zange“ die vorgeschlagene Reaktion darauf. Dadurch entsteht zwischen beiden Bildern eine eigene Logik: Bedrohungsdiagnose und Handlungsantwort.

Gerade die „Zange“ bleibt dabei ambivalent. Ihre Anschaulichkeit macht sie stark, ihre Konflikthärte macht sie riskant. Das Wort „demokratisch“ ist deshalb kein beiläufiger Zusatz, sondern trägt einen erheblichen Teil der rhetorischen Last. Es soll ein Bild des Drucks mit einer parlamentarischen Handlungsnorm verbinden.

Der zentrale Befund: Die „Zange“ funktioniert, weil sie mehrere Ebenen auf einmal zusammenbindet: Sitzordnung, politische Macht, Adressatenstrategie, gemeinsames Handeln und Konflikt. Ihre Stärke liegt in dieser Verdichtung. Ihr Risiko liegt im selben Bild: Wer eine Fraktion „in die Zange“ nehmen will, spricht die Sprache des Drucks. Das vorangestellte „demokratisch“ versucht, diesen Druck ausdrücklich in parlamentarische und rechtsstaatliche Bahnen zu lenken.

Damit ist allerdings noch nicht alles über dieses Bild gesagt. Denn „Mitte“ und „Zange“ beruhen auf derselben räumlichen Konstellation und beantworten einander fast wie zwei Teile eines visuellen Arguments. Genau diese räumliche Doppelstruktur verdient deshalb noch einen eigenen Blick.

„Mitte“ und „Zange“ als räumliche Doppelstruktur

Bis hierher haben wir „Mitte“ und „Zange“ getrennt untersucht. Bei der „Mitte“ ging es um die Verschiebung zwischen räumlicher, politischer und gesellschaftlicher Bedeutung. Bei der „Zange“ stand die Metapher selbst im Mittelpunkt: die Sitzordnung als Ausgangspunkt, der politische Handlungsappell und die Konflikthärte des Bildes. Legt man beide Passagen nun übereinander, zeigt sich jedoch ein größerer Zusammenhang. Die Rede arbeitet nicht nur mit zwei räumlichen Bildern. Sie entwickelt über mehrere Minuten hinweg ein räumliches Motiv.

Ich würde dafür den Begriff topologisches Motiv verwenden. Das ist hier eine analytische Beschreibung und kein Figurenname, den Susan Sziborra-Seidlitz selbst verwendet. „Topologisch“ meint an dieser Stelle die Beziehungen von Orten und Positionen zueinander: Mitte, Seiten, Dazwischen, Umfassung. Gemeint ist ausdrücklich nicht der klassische rhetorische Begriff des Topos und ebenso wenig die mathematische Topologie. Der Befund ist einfacher und zugleich rhetorisch ergiebig: Der Plenarsaal wird in der Rede zu einer politischen Karte.

Der reale Raum liefert das Material für die politische Deutung

Die Voraussetzung dafür ist sichtbar. Der Landtag veröffentlichte zur konstituierenden Sitzung die neue Sitzordnung des Plenarsaals. Genau auf diese räumliche Anordnung greift Sziborra-Seidlitz in ihrer Rede mehrfach zurück. Das ist wichtig, weil ihre Bilder dadurch nicht frei erfunden über der Rede schweben. Das Publikum sitzt mitten in dem Raum, den ihre Sprache gerade politisch deutet.

Der erste Zugriff erfolgt über die „Mitte“. Im offiziellen Transkript sagt Sziborra-Seidlitz sinngemäß nicht nur, dass sich die AfD in der Mitte des Plenarsaals befinde. Sie widerspricht zugleich der Übertragung dieser räumlichen Position auf eine politische Bedeutung: Wer in der Mitte sitze, stehe deshalb noch lange nicht in oder für die Mitte der Gesellschaft.

Später kehrt sie zu exakt demselben Raum zurück. Jetzt lautet die Aufforderung:

„Lassen Sie uns mit Blick auf die Sitzordnung diese Fraktion demokratisch in die Zange nehmen.“

Die Formulierung „mit Blick auf die Sitzordnung“ ist dabei fast eine Regieanweisung. Das Publikum soll den politischen Gedanken nicht nur abstrakt verstehen, sondern den sichtbaren Raum mitdenken.

Der neue Befund: Die Rede benutzt den Plenarsaal nicht lediglich als Ort ihres Vortrags. Sie macht seine räumliche Ordnung selbst zum argumentativen Material.

Erst wird die Bedeutung der Mitte bestritten, dann wird dieselbe Mitte neu gedeutet

Genau hier liegt die eigentliche Raffinesse dieser Doppelstruktur. Beim ersten Zugriff ist die räumliche Mitte etwas, dessen politische Bedeutung Sziborra-Seidlitz zurückweist. Der Sitzplatz soll gerade keinen Anspruch auf gesellschaftliche oder politische Zentralität begründen.

Beim zweiten Zugriff wird diese räumliche Mitte jedoch nicht bedeutungslos. Im Gegenteil: Nun erhält sie eine neue politische Bedeutung. Wer in der Mitte sitzt, kann – innerhalb der Metapher – von verschiedenen Seiten in eine „Zange“ genommen werden.

Die Argumentationsbewegung lautet also nicht einfach:

Mitte → Zange

Präziser ist:

räumliche Mitte
↓
politische Bedeutung dieser Mitte wird bestritten
↓
die räumliche Anordnung bleibt bestehen
↓
dieselbe Anordnung wird als „Zange“ neu interpretiert
↓
aus Raum entsteht eine politische Handlungsaufforderung

Das ist stärker als zwei unabhängig voneinander auftretende Stilmittel. Die zweite Metapher lebt davon, dass die erste räumliche Konstellation bereits im Kopf des Publikums verankert wurde.

Die Rede kartiert den Plenarsaal zweimal

Bei der ersten Kartierung fragt die Rede: Was bedeutet es, in der Mitte zu sitzen? Ihre Antwort lautet: räumliche Zentralität ist nicht mit politischer oder gesellschaftlicher Zentralität gleichzusetzen.

Bei der zweiten Kartierung lautet die Frage anders: Was lässt sich aus dieser räumlichen Anordnung politisch machen? Nun verwandelt sich die Mitte in die Position innerhalb einer gedachten Zange.

Damit wechselt die Funktion des Raumes. Zunächst dient er der Begriffsabgrenzung, anschließend der Strategiebildung. Das macht die Doppelstruktur analytisch besonders interessant:

Räumliches Motiv Erste Ebene Politischer Transfer
Mitte Position im Plenarsaal räumliche Zentralität soll keinen Anspruch auf politische oder gesellschaftliche Mitte begründen
Zange Mitte zwischen verschiedenen Seiten räumliche Konstellation wird zum Bild gemeinsamer politischer Gegenstrategie

Der Plenarsaal wird damit beinahe kartografisch lesbar. Sitze sind nicht länger nur Sitze. Mitte und Seiten werden zu politischen Beziehungen.

Die Bedeutung liegt nicht in den Orten, sondern in ihren Beziehungen

Gerade deshalb scheint mir „topologisches Motiv“ für diesen Befund passend. Die Rede interessiert sich nicht nur dafür, wo eine Fraktion sitzt. Entscheidend ist die Relation der Positionen zueinander.

Eine Mitte existiert nur, weil es Seiten gibt. Eine Zange kann nur gedacht werden, wenn sich etwas zwischen zwei Seiten befindet. Beide Bilder benötigen also dasselbe räumliche Grundschema. Die politische Aussage verändert sich, die räumliche Relation bleibt bestehen.

Dadurch entsteht Kohärenz über mehrere Minuten hinweg. Die „Zange“ wird nicht am Ende überraschend aus einem völlig neuen Bildbereich eingeführt. Ihr räumliches Grundgerüst war längst vorbereitet.

Die „Zange“ hat eine Vorgeschichte. Sie beginnt sprachlich bereits dort, wo die Rede zum ersten Mal über die „Mitte“ des Plenarsaals spricht.

Damit bekommt die Rede eine beinahe visuelle Argumentation

Das ist für gesprochene Rhetorik besonders wirksam, weil das Publikum keine Grafik benötigt. Der Raum selbst ist die Grafik. Die Abgeordneten sehen die Sitzordnung vor sich beziehungsweise sitzen mitten in ihr. Sziborra-Seidlitz muss diese Konstellation nur sprachlich aktivieren.

Ihre Formulierungen funktionieren dadurch ähnlich wie Beschriftungen auf einer Karte. Zuerst schreibt sie über eine Position gewissermaßen „Mitte?“ und bestreitet deren politische Bedeutung. Später zieht sie gedanklich Linien von beiden Seiten auf diese Mitte zu und nennt das entstehende Bild „Zange“.

Natürlich werden im realen Plenarsaal keine Linien gezogen. Genau darin besteht die metaphorische Leistung. Die Sprache legt eine zweite, politische Karte über den sichtbaren Raum.

Diese Karte ist nicht neutral. Sie ist die Deutung der Rednerin. Eine andere politische Rede könnte derselben Sitzordnung ein völlig anderes Bild entnehmen: Zentrum, Brücke, Block, Gegenüber oder Rand. Räumliche Anordnung determiniert politische Bedeutung nicht. Sziborra-Seidlitz macht aus ihr Bedeutung.

Raum wird zum Argument

Damit lässt sich die Funktion noch genauer bestimmen. Der Raum dient in dieser Rede auf mindestens drei Ebenen:

Ebene Funktion
sichtbarer Raum Die tatsächliche Sitzordnung stellt die räumliche Ausgangslage bereit.
semantischer Raum „Mitte“ erhält unterschiedliche räumliche, politische und gesellschaftliche Bedeutungen.
strategischer Raum Die „Zange“ überträgt die sichtbare Konstellation auf eine gewünschte Form zukünftigen politischen Handelns.

Aus einem architektonischen Raum entsteht dadurch ein argumentativer Raum. Genau das ist der Punkt, an dem unsere Analyse über die Feststellung einzelner Metaphern hinausgeht.

Warum dieser Befund für die Gesamtanalyse wichtig ist

Die bisherige Figurenanalyse könnte leicht den Eindruck erzeugen, die Rede bestehe aus einer Sammlung gelungener Einzelheiten: hier eine Antithese, dort eine Anapher, später eine Sentenz, dann „Beute“ und „Zange“. Die räumliche Doppelstruktur zeigt, warum dieses Verfahren zu kurz greifen würde.

Zumindest bei „Mitte“ und „Zange“ hängen die sprachlichen Mittel über größere Distanz zusammen. Ein frühes Motiv wird aufgenommen, umgedeutet und später handlungsorientiert weitergeführt. Die Elocutio besitzt also Gedächtnis. Ein Wort aus dem ersten Teil der Rede stellt Material bereit, das im späteren Teil erneut aktiviert werden kann.

Damit entsteht ein Bogen:

„Sie sitzen in der Mitte.“
↓
Diese Mitte ist nicht automatisch die politische Mitte.
↓
Die räumliche Mitte bleibt sichtbar.
↓
„Nehmen wir sie demokratisch in die Zange.“

Genau diese Wiederaufnahme verleiht dem zweiten Bild zusätzliche Kraft. Das Publikum muss den Raum nicht neu lernen. Die Rede hat ihn bereits erschlossen.

Und hier trifft der Raum wieder auf den Kairos

Der Befund ergänzt schließlich unser zentrales Thema vom Anfang der Analyse. Der Kairos beschreibt die besondere Zeitstelle dieser Rede: Präsident gewählt, Amtsübergabe noch nicht vollzogen, die erste ausführliche Gegeninterpretation nach dem Wahlergebnis noch möglich.

„Mitte“ und „Zange“ erschließen dagegen die Raumstelle. Sie geben der politischen Situation eine Geometrie.

Damit arbeitet die Rede auf zwei Koordinaten gleichzeitig:

Der Kairos beantwortet das Wann.
„Mitte“ und „Zange“ beantworten das Wo.
Der Appell beantwortet das Was nun?

Das ist möglicherweise einer der interessantesten Strukturzusammenhänge der gesamten Rede. Der Auftritt nutzt nicht nur den richtigen beziehungsweise besonderen Moment; er nutzt zugleich den konkreten Raum. Zeit und Ort werden argumentativ produktiv.

Die Stärke der Rede liegt damit weniger in einem einzelnen spektakulären Stilmittel als in der Verbindung mehrerer Ebenen. Die Sitzordnung liefert die sichtbare Topologie, „Mitte“ eröffnet deren semantische Deutung, „Zange“ verwandelt sie in ein Handlungsbild und der Kairos sorgt dafür, dass diese Umdeutung genau in dem Moment ausgesprochen wird, in dem die neue parlamentarische Ordnung erstmals öffentlich Gestalt annimmt.

Der zentrale Befund: „Mitte“ und „Zange“ sind stärker, wenn wir sie nicht als zwei isolierte Metaphern lesen. Zusammen bilden sie ein topologisches Motiv: Der reale Plenarsaal wird sprachlich zur politischen Karte. Erst wird die Bedeutung seiner Mitte bestritten, anschließend wird genau diese räumliche Mitte zur Voraussetzung einer politischen „Zange“. Aus Architektur wird Deutung – und aus Deutung wird Handlungsaufforderung.

Nach dieser sehr bewusst aufgebauten räumlichen Struktur sollten wir bei der nächsten Auffälligkeit besonders vorsichtig werden. Nicht alles, was sich im gesprochenen Vortrag wiederholt oder korrigiert, ist eine geplante Figur. Gerade bei mehrfach angesetzten Wörtern müssen wir deshalb unterscheiden: Correctio, rhetorische Wiederholung oder schlicht eine Disfluenz des freien Sprechens?

Correctio, Versprecher oder Figur? Wo wir vorsichtig sein müssen

Gerade bei einer so lebendig gehaltenen Rede lauert eine methodische Falle: Was auf dem Papier wie eine rhetorische Figur aussieht, kann beim tatsächlichen Sprechen etwas völlig anderes sein. Susan Sziborra-Seidlitz wiederholt an mehreren Stellen unmittelbar dasselbe Wort oder setzt einen Satz neu an. In unserer Arbeitsfassung der Videoaufnahme begegnen uns beispielsweise „demokratische, demokratische, demokratische …“, „Sachsen-Anhalt, Sachsen-Anhalt …“ und später „Mitte Mitte …“. Wer ausschließlich nach Figuren sucht, könnte daraus rasch Epizeuxis, Correctio oder eine andere Wiederholungsfigur machen.

Genau hier sollten wir bremsen. Eine wissenschaftlich redliche Redeanalyse muss zwischen sprachlicher Form auf dem Papier und gesprochener Realisierung im Moment unterscheiden. Deshalb reicht für diese Stellen das offizielle Transkript des Landtags allein nicht aus. Entscheidend ist zusätzlich die Videoaufnahme der tatsächlich gehaltenen Rede: Wie klingt die Wiederholung? Gibt es eine Pause? Wird ein Satz abgebrochen und neu begonnen? Entsteht ein erkennbarer Rhythmus? Oder hört sich die Stelle eher nach Suchbewegung, Versprecher oder Neuansatz an?

Unsere Regel lautet deshalb: Eine hörbare Wiederholung bekommt nicht automatisch einen lateinischen Namen. Erst wenn sprachliche Struktur, Vortragssituation und Funktion zusammenpassen, ist die Einordnung als rhetorische Figur belastbar.

Anapher, Epizeuxis und Correctio sind drei verschiedene Dinge

Für die folgenden Beispiele müssen wir zunächst die Begriffe sauber auseinanderhalten. Eine Anapher liegt vor, wenn ein Wort oder eine Wortgruppe am Beginn mehrerer aufeinanderfolgender syntaktischer Einheiten wiederkehrt. Genau deshalb konnten wir die Serie „Wir werden widersprechen“, „Wir werden eingreifen“, „Wir werden … verteidigen“ mit gutem Grund als anaphorische Wiederholung untersuchen: Dort gibt es eine erkennbare Serie, einen parallelen Satzbau und eine gemeinsame argumentative Funktion.

Eine Epizeuxis ist etwas anderes. Dabei wird dasselbe Wort unmittelbar hintereinander wiederholt, typischerweise zur Verstärkung: Wort – Wort – Wort. Rein äußerlich könnte also ein dreifaches „demokratische“ an eine Epizeuxis erinnern. Die bloße Oberflächenform genügt für unsere Analyse jedoch nicht. Beim gesprochenen Vortrag können unmittelbar wiederholte Wörter ebenso entstehen, weil eine Sprecherin den Satzansatz sucht oder neu startet.

Und auch eine Correctio ist nicht einfach irgendeine Wiederholung. Bei einer Correctio wird eine bereits gewählte Formulierung korrigiert, präzisiert oder durch eine als treffender präsentierte ersetzt. Typisch wäre eine Bewegung wie: X – genauer gesagt Y. Wenn dasselbe Wort lediglich zweimal gesprochen wird, liegt deshalb noch keine Correctio vor.

Erscheinung Was dafür sprechen würde Was dagegen sprechen kann
Anapher gleicher Beginn mehrerer klar getrennter Satz- oder Sinneinheiten bloßes Stocken innerhalb desselben Satzanfangs
Epizeuxis unmittelbare Wiederholung mit hörbarer emphatischer Funktion Suchbewegung, Neuansatz oder Versprecher
Correctio erste Formulierung wird sichtbar korrigiert oder präzisiert bloße identische Wiederholung ohne inhaltliche Korrektur
Sprechdisfluenz Abbruch, Wiederaufnahme, Suchbewegung oder erneuter Satzansatz im spontanen Sprechen klar organisierte Wiederholungsstruktur mit erkennbarer rhetorischer Funktion

„demokratische, demokratische, demokratische …“: Auf dem Papier spektakulärer als im Vortrag?

Besonders verführerisch ist die Stelle unmittelbar vor „Institutionen schützen sich nicht von selbst“. In der Videoaufnahme ist vor „Institutionen“ ein mehrfacher Ansatz bei „demokratische“ hörbar. Verschriftlicht sieht das eindrucksvoll aus:

„Demokratische, demokratische, demokratische … Institutionen schützen sich nicht von selbst.“

Nun wäre es leicht, die Dreifachwiederholung als Epizeuxis zu feiern und ihr eine emphatische Steigerung zuzuschreiben. Genau das würde ich hier nicht tun. Im Zusammenhang des gesprochenen Vortrags wirkt die Stelle eher wie ein erneuter Ansatz vor einem syntaktisch wichtigen Satz. Hinzu kommt, dass sie unmittelbar aus der spontanen Reaktion auf Oliver Kirchner kommt. Die Rednerin befindet sich also gerade nicht in einer völlig störungsfreien Manuskriptsituation.

Wir können den dreifachen Ansatz beschreiben. Wir können auch festhalten, dass er hörbar ist. Ich kann aber nicht bestätigen, dass diese dreifache Wiederholung als bewusst gesetzte Epizeuxis geplant oder rhetorisch intendiert war. Für die Analyse ist deshalb die zurückhaltendere Beschreibung überzeugender: eine hörbare Wiederaufnahme beziehungsweise Sprechdisfluenz vor dem folgenden Kernsatz.

Das schmälert übrigens nicht die Qualität des anschließenden Satzes. Im Gegenteil: Gerade die kleine Unregelmäßigkeit erinnert daran, dass wir eine tatsächlich gehaltene Rede hören und keinen im Tonstudio produzierten Text.

„Sachsen-Anhalt, Sachsen-Anhalt …“: Wiederholung oder Neustart?

Ähnlich vorsichtig sollten wir bei „Sachsen-Anhalt, Sachsen-Anhalt braucht Menschen …“ sein. Verschriftlicht könnte die Dopplung wie eine bewusste emphatische Wiederholung des Landesnamens aussehen. Im Redefluss ist jedoch ebenso plausibel, dass die Sprecherin mit „Sachsen-Anhalt“ beginnt, den Satz noch einmal neu aufsetzt und erst beim zweiten Ansatz die vollständige Konstruktion entwickelt.

Für diese Interpretation spricht die Syntax. Der zweite Einsatz führt in einen vollständigen Satz: „Sachsen-Anhalt braucht Menschen …“ Die erste Nennung kann daher als abgebrochener Beginn verstanden werden, der beim zweiten Mal aufgenommen und fortgeführt wird.

Auch hier gilt: Ohne einen eindeutigen prosodischen Befund sollten wir aus einer hörbaren Dopplung keine absichtsvoll gebaute Epizeuxis konstruieren. Die rhetorisch interessantere Passage folgt ohnehin danach: „die hierbleiben, die hierherkommen, die hier investieren und die sich hier engagieren“. Dort zeigt sich eine klare strukturelle Wiederholung, deren Funktion belastbarer analysierbar ist als der doppelte Landesname.

„Mitte Mitte“: Gerade die Situation spricht gegen vorschnelle Figurenetiketten

Noch deutlicher wird das Problem gegen Ende der Rede. Nach der „Zange“-Formulierung reagiert der Saal hörbar. Sziborra-Seidlitz antwortet darauf und kommt noch einmal auf die „Mitte“ zurück. In der Videoaufnahme entsteht dabei eine Dopplung von „Mitte“.

Hier wäre die Versuchung besonders groß, die Wiederholung mit der vorherigen semantischen Bedeutung des Wortes zu verbinden und daraus eine zusätzliche rhetorische Figur abzuleiten. Doch gerade die Vortragssituation mahnt zur Vorsicht. Die Rednerin reagiert auf Gelächter und Zwischenrufe, formuliert situativ weiter und setzt dabei ein Wort erneut an.

Die Dopplung kann deshalb sehr gut eine gewöhnliche Disfluenz des spontanen Sprechens sein. Dass „Mitte“ zugleich ein zentrales Wort der Rede ist, macht eine Wiederholung dieses Wortes noch nicht automatisch zur Figur.

Ein wichtiges Warnsignal für die Analyse: Je stärker eine Passage durch Zwischenrufe, Lachen, spontane Antworten oder einen neuen Satzansatz geprägt ist, desto sorgfältiger müssen wir prüfen, ob eine Wiederholung wirklich gestaltet oder lediglich im Vollzug des Sprechens entstanden ist.

Ein Transkript und eine Videoaufnahme beantworten unterschiedliche Fragen

Gerade hier zeigt sich, warum eine Redeanalyse verschiedene Quellen braucht. Das offizielle Transkript ist ausgezeichnet geeignet, um Argumentationsfolge, Wortwahl, Zwischenrufe und parlamentarischen Zusammenhang zu überprüfen. Für Mikrofragen des Vortrags – kleine Pausen, Neuansätze, Atembewegungen, Betonung und hörbare Selbstreparaturen – brauchen wir zusätzlich die Aufnahme.

Das bedeutet auch: Eine schriftliche Verschriftlichung darf nicht unbesehen so behandelt werden, als bilde sie jede phonetische Einzelheit der gesprochenen Rede ab. Umgekehrt darf eine zufällige Unregelmäßigkeit des Vortrags nicht automatisch als bedeutungstragende Textfigur behandelt werden.

Für unsere Analyse ergeben sich deshalb zwei Ebenen:

Textanalyse: Welche sprachlichen Strukturen sind stabil im Redezusammenhang vorhanden?
Vortragsanalyse: Was entsteht erst im konkreten Sprechen – durch Pause, Betonung, Neuansatz, Zwischenruf oder Selbstkorrektur?

Erst wenn wir diese Ebenen auseinanderhalten, vermeiden wir ein Problem, das bei rhetorischen Analysen erstaunlich häufig vorkommt: Das Transkript wird behandelt wie ein Gedicht, bei dem jedes wiederholte Wort mit voller Absicht an exakt dieser Stelle steht. Eine parlamentarische Rede ist jedoch gesprochene Kommunikation unter realen Bedingungen. Menschen atmen, suchen Wörter, reagieren auf Störungen, beginnen Sätze neu und korrigieren sich.

Perfektion wäre hier sogar der falsche Maßstab

Das ist kein Makel, den eine gute Analyse wegretuschieren müsste. Im Gegenteil. Bereits bei der Reaktion auf Oliver Kirchner haben wir gesehen, dass gerade die Offenheit für die Situation einen Teil der Lebendigkeit dieser Rede ausmacht. Wer spontan auf Zwischenrufe reagiert, bezahlt diese Präsenz gelegentlich mit einem Neuansatz oder einer kleinen sprachlichen Unebenheit.

Deshalb wäre es widersprüchlich, einerseits die Spontaneität des Vortrags hervorzuheben und andererseits jede dabei entstehende Dopplung nachträglich zu einer kunstvoll geplanten Stilfigur zu erklären. Lebendige Rede darf hörbar gesprochen sein.

Für die rhetorische Qualität ist entscheidender, ob die Rednerin trotz solcher Unebenheiten den Gedanken trägt, nach einer Unterbrechung zurückfindet und ihre Argumentation verständlich weiterführt. Genau das lässt sich an dieser Rede mehrfach beobachten.

Wissenschaftliche Redlichkeit heißt manchmal: keine Figur vergeben

Damit führt uns dieser kleine Exkurs zurück zum methodischen Grundsatz am Beginn der Elocutio-Analyse. Unser Ziel ist nicht, möglichst viele Figuren zu finden. Gerade bei „demokratische, demokratische, demokratische“, „Sachsen-Anhalt, Sachsen-Anhalt“ und „Mitte Mitte“ ist die zurückhaltende Entscheidung analytisch stärker.

Wir können die Wiederholungen dokumentieren. Wir können ihre Stellung in der Videoaufnahme beschreiben. Wo jedoch kein hinreichender Hinweis auf eine funktional organisierte Wiederholungsfigur vorliegt, sollten wir sie nicht nachträglich veredeln.

Der zentrale Befund: Nicht jede Wiederholung ist eine Anapher, nicht jede unmittelbare Dopplung eine Epizeuxis und nicht jeder Neuansatz eine Correctio. Bei einer tatsächlich gehaltenen Rede gehört die Sprechdisfluenz als mögliche Erklärung immer mit auf den Tisch. Wo sich Figur und Versprecher nicht sicher trennen lassen, ist die wissenschaftlich sauberste Antwort: Wir können die Wiederholung beobachten – ihre bewusste rhetorische Funktion aber nicht bestätigen.

Nach dieser methodischen Vorsicht können wir uns einer Ebene zuwenden, die sich in der Aufnahme deutlich zuverlässiger untersuchen lässt: Satzbau und Rhythmus. Denn dort geht es nicht um einzelne Stolperstellen, sondern um wiederkehrende Muster – um kurze Verdichtungen, längere argumentierende Perioden und den Wechsel zwischen beiden.

Satzbau und Rhythmus: Wie die Rede zwischen Erklärung, Entschlossenheit und Appell wechselt

Der Rhythmus dieser Rede entsteht nicht durchgehend aus kurzen, zugespitzten Sätzen. Ebenso wenig besteht sie aus langen, kunstvoll verschachtelten Perioden. Susan Sziborra-Seidlitz wechselt vielmehr zwischen beiden Möglichkeiten – und dieser Wechsel folgt auffällig oft der jeweiligen Aufgabe des Abschnitts. Wenn sie feststellt, grenzt oder verspricht, werden die Sätze tendenziell kürzer. Wenn sie erklärt, Bedingungen formuliert, gesellschaftliche Zusammenhänge entfaltet oder verschiedene Gruppen einbezieht, werden die Konstruktionen länger.

Für die Analyse sind die Begriffe Parataxe und Hypotaxe hilfreich, solange wir sie nicht mit „kurz“ und „lang“ verwechseln. Parataxe bezeichnet die Nebenordnung von Sätzen oder Satzgliedern, Hypotaxe die Unterordnung durch Nebensätze. Ein langer Satz kann durchaus parataktisch gebaut sein, eine kurze Konstruktion kann einen Nebensatz enthalten. Interessant wird deshalb nicht das Etikett allein, sondern die Frage: Wann vereinfacht die Rede ihren Satzbau – und wann braucht sie sprachlichen Raum?

Der Wortlaut lässt sich im offiziellen Transkript des Landtags Sachsen-Anhalt nachvollziehen. Für Pausen, Betonungen, Tempo und die bereits behandelten Neuansätze ist zusätzlich die Videoaufnahme der Rede entscheidend.

Der Anfang setzt sofort einen kurzen Punkt

Die Rede beginnt mit einem erstaunlich schlichten Satz:

„Ein neuer Landtag konstituiert sich.“

Subjekt, Prädikat, Ende. Kein Nebensatz, keine Erklärung, kein rhetorischer Schmuck. Diese Kürze gibt dem Beginn Festigkeit. Erst danach öffnet sich der Satzbau:

„Normalerweise ist das unabhängig von der zukünftigen politischen Rolle ein bedeutender Moment des gemeinsamen Zusammentretens dieses demokratischen Organs und ein Moment des Aufbruchs. Wir beginnen gemeinsam eine neue Wahlperiode und übernehmen Verantwortung, unabhängig davon, ob es in der Opposition oder in der Regierung geschehen wird.“

Nun wird erklärt. Einschübe und Ergänzungen erweitern den Gedanken, der zweite Satz enthält mit „ob es in der Opposition oder in der Regierung geschehen wird“ eine untergeordnete Konstruktion. Der Rhythmus wird breiter, weil die Rednerin zunächst einen gemeinsamen parlamentarischen Normalfall entwickeln will.

Dann zieht sie die sprachliche Bremse:

„Heute ist das aber mehr als eine normale Parlamentskonstituierung.“

Nach der längeren Erläuterung wirkt dieser Satz wie ein Einschnitt. Der Rhythmus erledigt damit einen Teil dessen, was zuvor semantisch über „normalerweise“ und „heute“ untersucht wurde: Der Normalfall wird ausführlicher entfaltet, der Bruch kompakter festgestellt.

Schon am Anfang zeigt sich das Grundmuster: Erklärung braucht sprachlichen Raum. Feststellung darf kurz werden. Gerade der Wechsel zwischen beidem erzeugt Spannung.

Beim Präsidentenamt bekommt die Parataxe institutionelle Festigkeit

Besonders deutlich arbeitet die Rede anschließend mit kurzen Hauptsätzen:

„Der Präsident leitet die Sitzungen. Er wacht über die Rechte der Abgeordneten, unabhängig davon, wer künftig regiert oder in der Opposition sitzt. Er vertritt unser Parlament nach außen. Er spricht zu besonderen Anlässen und auch zu den dunkelsten Jahrestagen unserer Geschichte …“

Hier dominiert ein parataktischer Grundrhythmus: Der Präsident … Er … Er … Er … Die Sätze stehen nebeneinander und addieren Aufgaben. Selbst dort, wo ein Nebensatz hinzukommt, bleibt die Hauptstruktur stabil.

Das passt zur Funktion dieses Abschnitts. Sziborra-Seidlitz entwickelt hier keine komplizierte Ursachenkette, sondern legt einen Amtsmaßstab auf den Tisch. Jeder neue Satz ergänzt eine weitere Aufgabe. Die Syntax wirkt dadurch fast katalogartig.

Gerade diese Einfachheit verleiht der Passage einen feststellenden Ton. Die einzelnen Aussagen können nacheinander aufgenommen werden. Der Präsident leitet. Er wacht. Er vertritt. Er spricht. Die Verben stehen früh und tragen den Rhythmus.

Erst anschließend werden aus den Amtsaufgaben normative Anforderungen. Dann wächst der Satz wieder etwas:

„Dieses Amt verlangt, sich als Vertreter des Landes und seines Landtages zu verstehen, nicht als Vertreter einer Partei. Es verlangt die Bereitschaft, die Würde und die Rechte aller zu schützen, gerade auch derjenigen, deren Überzeugung man nicht teilt.“

Mit der Norm kommt die Unterordnung. Relationen müssen nun sprachlich genauer bestimmt werden: wessen Vertreter, wessen Rechte, gerade auch welcher Menschen. Der Satzbau trägt die Differenzierung.

Kurze Sätze markieren argumentative Haltepunkte

Mehrfach setzt Sziborra-Seidlitz kurze Konstruktionen genau dort ein, wo ein Gedanke nicht weiter erläutert, sondern gesetzt werden soll. Dazu gehören etwa:

„Ein neuer Landtag konstituiert sich.“
„Das Wahlergebnis gilt und wir respektieren es.“
„Wir müssen die Gegenwart ernst nehmen.“
„Demokratische Institutionen schützen sich nicht von selbst.“

Diese Sätze erfüllen unterschiedliche argumentative Aufgaben, doch rhythmisch haben sie etwas gemeinsam: Sie schaffen Haltepunkte. Nach längeren Erklärungen oder vor neuen Gedanken wird die Syntax kompakter.

Besonders bei „Demokratische Institutionen schützen sich nicht von selbst“ haben wir die inhaltliche Verdichtung bereits ausführlich untersucht. Für den Rhythmus genügt hier ein anderer Befund: Der Satz fällt gerade deshalb auf, weil er nach einer bewegten, spontanen Passage kurz und vollständig geschlossen dasteht. Die syntaktische Kürze macht den Gedanken hörbar abgeschlossen.

Wo die Rede definieren will, werden die Sätze länger

Anders funktioniert die Passage über die demokratische Mitte. Dort genügt es der Rednerin nicht, einen Begriff lediglich zu behaupten. Sie muss erläutern, was sie darunter versteht. Entsprechend weitet sich die Syntax. Mehrere Bestimmungen werden mit wiederkehrendem „durch“ aneinandergefügt: Haltung und Handeln, Respekt vor der Würde, die Bereitschaft zum Widerspruch und der Umgang mit demokratischen Institutionen.

Der Rhythmus wird dadurch kumulativ. Ein Kriterium folgt auf das nächste. Die Konstruktion erhält ihre Bewegung weniger durch vollständige neue Hauptsätze als durch eine Reihe syntaktisch ähnlicher Ergänzungen.

Hier zeigt sich zugleich, weshalb langer Satz und Hypotaxe nicht dasselbe sind. Manche längeren Passagen dieser Rede wachsen nicht durch zahlreiche ineinander geschachtelte Nebensätze, sondern durch Aufzählungen, Präpositionalgruppen und Parallelstrukturen. Die Rede bleibt dadurch trotz zunehmender Satzlänge meist gut hörbar.

Aufgabe der Passage Typischer Satzrhythmus Wirkung im Argument
feststellen kurz, abgeschlossen setzt einen Haltepunkt
Amt beschreiben parataktische Reihung addiert Zuständigkeiten und Maßstäbe
Begriff definieren länger, kumulativ entfaltet mehrere Kriterien
Handeln versprechen parallelisiert und wiederholend beschleunigt und bündelt
Menschen konkretisieren längere Relativ- und Ergänzungssätze gibt einzelnen Beispielen sprachlichen Raum
zum Handeln auffordern Imperative und kompakte Appellsätze richtet die Rede unmittelbar auf das Publikum

Mit „Wir werden …“ beschleunigt die Rede

Die Serie der „Wir werden“-Sätze haben wir bereits als anaphorische Wiederholung und öffentliche Selbstbindung analysiert. Für den Satzrhythmus ist ein anderer Aspekt entscheidend: Die Rede bekommt plötzlich Takt.

„Wir werden widersprechen …“, „Wir werden eingreifen …“, „Wir werden … verteidigen …“, „wir werden … messen …“ – das wiederkehrende Satzgerüst erleichtert den Wechsel von einem Handlungsfeld zum nächsten. Die Konstruktionen besitzen zwar zum Teil längere Bedingungssätze mit „wenn“, doch der immer gleiche Auftakt hält sie zusammen.

Dadurch verändert sich das Hören. Während die vorherigen Passagen erklären und differenzieren, entsteht nun Erwartung: Nach „Wir werden“ muss eine Handlung folgen. Der syntaktische Rahmen ist bekannt, nur das Verb und sein Gegenstand wechseln.

Rhythmisch ist das der Moment, in dem die Rede vom Erklären ins Versprechen kippt. Nicht die Sätze allein werden kürzer; vielmehr wird ihre Struktur vorhersehbarer und dadurch schneller erfassbar.

Bei den konkreten Menschen wird der Satzbau wieder weiter

Nach dieser stark getakteten Passage verändert sich der Rhythmus erneut. Nun heißt es, die Frage des politischen Klimas betreffe den Alltag der Menschen, und die Rednerin nennt Pflegekraft, Unternehmerin, Jugendliche und Ehrenamtliche.

Gerade bei der Pflegekraft wird die Hypotaxe deutlich:

„Sie betrifft die Pflegekraft, die aus dem Ausland zu uns gekommen ist und wissen muss, dass sie hier sicher leben kann.“

Hier liegen mehrere Ebenen ineinander: Hauptsatz, Relativsatz, koordinierte Verben und darin wiederum ein „dass“-Satz. Das ist syntaktisch deutlich komplexer als „Wir werden widersprechen“.

Die längere Konstruktion hat jedoch eine nachvollziehbare Funktion. Die Pflegekraft soll nicht bloß genannt werden; sie bekommt eine kleine Situation. Woher kommt sie? Was muss sie wissen können? Der Satz benötigt deshalb mehr sprachlichen Raum.

Dasselbe Prinzip setzt sich bei den folgenden Beispielen fort. Der Rhythmus wird langsamer und beschreibender. Die vorherige Aktionsserie wird für einen Moment durch gesellschaftliche Konkretisierung ersetzt.

Rhythmus folgt Funktion: Wo die Rede handeln will, komprimiert und parallelisiert sie. Wo sie Menschen sichtbar machen will, erlaubt sie sich längere syntaktische Bögen.

Die politische Agenda wächst durch Reihung, nicht durch Verschachtelung

Eine weitere interessante Stelle folgt unmittelbar danach. Sziborra-Seidlitz kündigt konkrete Vorschläge an:

„Deshalb werden wir auch in dieser Wahlperiode konkrete Vorschläge unterbreiten für die Menschen in unserem wunderbaren Land, für unsere schöne Natur, für eine verlässliche Gesundheitsversorgung, für gute Schulen, für starke Kommunen und für eine Wirtschaft, die hier die Zukunft sichert.“

Das ist ein langer Satz, aber keine extreme Hypotaxe. Seine Länge entsteht vor allem durch die wiederholten „für“-Gruppen. Der Satz wächst horizontal: ein Politikbereich wird an den nächsten gehängt. Erst ganz am Ende erscheint mit „die hier die Zukunft sichert“ ein Relativsatz.

Diese Unterscheidung ist für eine genaue Stilanalyse wichtig. Sziborra-Seidlitz arbeitet keineswegs bevorzugt mit komplizierten Schachtelsätzen. Häufiger erweitert sie einen stabilen Satzkern durch Reihen. Dadurch kann die Rede viele Inhalte aufnehmen, ohne syntaktisch unübersichtlich zu werden.

Vor dem Appell wird die Syntax noch einmal argumentativ

Auch die Passage über Zusammenarbeit zeigt, dass Satzbau und Argumentationsfunktion eng verbunden sind:

„Unterschiedliche Überzeugungen bleiben dabei natürlich bestehen, aber Verantwortung für das Land verlangt, dass wir trotzdem miteinander arbeiten können und müssen.“

Hier verbindet der Satz mehrere Ebenen: eine Feststellung, ein adversatives „aber“ und anschließend einen „dass“-Satz. Die Syntax bildet damit die Argumentation nahezu sichtbar ab: Unterschied bleibt bestehen – trotzdem folgt daraus nach Auffassung der Rednerin eine Verpflichtung zur Zusammenarbeit.

Das ist eine jener Stellen, an denen Hypotaxe nicht der sprachlichen Verzierung dient, sondern logische Beziehungen ordnet. Der Satz muss mehr leisten als ein kurzer Appell: Er soll erst eine Spannung anerkennen und anschließend eine Schlussfolgerung formulieren.

Zum Schluss wird aus Erklärung direkte Bewegung

Dann verändert sich die Syntax wieder. Die Rednerin wendet sich unmittelbar an andere Fraktionen:

„Prüfen Sie vielmehr jedes einzelne Mal, welche Macht Sie übertragen und welche Folgen das für unser Land hat. Lassen Sie uns mit Blick auf die Sitzordnung diese Fraktion demokratisch in die Zange nehmen.“

Die Imperative stehen früh: „Prüfen Sie“, „Lassen Sie uns“. Damit verändert sich der Sprachmodus hörbar. Der lange argumentative Mittelteil läuft nun auf Handlung zu.

Der erste Satz besitzt noch zwei eingebettete Frageinhalte – welche Macht, welche Folgen. Der zweite ist direkter. Gerade die „Zange“-Metapher bekommt dadurch einen klaren syntaktischen Rahmen: Aufforderung, gemeinsames Subjekt, Bild.

Nach den Reaktionen im Saal öffnet sich die Syntax noch einmal. Sziborra-Seidlitz spricht vom Zuhören, vom Sichtbarmachen von Missständen und vom gemeinsamen Suchen nach machbaren Lösungen. Danach folgen zwei Sätze, die den Schluss wieder deutlich verdichten:

„Wir alle hier in diesem Haus entscheiden darüber, was Sachsen-Anhalt ist und was Sachsen-Anhalt werden kann. Lassen Sie uns das mit Verantwortung, mit demokratischer Verantwortung tun.“

Der Schluss macht den Bogen wieder enger

Der vorletzte Satz ist noch syntaktisch erweitert. Nach dem Hauptsatz folgen zwei parallele indirekte Fragen: was Sachsen-Anhalt ist und was Sachsen-Anhalt werden kann. Gegenwart und Zukunft erhalten dieselbe grammatische Form.

Dann wird der Schluss kürzer. „Lassen Sie uns das … tun.“ Der Satz enthält zwar die Wiederaufnahme der „Verantwortung“, aber keine neue argumentative Verästelung mehr. Die Rede endet nicht mit einer weiteren Erklärung, sondern mit einer gemeinsamen Aufforderung.

Das ergibt über die knapp sieben Minuten hinweg eine erkennbare rhythmische Bewegung:

kurze Feststellung
↓
breitere Erklärung
↓
parataktischer Amtskatalog
↓
längere normative Entfaltung
↓
getaktete „Wir werden“-Serie
↓
längere gesellschaftliche Konkretisierung
↓
breiter politischer Vorschlagskatalog
↓
direkter Appell
↓
kurzer gemeinsamer Schluss

Die Rede atmet zwischen Verdichtung und Entfaltung

Vielleicht beschreibt dieses Bild den Satzbau treffender als die bloße Gegenüberstellung von Parataxe und Hypotaxe: Die Rede atmet. Sie zieht Gedanken zusammen und lässt sie anschließend wieder weiter werden. Auf knappe Feststellungen folgen Erklärungen, auf längere normative Passagen folgen rhythmisch klare Versprechen, auf konkrete gesellschaftliche Beispiele schließlich ein direkter Appell.

Gerade deshalb wirkt der Vortrag nicht wie eine Folge gleich langer Sätze. Eine Rede, die permanent kurz schlägt, würde schnell monoton. Eine Rede, die ausschließlich lange Perioden baut, könnte unter den Bedingungen eines unruhigen Plenarsaals schwerer zu verfolgen sein. Sziborra-Seidlitz wechselt zwischen beiden Polen.

Dieser Wechsel ist nicht an jeder Stelle vollkommen glatt; die bereits untersuchten Neuansätze und Sprechdisfluenzen gehören zur tatsächlichen Vortragssituation. Im größeren Maßstab bleibt die rhythmische Architektur jedoch deutlich erkennbar.

Der zentrale Befund: Der Satzbau folgt der rhetorischen Aufgabe. Feststellungen werden knapp, institutionelle Aufgaben parataktisch gereiht, Definitionen und gesellschaftliche Beispiele entfaltet, Versprechen rhythmisiert und der Schluss wieder zum Appell verdichtet. Parataxe und Hypotaxe sind deshalb hier keine Stilmittel zum Abhaken. Ihr Wechsel steuert, wie schnell die Rede erklärt, zuspitzt und schließlich zum Handeln auffordert.

Damit ist die Elocutio nicht mehr nur als Sammlung einzelner Figuren sichtbar. Wortwahl, Metaphern, Wiederholungen, Satzbau und Rhythmus arbeiten zusammen. Der nächste Schritt muss deshalb über die Rede selbst hinausgehen: Was geschieht mit solchen Formulierungen, wenn sie den Plenarsaal verlassen und zum öffentlichen Ereignis werden?

Die Rede als öffentliches Ereignis

Warum bleibt die „Zange“ hängen?

Eine Rede endet nicht mit dem letzten Satz am Rednerpult. Sobald Medien berichten, beginnt eine zweite Auswahl: Welche Formulierung wird zitiert? Was schafft es in einen Liveticker, was in eine Überschrift, was in die Zusammenfassung eines siebenminütigen Auftritts? Bei Susan Sziborra-Seidlitz fällt auf, dass ausgerechnet die „Zange“ diese Schwelle problemlos überschritten hat. Der MDR, die taz und der Tagesspiegel greifen die Formulierung in ihrer Berichterstattung auf. Die Thüringische Landeszeitung macht daraus sogar die Überschrift eines Kommentars: „Demokratisch in die Zange nehmen“.

Das ist zunächst nur ein nachweisbarer Befund über journalistische Auswahl. Daraus können wir nicht ableiten, dass sich gerade dieser Satz bei einem breiten Publikum dauerhaft eingeprägt hat. Dafür bräuchten wir Rezeptionsdaten. Wenn wir hier fragen, warum die „Zange“ hängen bleibt, meinen wir deshalb präziser: Warum eignet sich diese Formulierung so gut dafür, aus der vollständigen Rede herausgelöst, zitiert und medial weitergetragen zu werden?

Sie erzeugt in einem Wort ein Bild

Der erste Grund liegt auf der Hand: „Zange“ ist konkret. Wer das Wort hört, braucht keine Definition, um eine räumliche Vorstellung zu entwickeln. Zwei Seiten, etwas dazwischen, Druck von außen. Genau diese Bildhaftigkeit unterscheidet die Formulierung von vielen politisch korrekten, aber medial schwereren Sätzen derselben Rede.

Vergleichen Sie etwa „Prüfen Sie jedes einzelne Mal, welche Macht Sie übertragen und welche Folgen das für unser Land hat“ mit „demokratisch in die Zange nehmen“. Der erste Satz enthält die differenziertere politische Handlungsempfehlung. Der zweite liefert das stärkere Bild. Für eine journalistische Zusammenfassung ist das ein erheblicher Unterschied.

Ein abstrakter Gedanke muss erklärt werden. Ein starkes Bild kann innerhalb weniger Wörter dieselbe Debatte aufrufen. Genau das macht Metaphern für öffentliche Kommunikation so transportfähig.

Mediale Anschlussfähigkeit entsteht hier durch Verdichtung: Die längere politische Argumentation über Sitzordnung, Machtübertragung und Zusammenarbeit wird in einem einzigen sichtbaren Bild komprimiert.

Die taz bewahrt sogar die räumliche Szene

Besonders anschaulich lässt sich die journalistische Weiterverarbeitung bei der taz beobachten. Der Bericht beschränkt sich nicht darauf, das Schlagwort zu nennen. Er beschreibt, dass Sziborra-Seidlitz zum Schluss ihrer Rede noch einmal in Richtung der fünf Reihen der AfD-Fraktion blickt und dann den Satz formuliert:

„Lassen Sie uns, mit Blick auf die Sitzordnung, diese Fraktion demokratisch in die Zange nehmen.“

Damit bleibt in der Berichterstattung genau jener Zusammenhang erhalten, den wir rhetorisch bereits herausgearbeitet haben: Das Bild stammt aus dem sichtbaren Raum. Die Metapher funktioniert nicht irgendwo, sondern vor einer konkreten Sitzordnung.

Die taz berichtet anschließend auch über das Lachen aus der AfD-Fraktion und den Beifall bei den Grünen. Damit wird die „Zange“ nicht nur als Satz wiedergegeben, sondern als kleines Redeereignis: Blick, Formulierung, unmittelbare Reaktion.

Der MDR reduziert stärker – und zeigt dadurch die Zitierfähigkeit

Anders arbeitet der MDR in seinem Liveticker. Dort muss die Rede stark komprimiert werden. Der MDR fasst mehrere Punkte zusammen: Sziborra-Seidlitz habe das Wahlergebnis kommentiert, die „Mitte“ thematisiert, den Schutz von Minderheiten angekündigt und die von ihr so bezeichneten demokratischen Fraktionen aufgefordert, sich zur Wehr zu setzen und die AfD in der Mitte des Saales „in die Zange“ zu nehmen.

Gerade diese Verkürzung ist für unsere Frage aufschlussreich. Von einer Rede mit zahlreichen Argumenten, Beispielen und Formulierungen überlebt in der knappen Nachrichtenzusammenfassung die „Zange“. Das spricht nicht für eine nachgewiesene Publikumswirkung, wohl aber für eine hohe journalistische Selektionsfähigkeit: Das Bild trägt auch dann noch Bedeutung, wenn ein großer Teil des ursprünglichen Kontextes entfällt.

Der Tagesspiegel verbindet Metapher und Zeitpunkt

Auch der Tagesspiegel greift die Formulierung auf. Interessant ist dort die Einbettung: Der Bericht hält ausdrücklich fest, dass Sziborra-Seidlitz vor der Amtsübergabe spricht und dabei appelliert, die AfD mit Blick auf die Sitzordnung „demokratisch in die Zange“ zu nehmen.

Damit bleiben zwei für unsere Analyse entscheidende Dimensionen erhalten: Raum und Zeitpunkt. Der Satz wird nicht nur deshalb berichtenswert, weil er bildhaft klingt. Er fällt in einer besonderen institutionellen Übergangssituation und bezieht sich zugleich auf die sichtbare Ordnung des neuen Parlaments.

Was unsere Rhetorikanalyse ausführlich als Zusammenspiel von Kairos und topologischem Motiv beschreibt, kann ein Zeitungsbericht natürlich nicht in dieser Form entfalten. Er dokumentiert aber genau jene Elemente, auf denen diese Analyse beruht.

Bei der TLZ wird aus dem Zitat bereits eine Überschrift

Der vielleicht deutlichste Hinweis auf die mediale Eigenständigkeit der Formulierung findet sich bei der Thüringischen Landeszeitung. Dort lautet die Überschrift eines Kommentars:

„Demokratisch in die Zange nehmen“

Damit löst sich die Formulierung endgültig von ihrer ursprünglichen Funktion als einzelner Satz innerhalb einer längeren Rede. Sie wird selbst zum Titel und Deutungsangebot. Genau dieser Schritt ist für öffentliche Rhetorik bedeutsam: Eine Formulierung wird nicht mehr nur zitiert, sondern kann stellvertretend für einen größeren Konflikt stehen.

Auch hier müssen wir sauber bleiben. Dass eine Redaktion einen Satz zur Überschrift macht, beweist keine allgemeine Wirkung und schon gar keine Zustimmung. Es zeigt aber sehr deutlich, dass die Formulierung ausreichend prägnant und bedeutungsoffen ist, um einen ganzen Kommentar zu rahmen.

Die „Zange“ erfüllt fast alle Bedingungen eines guten Medienzitates

Vergleichen wir die journalistischen Übernahmen, lassen sich mehrere Eigenschaften erkennen, die das Zitat besonders transportfähig machen:

Eigenschaft Warum sie für Medien wichtig ist
Kürze Die entscheidende Formulierung lässt sich ohne langen Vorlauf zitieren.
Bildhaftigkeit „Zange“ erzeugt sofort eine räumliche Vorstellung.
Konflikt Das Bild enthält Gegenspieler, Druck und eine politische Handlungsrichtung.
Situationsbezug Die Metapher lässt sich unmittelbar mit der neuen Sitzordnung verbinden.
Handlungsorientierung „Lassen Sie uns …“ macht aus einer Beschreibung einen politischen Appell.
Spannung im Ausdruck Das konfliktstarke „Zange“ steht neben dem begrenzenden „demokratisch“.

Vor allem die Kombination aus Kürze und Konfliktfähigkeit ist journalistisch wirksam. Ein Satz kann kurz sein und trotzdem belanglos bleiben. Ein Konflikt kann stark sein und trotzdem zu kompliziert, um in einer Überschrift oder einem Liveticker zu funktionieren. Die „Zange“ verbindet beides: Das Bild ist sofort verständlich und trägt zugleich eine politische Kontroverse in sich.

Das kleine Wort „demokratisch“ reist mit

Bemerkenswert ist dabei, dass mehrere Berichte nicht nur „in die Zange nehmen“ herauslösen, sondern den entscheidenden Zusatz „demokratisch“ mittransportieren. Das ist rhetorisch wichtig, weil gerade dieses Wort die Konfliktmetapher normativ begrenzen soll.

Für die mediale Weitergabe entsteht dadurch eine besonders spannungsreiche Wortgruppe: „demokratisch in die Zange nehmen“. „Demokratisch“ ruft Verfahren, Pluralismus und institutionelle Regeln auf; „Zange“ Druck, Festhalten und Konflikt. Die beiden semantischen Felder passen nicht selbstverständlich zusammen. Gerade diese Reibung erhöht die Auffälligkeit.

Eine Formulierung, bei der alle Wörter erwartbar nebeneinanderstehen, erzeugt wenig Überraschung. Hier dagegen muss das Publikum zwei Vorstellungen zusammenbringen, die zunächst gegensätzlich wirken: demokratische Begrenzung und energischer politischer Druck.

Das Zitat besitzt deshalb eine innere Spannung: Die „Zange“ macht den Konflikt sichtbar, „demokratisch“ setzt ihm zugleich eine Grenze. Genau diese Kombination erhöht seine Zitierfähigkeit.

Ein gutes Medienzitat muss seinen Kontext teilweise überleben können

Hier zeigt sich ein grundsätzliches Problem öffentlicher Rede. Ein guter Redetext entwickelt Gedanken in Zusammenhängen. Medien müssen dagegen auswählen, kürzen und verdichten. Besonders erfolgreich transportierbar sind deshalb Sätze, die auch außerhalb ihres vollständigen argumentativen Umfeldes noch verständlich bleiben.

Die „Zange“ erfüllt diese Bedingung. Das vollständige Argument lautet ungefähr: Prüfen Sie bei zukünftigen Entscheidungen, welche institutionelle Macht Sie übertragen; arbeiten Sie über Fraktionsgrenzen hinweg; nutzen Sie die räumliche Konstellation als Bild für politischen Gegendruck. In der medialen Kurzform reicht dagegen:

„demokratisch in die Zange nehmen“

Sehr viel geht dabei verloren. Der Gedankengang über Verantwortung, Machtübertragung und zukünftige Einzelentscheidungen verschwindet weitgehend. Gleichzeitig bleibt ausreichend Bedeutung übrig, damit das Zitat allein funktioniert.

Genau darin liegt die Stärke und zugleich das Risiko eines medial erfolgreichen Satzes. Je besser eine Formulierung aus ihrem Kontext herauslösbar ist, desto leichter kann dieser Kontext auch verloren gehen.

Die Medien machen die „Zange“ nicht stark – sie zeigen, dass sie transportfähig ist

Das ist eine wichtige Korrektur. Wir sollten nicht argumentieren, die Metapher sei stark, weil Medien sie aufgegriffen haben. Das wäre ein Zirkelschluss. Ihre sprachlichen Eigenschaften – Bildhaftigkeit, Kürze, situative Passung, Konflikt und Handlungsorientierung – lassen sich bereits im Text erklären.

Die Berichterstattung liefert etwas anderes: einen beobachtbaren Hinweis darauf, dass verschiedene Redaktionen die Formulierung für ihre jeweilige Darstellung als verwendbar erachteten. Besonders interessant ist dabei die Verschiedenheit der Formate: Nachrichten-Liveticker beim MDR, Reportage beziehungsweise Bericht bei taz und Tagesspiegel, Kommentarüberschrift bei der TLZ.

Dass dieselbe Formulierung in unterschiedlichen journalistischen Formen auftaucht, zeigt ihre Flexibilität. Sie kann Ereignisdetail, Redezitat, Konfliktbeschreibung und Überschrift sein.

Der zentrale Befund: Die „Zange“ bleibt nicht deshalb „hängen“, weil wir ihre Wirkung beim gesamten Publikum messen könnten. Das können wir nicht bestätigen. Nachweisbar ist aber ihre außergewöhnliche mediale Transportfähigkeit: Sie ist kurz, bildhaft, konfliktfähig, an die sichtbare Situation gebunden und zugleich weit genug verdichtet, um aus der Rede herausgelöst zu werden. MDR, taz und Tagesspiegel greifen sie auf; bei der TLZ wird sie sogar zur Überschrift.

Damit stellt sich allerdings die nächste Frage. Die Medien zitieren nicht nur was Sziborra-Seidlitz sagt, sondern dokumentieren auch auffällig genau, wann sie spricht: unmittelbar nach der Wahl und noch vor der Amtsübergabe beziehungsweise der ersten Rede des neuen Präsidenten. Im nächsten Schritt müssen wir deshalb prüfen, wie stark der besondere Zeitpunkt auch in der Berichterstattung sichtbar wird – und wo unsere Kairos-Analyse über die reine Ereignisbeschreibung der Medien hinausgeht.

Was berichten die Medien über den Zeitpunkt – und was bleibt in den Hauptnachrichten übrig?

Ein erneuter Blick auf die Berichterstattung verändert den Befund. Der ungewöhnliche Zeitpunkt der Rede von Susan Sziborra-Seidlitz ist durchaus dokumentiert – allerdings vor allem dort, wo Medien den Ablauf der konstituierenden Sitzung ausführlicher verfolgen: in Livetickern, regionaler Berichterstattung und längeren Onlineartikeln. In den großen bundesweiten Hauptnachrichten tritt die Rede dagegen deutlich hinter das eigentliche Nachrichtenereignis zurück.

Das ist eine wichtige Unterscheidung. Denn wenn wir untersuchen wollen, wie diese Rede öffentlich wahrgenommen wurde, dürfen wir nicht aus einigen ausführlichen Berichten auf die gesamte Nachrichtenlage schließen.

In der Tagesschau ist die Präsidentenwahl die Nachricht – nicht die Rede danach

Die 20-Uhr-Tagesschau vom 6. Oktober 2026 führt die Wahl Tobias Rauschs zum Landtagspräsidenten ausdrücklich als eines ihrer Hauptthemen. Auch die Frage nach dem Abstimmungsverhalten innerhalb der CDU erhält breiten Raum. Susan Sziborra-Seidlitz und ihre Rede erscheinen dagegen nicht in der veröffentlichten Themenübersicht der Sendung.

Dasselbe Muster zeigt sich in der ausführlichen Onlineberichterstattung der Tagesschau über die politischen Reaktionen auf die Wahl. Im Mittelpunkt stehen das Wahlergebnis, die zusätzlichen Stimmen für Rausch, mögliche Abweichler sowie die bundespolitischen Reaktionen. Die Rede der Grünen-Fraktionsvorsitzenden wird dort nicht erwähnt.

Auch der erste große Tagesschau-Bericht über Rauschs Wahl konzentriert sich auf das Ergebnis, die Mehrheitsverhältnisse und die historische Bedeutung der Wahl. Für den wenige Minuten später folgenden Auftritt Sziborra-Seidlitz' bleibt in dieser Nachrichtenauswahl kein eigener Raum.

Das ist für unsere Untersuchung aufschlussreich. Eine Rede kann rhetorisch bemerkenswert sein und trotzdem im Nachrichtenstrom hinter einem Ereignis verschwinden, das aus redaktioneller Sicht einen höheren unmittelbaren Nachrichtenwert besitzt.

Für die bundesweite Hauptnachricht lautet das Ereignis: Tobias Rausch ist zum Landtagspräsidenten gewählt worden und hat mehr Stimmen erhalten, als AfD und BSW gemeinsam Mandate besitzen. Die unmittelbar anschließende Rede Sziborra-Seidlitz' ist in dieser Verdichtung kein eigenes Hauptthema.

Beim ZDF zeigt sich ein ähnliches Bild

Auch das ZDF fasst die konstituierende Sitzung unter der Überschrift „So lief die erste Sitzung des neuen Landtags“ zusammen. Im Mittelpunkt stehen Rauschs Wahl, die Besetzung des Präsidiums und die damit verbundenen politischen Fragen. In dieser veröffentlichten Zusammenfassung findet sich kein Hinweis auf Susan Sziborra-Seidlitz.

Das abendliche ZDFheute Live zur Wahl des neuen Landtagspräsidenten setzt ebenfalls andere Schwerpunkte: die zusätzlichen Stimmen für Rausch, die Folgen für den Umgang mit der AfD und die Bedeutung des Ergebnisses für Sachsen-Anhalt. Auch dort wird die Rede Sziborra-Seidlitz' in der veröffentlichten Beschreibung nicht zum zentralen Gegenstand.

Damit wird das Muster klarer: Je stärker ein Format auf die bundesweit wichtigste Nachricht des Tages verdichtet, desto eher verschwindet die Rede hinter der Präsidentenwahl selbst.

Der Deutschlandfunk erwähnt sie – aber nur in starker Verdichtung

Ganz unsichtbar ist der Auftritt in der bundesweiten Berichterstattung allerdings nicht. Der Deutschlandfunk erwähnt Sziborra-Seidlitz in seiner Nachricht zur Wahl. Dort wird knapp wiedergegeben, ihre Fraktion werde sich nicht einschüchtern lassen und Freiheit sowie Menschenwürde in Sachsen-Anhalt verteidigen.

Interessanterweise bleibt gerade das, was uns rhetorisch besonders beschäftigt – der ungewöhnliche Zeitpunkt zwischen Wahl und Amtsübergabe, die „Mitte“, die „Zange“ und die argumentative Architektur des Auftritts –, in dieser kurzen Nachricht zwangsläufig außen vor. Aus einer mehrminütigen Rede wird ein einzelner politischer Standpunkt.

Auch das ist keine Fehlleistung der Nachricht. Es zeigt lediglich, wie stark unterschiedliche Formate dasselbe Ereignis verdichten müssen.

Wer den Sitzungstag genauer verfolgt, findet die Rede plötzlich sehr deutlich

Das Bild verändert sich, sobald wir in die detailliertere Berichterstattung wechseln. Besonders der MDR dokumentiert den Auftritt unmittelbar. Unter der Überschrift zur Fraktionsvorsitzenden der Grünen bezeichnet der Sender ihre Wortmeldung als „ungewöhnlichen Vorgang“ und stellt einen eigenen Ausschnitt der Rede bereit.

Am selben Tag widmet sich der MDR dem Auftritt sogar noch einmal gesondert. In einer Analyse zu den Reden von Eva von Angern und Susan Sziborra-Seidlitz fragt Politikreporter Sebastian Hesse ausdrücklich nach deren Bedeutung innerhalb der konstituierenden Sitzung. Regionaljournalistisch erhält die Rede damit ein Gewicht, das sie in den bundesweiten Hauptnachrichten nicht erreicht.

Gerade das ist plausibel: Für ein Regionalmedium ist die gesamte parlamentarische Neuordnung Sachsen-Anhalts ein zentrales Ereignis. Dadurch entsteht mehr Raum für Reden, Abläufe und Situationen, die eine bundesweite Nachrichtensendung stark verkürzen muss.

In Livetickern wird auch der außergewöhnliche Zeitpunkt sichtbar

Noch genauer lässt sich unser Kairos-Befund in Formaten nachvollziehen, die den Sitzungstag chronologisch dokumentieren. Die Süddeutsche Zeitung versieht den entsprechenden Abschnitt ihres Livetickers sogar mit der Zwischenüberschrift:

„Ungewöhnlicher Vorgang: Grünen-Fraktionsvorsitzende hält direkt nach Wahl eine Rede“

Im Text wird die Abfolge noch genauer beschrieben: Sziborra-Seidlitz habe sich direkt nach der Bekanntgabe der Wahl Tobias Rauschs zu Wort gemeldet. Alterspräsidentin Eva von Angern erläutert dabei, dass Fraktionsvorsitzende jederzeit das Recht haben, das Wort zu ergreifen.

Der Tagesspiegel markiert dieselbe Situation von der anderen Seite. Dort heißt es, Sziborra-Seidlitz habe ihre Rede „vor der Amtsübergabe“ gehalten.

Damit erhalten wir zwei präzise Koordinaten:

Rausch ist gewählt und hat die Wahl angenommen
↓
Susan Sziborra-Seidlitz spricht
↓
Amtsübergabe an den neuen Landtagspräsidenten

Diese Chronologie ist also keineswegs eine Konstruktion unserer Analyse. Sie ist in der zeitnahen Berichterstattung dokumentiert. Was nicht gleichermaßen dokumentiert wird, ist ihre rhetorische Bedeutung. Genau dort beginnt unsere eigentliche Arbeit.

Warum die Rede in den Hauptnachrichten fehlen kann und trotzdem rhetorisch interessant bleibt

Hier lohnt es sich, zwei unterschiedliche Auswahlprinzipien auseinanderzuhalten. Eine Hauptnachrichtensendung verfügt über wenige Minuten und muss entscheiden, welches Ereignis für ein bundesweites Publikum zuerst erklärt werden muss. Am 6. Oktober war das außergewöhnliche politische Ereignis die Wahl Tobias Rauschs, einschließlich der Frage, wie seine 48 Stimmen zustande gekommen waren und welche politischen Folgen daraus entstehen könnten.

Eine Rhetorikanalyse ist an diese Auswahl nicht gebunden. Sie darf gerade dort genauer hinschauen, wo die Nachricht bereits weiterziehen muss. Sie fragt beispielsweise, wer nach einem Wahlergebnis als Erstes eine ausführliche Deutung anbietet, welche sprachlichen Mittel dabei eingesetzt werden und welchen Unterschied einige Minuten innerhalb eines institutionellen Ablaufs machen können.

Format Was rückt in den Vordergrund? Was geschieht mit der Rede?
bundesweite Hauptnachricht Wahl Rauschs, Stimmenverteilung, politische Folgen tritt stark zurück oder wird nicht erwähnt
kurze Nachricht Ergebnis und wichtigste Reaktionen kann auf einen einzelnen politischen Satz reduziert werden
regionaler Bericht Ablauf und Bedeutung der gesamten Landtagssitzung erhält deutlich mehr Raum und teilweise eigene Analyse
Liveticker und ausführlicher Onlinebericht chronologischer Ablauf der genaue Zeitpunkt unmittelbar nach der Wahl beziehungsweise vor der Amtsübergabe wird sichtbar
Rhetorikanalyse kommunikative Funktion von Zeitpunkt, Sprache und Situation fragt, was die Platzierung innerhalb des Ablaufs für die Wirkungsmöglichkeiten der Rede bedeutet

Nachrichtenwert und rhetorischer Wert sind nicht dasselbe

Diese Unterscheidung halte ich für wesentlich. Es wäre verführerisch, aus unserer ausführlichen Analyse rückwärts zu schließen, eine rhetorisch bemerkenswerte Rede müsse zwangsläufig auch das beherrschende Nachrichtenthema gewesen sein. Genau das zeigt der 6. Oktober nicht.

Die Tagesschau macht die Wahl zum Hauptthema und nicht die Rede danach. Beim ZDF dominiert ebenfalls Rauschs Wahl und die Frage nach den zusätzlichen Stimmen. Der Deutschlandfunk übernimmt eine knappe Aussage Sziborra-Seidlitz', ohne den gesamten Auftritt zu entfalten. Erst bei MDR, Livetickern und ausführlicheren Berichten lässt sich die Rede in ihrem zeitlichen Zusammenhang genauer erkennen.

Das schmälert ihre rhetorische Bedeutung nicht, setzt sie aber in das richtige Verhältnis. Rhetorische Qualität, Nachrichtenwert und mediale Reichweite sind drei verschiedene Kategorien. Eine Rede kann für die Analyse außergewöhnlich ergiebig sein, ohne am Abend mehrere Minuten in der Tagesschau zu erhalten.

Genau deshalb lohnt die Rhetorikanalyse: Die Nachricht fragt zuerst, was politisch passiert ist. Sie berichtet von der Wahl, den Stimmen und den Folgen. Die Rhetorikanalyse kann anschließend noch einmal an jene Stelle zurückkehren, an der die Hauptnachricht bereits weitergezogen ist, und fragen: Was geschah kommunikativ in diesen wenigen Minuten zwischen Wahlergebnis und Amtsübergabe?

Was bedeutet das für unsere Kairos-These?

Sie wird dadurch präziser. Wir sollten nicht behaupten, der außergewöhnliche Zeitpunkt sei zum dominierenden Thema der allgemeinen Berichterstattung geworden. Das lässt sich nicht bestätigen. Sehr wohl lässt sich jedoch belegen, dass ausführlichere Berichte diesen Zeitpunkt genau dokumentieren: direkt nach der Wahl, vor der Amtsübergabe.

Unsere rhetorische Interpretation beginnt bei diesen belegten Tatsachen und geht einen Schritt weiter. Vor der Wahl hätte dieselbe Rede noch warnend auf eine offene Entscheidung eingewirkt. Nach der Amtsübernahme und einer ersten ausführlichen Rede Rauschs hätte sie auf eine bereits von ihm mitgedeutete Situation reagiert. Tatsächlich steht sie dazwischen: Das Wahlergebnis ist unumkehrbar, seine öffentliche politische Deutung aber noch nicht abgeschlossen.

Ob Susan Sziborra-Seidlitz diesen Augenblick selbst ausdrücklich als Kairos geplant hat, können wir nicht bestätigen. Für die Analyse ist das auch nicht erforderlich. Kairos bezeichnet hier keine behauptete Absicht der Rednerin, sondern die besondere kommunikative Möglichkeit, die sich aus der dokumentierten Abfolge ergibt.

Der zentrale Befund: Die Rede beherrscht am Abend nicht die bundesweiten Hauptnachrichten. Dort dominiert die Wahl Tobias Rauschs. Wer jedoch tiefer in regionale Berichterstattung, Liveticker und ausführliche Artikel geht, findet den Zeitpunkt der Rede bemerkenswert genau dokumentiert. Die Medien liefern die Chronologie. Die Rhetorikanalyse untersucht, weshalb gerade diese Chronologie für die Rede bedeutsam ist.

Damit müssen wir im nächsten Schritt zwei Dinge auseinanderhalten, die leicht miteinander verwechselt werden: der richtige Augenblick und der zitierbare Satz. Der Kairos kann einer Rede eine außergewöhnliche kommunikative Position verschaffen. Ob etwas aus dieser Rede anschließend den Plenarsaal verlässt und in der Öffentlichkeit weitergetragen wird, hängt jedoch noch von anderen Faktoren ab.

Damit werden zwei unterschiedliche Ebenen sichtbar. Die „Zange“ lässt sich als prägnantes Zitat aus der Rede herauslösen und medial weitertragen. Die besondere Bedeutung des Zeitpunkts erschließt sich dagegen erst, wenn Wahl, Wortmeldung und Amtsübergabe gemeinsam betrachtet werden.

Für unsere Analyse ist diese Rekonstruktion zentral. Gerade deshalb muss nun die Gegenprobe folgen: Messen wir dem Kairos vielleicht zu viel Bedeutung bei?

Prüfung und Gesamturteil

Überinterpretieren wir den Kairos?

Nach so vielen Seiten über den besonderen Zeitpunkt dieser Rede ist ein Einwand zwingend: Machen wir den Kairos größer, als er tatsächlich ist? Vielleicht sprach Susan Sziborra-Seidlitz schlicht dann, weil sich parlamentarisch die Gelegenheit bot. Vielleicht war die Rede vorbereitet und für genau diesen Moment vorgesehen. Vielleicht entstand ihre Platzierung kurzfristig. Darüber liegen uns keine belastbaren Angaben vor.

Vor allem können wir nicht behaupten, Sziborra-Seidlitz habe sich hingesetzt und eine theoretisch ausgearbeitete Kairos-Strategie entworfen. Ob sie den Zeitpunkt bewusst im Sinne des klassischen rhetorischen Begriffs gewählt hat, kann ich nicht bestätigen. Eine solche Behauptung würde aus einer beobachtbaren Redesituation auf eine innere Planungsabsicht schließen, für die uns der Beleg fehlt.

Damit verschwindet der Kairos allerdings nicht aus der Analyse. Wir müssen lediglich genauer bestimmen, was wir überhaupt behaupten können.

Ebene Was lässt sich sagen?
Beobachtbarer Ablauf Die Rede steht in einer dokumentierten institutionellen Abfolge zwischen bereits erfolgter Wahl und dem anschließenden weiteren Vollzug der Sitzung.
Rhetorische Interpretation Diese Position verändert, welche kommunikative Funktion die Rede in diesem Augenblick übernehmen kann.
Absicht der Rednerin Eine bewusst nach rhetorischer Theorie geplante Kairos-Strategie lässt sich aus den vorliegenden Quellen nicht belegen.
Tatsächliche Publikumswirkung Ohne Rezeptionsdaten lässt sich nicht messen, wie stark gerade der Zeitpunkt die Wahrnehmung des Publikums beeinflusst hat.

Rhetorische Funktion setzt keine nachweisbare Theoriekenntnis voraus

Das ist methodisch wichtig. Eine rhetorische Analyse darf Eigenschaften einer Rede untersuchen, ohne zuvor beweisen zu müssen, dass die Rednerin jede dieser Eigenschaften mit dem entsprechenden Fachbegriff geplant hat. Eine Antithese bleibt analytisch beschreibbar, auch wenn niemand belegen kann, dass auf dem Manuskript „hier Antithese einsetzen“ gestanden hat. Dasselbe gilt für die situative Passung einer Rede.

Beim Kairos analysieren wir deshalb keine Gedanken im Kopf der Rednerin, sondern das Verhältnis zwischen Rede und Situation. Welche Möglichkeiten waren zu diesem Zeitpunkt bereits geschlossen? Welche waren noch offen? Was konnte die Rede noch verändern – und was nicht mehr?

Die Wahl selbst war abgeschlossen. Damit konnte der Auftritt nicht mehr verhindern, dass Tobias Rausch gewählt wurde. Offen blieb dagegen die politische Interpretation des Geschehens und, noch wichtiger, das zukünftige Verhalten der Abgeordneten. Genau dort setzt die Rede an, wenn sie von Verantwortung, künftigen Entscheidungen, dem Übertragen von Macht und dem Verhalten in der neuen Wahlperiode spricht.

Diese Passung zwischen Situation und Inhalt lässt sich analysieren, ohne daraus eine unbelegbare Absichtserklärung zu machen.

Die vorsichtige Formulierung lautet deshalb: Nicht „Sziborra-Seidlitz plante kunstvoll einen Kairos“, sondern: Ihre Rede fällt in einen rhetorisch besonders ergiebigen Moment und nutzt kommunikative Möglichkeiten, die genau in dieser Situation vorhanden sind.

Auch „Wirkung“ müssen wir vorsichtiger verwenden

Dasselbe Problem begegnet uns beim Wort „Wirkung“. Wir können zeigen, dass der Zeitpunkt die Voraussetzungen für bestimmte Wirkungen verändert. Wir können erklären, warum eine Rede unmittelbar nach einer abgeschlossenen Wahl anders funktioniert als dieselben Sätze Stunden später. Was wir ohne empirische Untersuchungen nicht wissen, ist, wie einzelne Abgeordnete, Fernsehzuschauer oder Leserinnen und Leser tatsächlich darauf reagiert haben.

Deshalb ist in unserer Analyse oft Wirkungspotenzial der sauberere Begriff. Der Kairos schafft eine Möglichkeit: Aufmerksamkeit liegt noch auf dem gerade gefallenen Wahlergebnis; die institutionelle Situation befindet sich im Übergang; konkurrierende Deutungen können sich unmittelbar an das Ereignis heften. Ob und bei wem diese Möglichkeit tatsächlich persuasive Wirkung entfaltet, ist eine andere Frage.

Gerade die Medienbeobachtung des vorigen Abschnitts mahnt hier zur Zurückhaltung. Die Rede wurde regional und in einzelnen ausführlicheren Formaten aufgegriffen, verschwand aber in den großen bundesweiten Hauptnachrichten weitgehend hinter dem größeren Nachrichtenereignis der Präsidentenwahl. Ein rhetorisch günstiger Moment garantiert also keineswegs automatisch maximale öffentliche Reichweite.

Der Kairos erklärt nicht die ganze Rede

Eine zweite mögliche Überinterpretation wäre, den Erfolg jeder einzelnen Passage aus dem Zeitpunkt abzuleiten. Auch das wäre zu viel. Der Kairos erklärt weder die Prägnanz der „Zange“ noch die Struktur der „Wir werden“-Passage, weder die Wortfelder von Verantwortung und Mitte noch die spontane Reaktion auf Zwischenrufe.

Der Zeitpunkt kann einer Rede Möglichkeiten eröffnen. Nutzen muss sie diese Möglichkeiten sprachlich selbst. Deshalb haben wir Dispositio, Wortwahl, Metaphern, Adressatenführung, Satzbau und Rhythmus getrennt untersucht. Wäre der Zeitpunkt allein ausschlaggebend, könnten wir uns all diese Analysen sparen.

Gerade das Zusammenspiel ist entscheidend. Die Situation stellt ein kommunikatives Fenster bereit. Die Rede entscheidet durch ihre sprachliche und argumentative Form darüber, was in diesem Fenster sichtbar wird.

Kairos schafft Gelegenheit.
Strategie ordnet die Reaktion.
Sprache macht sie wahrnehmbar.

Warum der Kairos trotzdem ein tragender Befund bleibt

Nach dieser Gegenprobe würde ich den Kairos deshalb weder zurücknehmen noch überhöhen. Er ist kein Beweis für eine genial geplante rhetorische Strategie und kein magischer Schlüssel, der jede Besonderheit der Rede erklärt. Er beschreibt jedoch präzise eine Eigenschaft der Redesituation: Der Zeitpunkt verändert die kommunikative Funktion dessen, was gesagt wird.

Die Stärke dieser Kategorie liegt gerade darin, dass sie Text und Situation miteinander verbindet. Eine reine Stilanalyse könnte die „Zange“, die Antithesen oder die Wiederholungen beschreiben und trotzdem übersehen, weshalb die Rede an diesem konkreten Tag eine andere Funktion besitzt als derselbe Text in einer Pressemitteilung am folgenden Morgen.

Damit erfüllt der Kairos für unsere Untersuchung eine begrenzte, aber wesentliche Aufgabe. Er erklärt nicht alles. Er erklärt die situative Passung.

Der zentrale Befund: Wir können nicht bestätigen, dass Susan Sziborra-Seidlitz ihren Auftritt bewusst nach einer theoretischen Kairos-Konzeption geplant hat. Das müssen wir für eine rhetorische Analyse auch nicht behaupten. Beobachtbar und analysierbar ist die Passung zwischen Zeitpunkt, institutioneller Lage und Inhalt der Rede. Der Kairos ist deshalb keine Aussage über ihre Absicht, sondern eine begründete Beschreibung der kommunikativen Situation.

Nach dieser methodischen Begrenzung stellt sich eine zweite Frage, bei der ebenfalls Vorsicht nötig ist: Wie außergewöhnlich ist diese Redesituation historisch tatsächlich? Dass sie ungewöhnlich ist, lässt sich zeigen. Ob sie in der deutschen Parlamentsgeschichte einzigartig ist, verlangt dagegen einen ganz anderen Beleg.

Ist diese Redesituation historisch einmalig?

Nach der ausführlichen Analyse des Augenblicks wäre die Versuchung groß, noch einen Schritt weiterzugehen und die Rede als historisch einmalige parlamentarische Situation zu bezeichnen. Genau diesen Schritt sollten wir nicht machen. Eine historische Einzigartigkeit kann ich nicht bestätigen. Dafür müsste systematisch geprüft werden, ob es in den konstituierenden Sitzungen des Bundestages und der deutschen Landesparlamente jemals eine vergleichbare Wortmeldung zwischen Präsidentenwahl und Amtsübernahme gegeben hat. Eine solche vollständige Untersuchung liegt hier nicht vor.

Was sich dagegen belegen lässt, ist die Ungewöhnlichkeit der konkreten Abfolge in Magdeburg. Zugleich zeigt ein Blick auf andere konstituierende Sitzungen, dass gerade diese institutionellen Übergangsmomente immer wieder politische und rhetorische Spannung erzeugen. Die Fälle sind nicht identisch – und genau deshalb eignen sie sich als Vergleich.

In Sachsen-Anhalt verlief die Amtsübergabe zuvor deutlich geradliniger

Ein erster Vergleich liegt besonders nahe: die vorherigen konstituierenden Sitzungen desselben Parlaments. Als Hardy Peter Güssau 2016 zum Landtagspräsidenten gewählt wurde, dokumentiert der Landtag, dass er unmittelbar nach der Amtsübernahme seine Antrittsrede hielt. Die Abfolge entsprach damit dem erwartbaren Muster: Wahl, Amtsübernahme, Rede des neuen Präsidenten.

Auch 2021 war die Struktur ähnlich. Der Landtag berichtet über die Wahl Gunnar Schellenbergers, dass dieser unmittelbar nach der Amtsübernahme den Abgeordneten dankte und seine Vorstellungen vom Präsidentenamt formulierte.

Am 6. Oktober 2026 ist die Reihenfolge anders. Der offizielle Sitzungsverlauf des Landtags führt innerhalb des Tagesordnungspunktes zur Präsidentenwahl nach der Feststellung des Wahlergebnisses zunächst Susan Sziborra-Seidlitz als Fraktionsvorsitzende und danach Tobias Rausch als Landtagspräsidenten auf.

Konstituierende Sitzung Dokumentierte Abfolge
Sachsen-Anhalt 2016 Wahl Güssaus → Amtsübernahme → Antrittsrede des Präsidenten
Sachsen-Anhalt 2021 Wahl Schellenbergers → Amtsübernahme → Ansprache des Präsidenten
Sachsen-Anhalt 2026 Wahl Rauschs → Wortmeldung Sziborra-Seidlitz → Auftreten Rauschs als Landtagspräsident

Für die jüngere Geschichte des Landtags von Sachsen-Anhalt lässt sich damit tatsächlich eine Abweichung vom vorher dokumentierten Ablauf zeigen. Das ist ein belastbarer Befund. Daraus folgt jedoch noch keine Einzigartigkeit in der gesamten deutschen Parlamentsgeschichte.

Auch andere konstituierende Sitzungen werden politisch aufgeladen

Ein Vergleich mit dem Bundestag zeigt, weshalb Vorsicht sinnvoll ist. Bei der konstituierenden Sitzung des Deutschen Bundestages am 24. Oktober 2017 folgte auf die Wahl Wolfgang Schäubles zum Bundestagspräsidenten die Amtsübernahme mit seiner Ansprache. In diesem Punkt verlief der Übergang also geradlinig.

Politisch spannungsfrei war die Sitzung trotzdem nicht. Bereits zu Beginn hatte die neu in den Bundestag eingezogene AfD einen Antrag zum Verfahren der konstituierenden Sitzung eingebracht. Der Bundestag dokumentiert, dass dieser Antrag von der Mehrheit der übrigen Fraktionen abgelehnt wurde.

Das Beispiel ist nicht mit Magdeburg 2026 gleichzusetzen. Dort ging es um einen Geschäftsordnungsantrag vor der Präsidentenwahl, hier um eine politische Rede nach der Wahl. Es zeigt aber etwas Grundsätzlicheres: Konstituierende Sitzungen sind zwar stark formalisiert, gerade ihre Übergangsstellen können jedoch für politische Interventionen genutzt werden.

Thüringen 2024 zeigt einen viel drastischeren Konflikt um den institutionellen Übergang

Noch deutlicher wurde das 2024 im Thüringer Landtag. Dort entwickelte sich bereits während der ersten konstituierenden Sitzung ein heftiger Streit über Geschäftsordnung, Tagesordnung und das Verfahren zur Wahl des Landtagspräsidenten. Die Sitzung wurde am 26. September ohne Wahl eines Präsidenten unterbrochen. Die CDU-Fraktion und ein Abgeordneter riefen anschließend den Thüringer Verfassungsgerichtshof an. Der Verfassungsgerichtshof entschied am folgenden Tag per einstweiliger Anordnung, dass der Landtag bereits vor der Wahl seines Präsidenten über Tagesordnung und Geschäftsordnung entscheiden durfte.

In der fortgesetzten Sitzung am 28. September änderte das Parlament zunächst die Wahlregeln und wählte anschließend Thadäus König zum Landtagspräsidenten.

Auch dieser Fall ist kein Präzedenzfall für die Rede Sziborra-Seidlitz'. Der Unterschied ist erheblich: In Thüringen wurde der institutionelle Übergang vor der Präsidentenwahl selbst zum Gegenstand eines verfassungsrechtlichen und parlamentarischen Konflikts. In Sachsen-Anhalt 2026 war die Präsidentenwahl bereits abgeschlossen; Sziborra-Seidlitz nutzte die verbleibende Übergangssituation für eine politische Deutung des Ergebnisses.

Strukturell verbindet beide Fälle trotzdem etwas: Die Konstituierung ist kein leerer zeremonieller Raum. Solange Funktionen, Regeln und Sprecherrollen noch nicht vollständig in die neue Ordnung übergegangen sind, können wenige Verfahrensschritte erhebliches politisches Gewicht bekommen.

Fall Besonderer Übergangsmoment Unterschied zu Magdeburg 2026
Bundestag 2017 Verfahrensantrag gleich zu Beginn der konstituierenden Sitzung vor der Präsidentenwahl und auf das Verfahren gerichtet
Thüringen 2024 Streit um Tagesordnung, Geschäftsordnung und Präsidentenwahl; Einschaltung des Verfassungsgerichtshofs institutioneller Konflikt vor der Wahl, keine vergleichbare Rede zwischen Wahl und Amtsübernahme
Sachsen-Anhalt 2026 politische Wortmeldung nach dem Wahlergebnis, noch bevor der gewählte Präsident den weiteren Ablauf übernimmt politische Deutung eines bereits abgeschlossenen Wahlvorgangs

„Opportun“ ist hier präziser als „opportunistisch“

Auch sprachlich lohnt sich eine Unterscheidung. Im Zusammenhang mit Kairos können wir von einem opportunen parlamentarischen Moment sprechen: einem günstigen Augenblick, in dem die institutionelle Situation eine besondere kommunikative Möglichkeit eröffnet.

Von einer opportunistischen Nutzung würde ich dagegen nicht sprechen. „Opportunistisch“ enthält bereits eine Bewertung der Motive – etwa die Unterstellung, jemand nutze eine Situation aus bloßem Eigennutz oder passe seine Haltung taktisch an. Für eine solche Aussage über die Motivation Sziborra-Seidlitz' haben wir keine belastbaren Belege.

Nachweisbar ist lediglich, dass eine vorhandene parlamentarische Möglichkeit genutzt wurde und dass der Zeitpunkt der Wortmeldung der Rede eine besondere Stellung im Sitzungsablauf gab. Ob diese Gelegenheit lange vorbereitet, kurzfristig erkannt oder aus anderen Gründen entstanden ist, kann ich nicht bestätigen.

Das historisch Interessante braucht das Etikett „einmalig“ gar nicht

Vielleicht ist das sogar der wichtigere Befund. Die Redesituation muss nicht ohne jedes Vorbild in der deutschen Parlamentsgeschichte sein, damit sie rhetorisch interessant wird. Für unsere Analyse genügt, dass mehrere ungewöhnliche Bedingungen zusammentreffen: eine konstituierende Sitzung, eine abgeschlossene Präsidentenwahl, eine noch nicht vollzogene Übernahme der Sitzungsleitung, eine Wortmeldung einer Fraktionsvorsitzenden und eine Rede, die genau diesen institutionellen Übergang politisch deutet.

Vergleichsfälle zeigen zugleich, dass konstituierende Sitzungen immer wieder solche Schwellenmomente hervorbringen können. 2017 wurde im Bundestag über das Verfahren gestritten, 2024 musste in Thüringen sogar ein Verfassungsgericht während der unterbrochenen ersten Sitzung klären, welche Entscheidungen das Parlament vor der Präsidentenwahl treffen darf. 2016 und 2021 zeigt Sachsen-Anhalt wiederum den geradlinigeren Normalfall von Wahl, Amtsübernahme und Präsidentenrede.

Der zentrale Befund: Eine historische Einmaligkeit der Rede von Susan Sziborra-Seidlitz lässt sich auf Grundlage der geprüften Quellen nicht bestätigen. Belegen lässt sich dagegen, dass ihre Position im Ablauf gegenüber den vorherigen Konstituierungen des Landtags Sachsen-Anhalt ungewöhnlich ist. Vergleichbare parlamentarische Schwellenmomente gibt es auch andernorts – allerdings mit anderen Konflikten, anderen Verfahren und anderen rhetorischen Funktionen.

Damit brauchen wir für die Bedeutung dieser Rede kein Superlativ. Interessanter ist die präzisere Frage: Was überzeugt an ihrer konkreten rhetorischen Lösung – und wo liegen ihre Grenzen und Risiken?

Was überzeugt rhetorisch – und wo liegen Risiken?

Nach der Detailanalyse lässt sich die Rede nun mit etwas Abstand betrachten. Dabei wäre ein einfaches Urteil wie „starke Rede“ oder „schwache Rede“ analytisch zu grob. Interessanter ist die Frage, welche Entscheidungen ihr kommunikatives Ziel unterstützen – und an welchen Stellen dieselben Entscheidungen Risiken erzeugen. Gerade bei politischer Rhetorik liegen Stärke und Gefährdung häufig erstaunlich nah beieinander.

Als Grundlage dienen weiterhin das offizielle Transkript des Landtags Sachsen-Anhalt und die Videoaufnahme der tatsächlich gehaltenen Rede. Bewertet wird hier nicht die politische Position der Rednerin, sondern die rhetorische Funktion ihrer sprachlichen und strategischen Entscheidungen.

Die situative Passung ist eine der größten Stärken

Der stärkste Befund bleibt die enge Verbindung zwischen Rede und Situation. Sziborra-Seidlitz spricht nicht allgemein über Demokratie, Rechtsextremismus oder parlamentarische Verantwortung. Sie knüpft ihre Argumentation fortlaufend an das gerade Geschehene: an die Wahl des neuen Landtagspräsidenten, an dessen Amt, an die neue Sitzordnung, an Zwischenrufe und schließlich an zukünftige Entscheidungen im Parlament.

Dadurch wirkt der Text nicht austauschbar. Derselbe Wortlaut hätte bei einer Parteiveranstaltung oder als Presseerklärung einen erheblichen Teil seiner Funktion verloren. Besonders „Mitte“ und „Zange“ zeigen, wie stark die Rede den sichtbaren Raum aufnimmt. Der Zeitpunkt wiederum verändert die Funktion ihrer Aussagen über Verantwortung und zukünftiges Handeln.

Diese situative Dichte ist rhetorisch wertvoll, weil sie einer Rede Gegenwärtigkeit gibt. Sie beantwortet nicht nur eine allgemeine politische Frage, sondern reagiert auf eine konkrete Lage.

Die Architektur hält eine erstaunliche Stoffmenge zusammen

Die Rede bewegt sich in knapp sieben Minuten durch sehr unterschiedliche Bereiche: Konstituierung des Landtags, Anforderungen an das Präsidentenamt, Verantwortung der Abgeordneten, politische Mitte, demokratische Institutionen, Minderheitenrechte, Handlungsversprechen der eigenen Fraktion, konkrete gesellschaftliche Gruppen, politische Sachthemen und schließlich ein Appell an andere Fraktionen.

Dass diese Breite nicht völlig auseinanderfällt, liegt an ihrer Grundbewegung. Die Rede beginnt beim Ereignis und entwickelt daraus einen Maßstab. Aus dem Maßstab folgt Verantwortung, aus Verantwortung zukünftiges Handeln. Die bereits herausgearbeitete Formel trägt weiterhin:

Ereignis → Deutung → Norm → Verantwortung → zukünftiges Handeln

Diese Architektur ist wichtiger als einzelne rhetorische Figuren. Sie sorgt dafür, dass die Rede trotz verschiedener Themen einen erkennbaren Gedankengang behält.

Besonders wirksam ist der Kampf um die Bedeutung von Begriffen

Eine weitere Stärke liegt im Umgang mit Schlüsselwörtern. Sziborra-Seidlitz übernimmt zentrale Begriffe nicht einfach in der Bedeutung, die sich aus der politischen Situation ergeben könnte, sondern versucht, sie neu zu bestimmen.

Am deutlichsten zeigt sich das bei der „Mitte“. Die räumliche Position einer Fraktion im Plenarsaal wird ausdrücklich von politischer und gesellschaftlicher Mitte getrennt. Ähnlich funktioniert „Verantwortung“: Das Wort bezeichnet zunächst die Verantwortung eines Amtes und wird später auf die Verantwortung jedes einzelnen Abgeordneten für seine Stimme und zukünftige Machtübertragungen ausgeweitet.

Auch „Macht“ wird nicht nur als etwas behandelt, das aus einem Wahlergebnis entsteht. Die Formulierung „welche Macht Sie übertragen“ verschiebt den Blick auf diejenigen, die in zukünftigen Entscheidungen Macht mitvergeben können.

Damit führt die Rede einen semantischen Konflikt. Politische Auseinandersetzung findet nicht nur darüber statt, was passiert ist, sondern auch darüber, wie Begriffe wie Mitte, Verantwortung und Macht verstanden werden sollen.

Eine der rhetorisch tragfähigsten Leistungen der Rede liegt deshalb im Begriffskampf: Sie widerspricht nicht nur politischen Positionen, sondern versucht, zentrale Wörter der Situation selbst zu definieren.

Die Adressaten werden erstaunlich genau gesteuert

Auch die Adressatenführung ist differenzierter, als der erste Eindruck einer kämpferischen Oppositionsrede vermuten lässt. Die AfD wird mehrfach unmittelbar angesprochen, ist aber nicht durchgehend der eigentliche Persuasionsadressat. Der entscheidende Appell richtet sich an jene Abgeordneten, deren zukünftige Entscheidungen noch beeinflusst werden können.

Die Rede wechselt deshalb zwischen verschiedenen kommunikativen Rollen: Gegenüber der AfD markiert sie Widerspruch und Grenze. Der eigenen Fraktion gegenüber formuliert sie mit den „Wir werden“-Sätzen eine öffentliche Selbstbindung. Andere Fraktionen werden schließlich direkt aufgefordert, künftige Machtübertragungen zu prüfen.

Diese Unterscheidung ist strategisch sinnvoll. Wer einen politischen Gegner nicht realistisch von der eigenen Grundposition überzeugen kann, muss nicht zwangsläufig die gesamte Rede auf diesen Gegner ausrichten. Politische Persuasion kann ebenso auf das Umfeld zielen.

Die Metaphern erhöhen die Erinnerbarkeit – und verschärfen zugleich den Konflikt

Bei „Beute“ und „Zange“ lässt sich Stärke und Risiko kaum voneinander trennen. Beide Bilder komprimieren größere Argumentationszusammenhänge auf wenige Wörter. „Beute“ macht aus einer abstrakten Warnung vor Machtkonzentration das Bild einer Aneignung. „Zange“ übersetzt Sitzordnung und politische Gegenstrategie in eine räumliche Vorstellung.

Gerade dadurch werden die Formulierungen zitierbar. Zugleich verändert sich mit ihnen der Ton. „Beute“ stammt aus einem Bedeutungsfeld von Raub, Jagd und Aneignung; „in die Zange nehmen“ enthält Druck und Einengung. Die Rede entfernt sich hier deutlich von der nüchternen Sprache parlamentarischer Verfahrensbeschreibung.

Das kann für Zuhörende, die den von der Rednerin entworfenen Bedrohungsrahmen teilen, die Dringlichkeit erhöhen. Wer diesen Rahmen nicht teilt, kann dieselben Bilder als Überzeichnung wahrnehmen. Ohne Rezeptionsdaten lässt sich nicht bestimmen, welche Reaktion überwog.

„Demokratisch in die Zange nehmen“ trägt eine produktive Spannung – aber auch ein Missverständnisrisiko

Besonders deutlich wird diese Ambivalenz bei der bekanntesten Formulierung. Das Wort „demokratisch“ begrenzt die folgende Kampfmetapher. Aus dem Kontext der Rede wird deutlich, dass Sziborra-Seidlitz parlamentarischen Widerspruch, politische Entscheidungen und rechtliche Möglichkeiten anspricht.

Dennoch verschwindet die Härte der „Zange“ dadurch nicht. Gerade weil die Verbindung ungewöhnlich ist, bleibt sie auffällig. Dieselbe Reibung, die das Zitat stark macht, eröffnet auch Raum für Kritik oder Verkürzung. Wird nur „in die Zange nehmen“ weitergetragen, kann die normative Begrenzung durch den Gesamtzusammenhang verloren gehen.

Das ist ein typisches Risiko bildhafter politischer Sprache: Was besonders leicht zitiert werden kann, lässt sich ebenso leicht aus seinem argumentativen Umfeld lösen.

Die kämpferische Semantik kann mobilisieren – aber den Adressatenkreis verengen

Über die einzelnen Metaphern hinaus fällt auf, wie häufig die Rede mit Begriffen des Widerstands und der Abgrenzung arbeitet: widersprechen, eingreifen, verteidigen, Grenzen ziehen, nicht einschüchtern lassen, Beute, Zange. Zusammen entsteht ein deutlich konfliktorientiertes Handlungsfeld.

Das passt zur politischen Funktion des Auftritts: Die Rednerin will nach einer verlorenen Abstimmung keine Versöhnungsrede halten, sondern Handlungsfähigkeit demonstrieren und zukünftigen Widerspruch ankündigen.

Gerade diese Konsistenz kann allerdings den erreichbaren Adressatenkreis verkleinern. Wer die Diagnose der Rednerin nicht teilt, begegnet einer Sprache, die wenig neutralen Zwischenraum anbietet. Der Appell an Zusammenarbeit mit anderen Fraktionen muss deshalb gegen die starke Konfliktsemantik anarbeiten.

Das ist kein logischer Widerspruch, wohl aber eine persuasive Spannung: Die Rede möchte gleichzeitig Grenzen schärfen und Bündnisse für zukünftiges Handeln öffnen.

Die thematische Breite zeigt Regierungsanspruch – kostet aber Konzentration

Eine ähnliche Doppelwirkung besitzt der Abschnitt, in dem Sziborra-Seidlitz von der demokratischen Auseinandersetzung zu konkreten Politikfeldern wechselt. Natur, Gesundheitsversorgung, Schulen, Kommunen und Wirtschaft erweitern die Rede über die unmittelbare Präsidentenwahl hinaus.

Dieser Schritt erfüllt eine nachvollziehbare Funktion: Die Grünen sollen nicht ausschließlich als Abwehrkraft erscheinen. Die Rede macht deutlich, dass parlamentarische Opposition auch Sachpolitik, Vorschläge und die Lebenswirklichkeit verschiedener Gruppen umfassen soll.

Für einen knapp siebenminütigen Auftritt erhöht diese Erweiterung jedoch die thematische Last. Der zentrale Konflikt um Amt, Verantwortung und institutionelle Macht ist rhetorisch bereits stark genug. Die zusätzliche politische Agenda bringt einen neuen Strang hinein, der nur kurz entwickelt werden kann.

Wer maximale Konzentration anstrebte, könnte hier kürzen. Wer dagegen zeigen möchte, dass demokratische Politik mehr umfasst als die Abwehr eines politischen Gegners, hat einen guten Grund für diese Passage. Auch hier hängt die Bewertung vom Kommunikationsziel ab.

Die spontanen Reaktionen stärken die Präsenz – die Sprechunruhen gehören zum Preis

Im Vortrag reagiert Sziborra-Seidlitz mehrfach unmittelbar auf das Geschehen im Saal. Besonders die Antwort auf Oliver Kirchner zeigt, dass sie Zwischenrufe aufnimmt und anschließend in ihren eigenen Gedankengang zurückkehrt. Das verleiht dem Auftritt Präsenz.

Zugleich entstehen genau in solchen Situationen kleine sprachliche Unruhen: wiederholte Satzanfänge, doppelte Wörter und hörbare Neuansätze. Die bereits untersuchten Stellen bei „demokratische“, „Sachsen-Anhalt“ oder „Mitte“ sollten deshalb weder zu kunstvollen Figuren umgedeutet noch übermäßig problematisiert werden.

Für die schriftliche Perfektion sind solche Disfluenzen ein Minus. Für eine tatsächlich gehaltene parlamentarische Rede können sie zugleich der Preis dafür sein, dass eine Rednerin nicht starr an einem abgeschlossenen Text festhält.

Stärke und Risiko liegen erstaunlich oft im selben Mittel

Gerade deshalb wäre eine einfache Pro-und-Contra-Liste zu schematisch. Fast jede auffällige Stärke dieser Rede besitzt eine mögliche Kehrseite:

Rhetorische Entscheidung Mögliche Stärke Mögliches Risiko
starke situative Bindung hohe Gegenwärtigkeit und Passung Teile der Rede sind außerhalb des konkreten Ereignisses erklärungsbedürftiger
Begriffskampf um „Mitte“, „Macht“, „Verantwortung“ setzt eigene Deutungsmaßstäbe setzt voraus, dass das Publikum diese Deutungen zumindest prüft
„Beute“ und „Zange“ anschaulich, prägnant und zitierfähig verstärken Konflikt und Polarisierung
kämpferische Verben vermitteln Handlungsfähigkeit nach einer verlorenen Abstimmung können für skeptische Zuhörende konfrontativ wirken
breite politische Agenda zeigt, dass die Rede nicht bei Abwehr und Protest stehenbleibt erhöht in kurzer Rede die thematische Dichte
spontane Reaktionen Präsenz und unmittelbare Auseinandersetzung Neuansätze und Sprechdisfluenzen

Was trägt am stärksten?

Wenn wir die einzelnen Beobachtungen zusammenführen, liegt die rhetorische Tragfähigkeit weniger in einem genialen Einzelsatz als in der Verzahnung mehrerer Ebenen. Der Zeitpunkt passt zur Argumentation. Die Argumentation führt vom abgeschlossenen Ereignis zu zukünftiger Handlung. Schlüsselbegriffe kehren in veränderter Bedeutung wieder. Adressaten werden unterschieden. Metaphern verdichten, was vorher argumentativ vorbereitet wurde.

Die Risiken entstehen dort, wo diese Verdichtung besonders stark wird. „Beute“ und „Zange“ erhöhen die Erinnerbarkeit, aber auch die Konfliktintensität. Die kämpferische Sprache demonstriert Entschlossenheit, kann jedoch Distanz vergrößern. Die politische Breite verhindert eine reine Abwehrrede, nimmt dem Kern aber zeitweise etwas Konzentration.

Der zentrale Befund: Die rhetorischen Stärken und Risiken dieser Rede sind keine getrennten Listen. Häufig entspringen sie derselben Entscheidung. Anschaulichkeit kann polarisieren, Entschlossenheit kann Distanz schaffen, Spontaneität kann sprachliche Unruhe erzeugen und thematische Breite kann den Fokus schwächen. Gerade diese Ambivalenzen machen eine ernsthafte Redeanalyse ergiebiger als ein pauschales Qualitätsurteil.

Damit lässt sich die Analyse noch einmal weiter öffnen. Denn hinter all diesen Einzelbeobachtungen steht eine grundsätzlichere Frage: Was können wir aus diesem Auftritt über politische Rhetorik lernen – unabhängig davon, ob wir die politischen Positionen der Rednerin teilen?

Was lehrt die Rede über politische Rhetorik?

Nach Kairos, Adressaten, Dispositio, Schlüsselwörtern, Metaphern, Satzbau und Vortrag lässt sich aus der Rede von Susan Sziborra-Seidlitz eine größere Erkenntnis ziehen: Eine politische Rede ist mehr als ein Text, der zu einem bestimmten Zeitpunkt vorgetragen wird. Sie ist kommunikatives Handeln innerhalb einer konkreten Lage. Wer nur das Transkript liest und nach Stilfiguren sucht, erfasst deshalb einen wichtigen Teil – aber eben nur einen Teil – des rhetorischen Geschehens.

Genau an dieser Stelle berührt unsere Analyse einen Grundgedanken der modernen Rhetoriktheorie. Joachim Knape beschreibt Rhetorik als strategische Kommunikation und richtet den Blick damit auf den Orator, seine Kommunikationsbedingungen, Widerstände und das angestrebte kommunikative Ziel. Wer diesen Ansatz vertiefen möchte, findet mit Joachim Knapes „Was ist Rhetorik?“ in der Publikationsplattform der Universität Tübingen einen geeigneten Ausgangspunkt.

Die Rede vom 6. Oktober 2026 eignet sich für diese Perspektive besonders gut, weil sich an ihr fast lehrbuchartig beobachten lässt, wie sehr die einzelnen Ebenen voneinander abhängen. Das offizielle Transkript liefert den Wortlaut. Der offizielle Sitzungsverlauf des Landtags Sachsen-Anhalt zeigt den institutionellen Rahmen. Die Videoaufnahme ergänzt Zwischenrufe, Reaktionen, Neuansätze, Betonung und die sichtbare Situation. Erst zusammen entsteht die Rede, die wir hier untersucht haben.

Eine gute Rede beginnt vor dem ersten Satz

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis überhaupt. Wer eine Rede analysiert oder vorbereitet, sollte nicht beim ersten Satz beginnen, sondern bei der Frage: Was ist hier eigentlich die Lage?

Am 6. Oktober ist das entscheidend. Die Wahl des neuen Landtagspräsidenten ist bereits abgeschlossen. Sie kann durch die folgende Rede nicht mehr verhindert werden. Gleichzeitig beginnt eine neue Wahlperiode, neue institutionelle Rollen entstehen, die Sitzordnung hat sich verändert und zukünftige Entscheidungen sind offen. Dadurch verschiebt sich auch das mögliche Ziel der Rede.

Eine Rede vor der Wahl hätte auf die Abstimmung selbst zielen können. Eine Rede danach muss mit einem bereits eingetretenen Ergebnis umgehen. Sziborra-Seidlitz richtet ihren Blick deshalb sehr schnell auf Verantwortung und zukünftiges Verhalten: Welche Macht wird künftig übertragen? Wo wird widersprochen? Wo werden parlamentarische und rechtliche Möglichkeiten genutzt?

Diese Verschiebung lässt sich nicht allein durch eine Figurenanalyse erklären. Sie entsteht aus der Situation.

Die erste Lektion politischer Rhetorik lautet deshalb: Bevor Sie einen Satz bewerten, müssen Sie wissen, in welcher Lage er fällt. Derselbe Wortlaut kann vor einer Entscheidung warnen, nach einer Entscheidung widersprechen oder in einem späteren Moment lediglich kommentieren.

„Das Publikum“ gibt es rhetorisch fast nie

Ebenso lehrreich ist die Adressatensteuerung. Formal spricht Sziborra-Seidlitz vor dem gesamten Landtag. Tatsächlich erfüllt ihre Rede gegenüber verschiedenen Zuhörergruppen unterschiedliche Aufgaben.

Die AfD wird unmittelbar adressiert und politisch abgegrenzt. Oliver Kirchner wird nach einem Zwischenruf persönlich angesprochen. Die eigene Fraktion erhält mit den „Wir werden“-Sätzen eine öffentliche Selbstverpflichtung. Wählerinnen und Wähler können erkennen, wie die Grünen ihre Rolle in der neuen Wahlperiode definieren. Und gegen Ende werden die von Sziborra-Seidlitz als „demokratische Fraktionen“ angesprochenen Abgeordneten zu den wichtigsten Adressaten eines konkreten Appells.

Das zeigt einen zentralen Mechanismus politischer Rede: Der sichtbarste Gegner muss nicht der wichtigste Persuasionsadressat sein. Wer politisch überzeugen will, sollte deshalb genauer fragen, bei wem überhaupt noch eine Einstellungs- oder Verhaltensänderung erreichbar ist.

Diese Unterscheidung schützt zugleich vor einem verbreiteten Analysefehler. Eine Rede kann sehr häufig über eine Partei sprechen und sich trotzdem strategisch stärker an deren politisches Umfeld richten.

Disposition bedeutet mehr als eine ordentliche Gliederung

Auch die Struktur dieser Rede zeigt, weshalb die klassische Dispositio nicht auf eine hübsche Gliederung reduziert werden sollte. Entscheidend ist, in welcher Reihenfolge Gedanken für das jeweilige kommunikative Ziel gebraucht werden.

Sziborra-Seidlitz beginnt beim parlamentarischen Normalfall, markiert anschließend den aus ihrer Sicht entscheidenden Bruch, entwickelt daraus einen Maßstab für das Präsidentenamt und verbindet diesen Maßstab mit persönlicher Verantwortung. Erst danach weitet sie die Argumentation auf politische Mitte, Institutionen, zukünftiges Verhalten, gesellschaftliche Gruppen und schließlich die Zusammenarbeit anderer Fraktionen aus.

In stark vereinfachter Form lässt sich die Bewegung so darstellen:

Was ist geschehen?
↓
Was bedeutet dieses Ereignis?
↓
Welcher Maßstab gilt?
↓
Wer trägt Verantwortung?
↓
Was folgt daraus für zukünftiges Handeln?

Das ist strategische Ordnung. Die Rede springt nicht sofort zum Schlussappell, sondern bereitet ihn vor. „Prüfen Sie jedes einzelne Mal, welche Macht Sie übertragen“ bekommt sein Gewicht gerade deshalb, weil das Wort „Verantwortung“ zuvor bereits mehrfach aufgebaut wurde.

Wortwahl verteilt politische Wirklichkeit

Politische Rhetorik entscheidet außerdem nie nur darüber, welche Sachverhalte erwähnt werden. Sie entscheidet zugleich darüber, mit welchen Begriffen diese Sachverhalte wahrgenommen werden sollen.

Das lässt sich an dieser Rede ungewöhnlich deutlich beobachten. „Mitte“ ist zunächst eine räumliche Position und wird anschließend zur politischen und gesellschaftlichen Kategorie. „Macht“ erscheint sowohl als Ergebnis politischer Mehrheiten als auch als etwas, das andere Abgeordnete durch zukünftige Entscheidungen übertragen können. „Verantwortung“ verbindet Amt, einzelne Stimme und gemeinsames parlamentarisches Handeln.

Und dann gibt es Wörter, die ganze Deutungsräume öffnen: „Beute“ ruft Aneignung und Verlust auf, „Zange“ Druck und räumliche Umfassung. Solche Begriffe transportieren Argumente nicht vollständig, aber sie lenken, in welchem Bildraum diese Argumente verstanden werden.

Damit zeigt die Rede etwas Grundsätzliches: Politischer Streit ist immer auch Streit um Begriffe und ihre Bedeutungen. Wer bestimmt, was „Mitte“, „Verantwortung“ oder „Macht“ in einer Situation bedeutet, bestimmt einen Teil ihrer öffentlichen Deutung.

Elocutio ist kein Schmuckkasten für Stilfiguren

Genau deshalb wäre es zu wenig, die Rede mit einer Liste von Anapher, Antithese, Metapher, Dreischritt und Sentenz abzuschließen. Die entscheidende Frage lautet bei jeder sprachlichen Form: Was tut sie innerhalb der Argumentation?

Die wiederholten „Wir werden“-Anfänge erzeugen nicht einfach einen schönen Rhythmus; sie verwandeln Diagnose in öffentlich angekündigtes zukünftiges Handeln. Die Antithese zwischen räumlicher und politischer Mitte trennt zwei Bedeutungen, die nicht miteinander gleichgesetzt werden sollen. „Institutionen schützen sich nicht von selbst“ verdichtet einen Grundsatz, der im folgenden Satz durch menschliches Handeln entfaltet wird. Die „Zange“ überführt eine Sitzordnung in einen politischen Appell.

Figuren werden damit erst dort rhetorisch interessant, wo sie Funktion übernehmen. Eine Metapher, die lediglich schön klingt, trägt wenig. Eine Metapher, die Raum, Konflikt und Handlung in einem Wort zusammenführt, verändert die Kommunikation.

Gesprochene Rhetorik entsteht außerdem im Moment

Die Videoaufnahme erinnert an einen weiteren Punkt, den die Textanalyse leicht vergisst. Eine politische Rede findet unter realen Bedingungen statt. Andere Abgeordnete rufen dazwischen, lachen, applaudieren oder widersprechen. Die Rednerin muss darauf reagieren oder sich entscheiden, nicht zu reagieren.

Bei Sziborra-Seidlitz wird das besonders in der Auseinandersetzung mit Oliver Kirchner sichtbar. Sie unterbricht ihren vorbereiteten Gedankengang, antwortet auf den Zwischenruf und führt anschließend zurück zum Argument über demokratische Institutionen und menschliches Handeln.

Gerade deshalb gehören auch kleine Neuansätze und Wiederholungen zur Analyse. Eine tatsächlich gehaltene Rede ist kein gedruckter Essay mit Stimme. Wer sie analysiert, muss zwischen bewusst strukturierter Wiederholung und Sprechdisfluenz unterscheiden.

Für Rednerinnen und Redner ergibt sich daraus eine praktische Konsequenz: Vorbereitung sollte nicht zu einem Textgefängnis werden. Eine Rede benötigt eine so klare innere Architektur, dass eine spontane Reaktion möglich bleibt, ohne anschließend den Faden zu verlieren.

Gute Vorbereitung erkennt man deshalb nicht daran, dass nichts Ungeplantes geschieht. Sie zeigt sich auch darin, dass eine Rednerin nach dem Ungeplanten wieder zu ihrem eigenen Argument zurückfindet.

Situation, Strategie und Sprache dürfen nicht getrennt geprüft werden

Damit kommen die verschiedenen Stränge dieser Analyse zusammen. Der Kairos allein macht keine gute Rede. Eine ausgefeilte Dispositio allein ebenfalls nicht. Starke Metaphern können einen ungeordneten Gedankengang nicht retten, und die perfekte Formulierung hilft wenig, wenn sie an den falschen Adressaten gerichtet ist.

Rhetorische Qualität entsteht vielmehr aus der Passung dieser Ebenen:

Ebene Leitfrage
Situation Was ist geschehen, was ist noch offen und welche Handlungsmöglichkeiten bestehen jetzt?
Wirkungsziel Was soll sich durch diese Rede im Denken oder zukünftigen Handeln verändern?
Adressaten Bei wem soll überhaupt etwas erreicht werden – und welche Widerstände sind dort zu erwarten?
Disposition In welcher Reihenfolge müssen die Gedanken stehen, damit der Schluss vorbereitet ist?
Wortwahl Welche Begriffe strukturieren die Wirklichkeit und welche Deutungen werden dadurch angeboten?
Elocutio Welche sprachlichen Formen verstärken Argument, Orientierung und Handlungsimpuls?
Vortrag Wie bleibt die Rede unter den realen Bedingungen des Raumes handlungsfähig?

Die Rede ist deshalb weniger ein Gegenstand als eine Handlung

Genau darin liegt für mich die größere Lektion dieser Analyse. Wer eine Rede ausschließlich als sprachlichen Gegenstand betrachtet, kann ihre Wörter zählen, ihre Figuren benennen und ihren Satzbau beschreiben. Wer sie als kommunikatives Handeln betrachtet, fragt zusätzlich, was die Rednerin mit diesen Mitteln in einer konkreten Situation zu erreichen versucht.

Dann verändert sich auch der Blick auf vermeintlich kleine Details. Der Zeitpunkt ist nicht bloß eine Datumsangabe. Die Sitzordnung ist nicht bloß Möbelverteilung. Ein Pronomen wie „wir“ ist nicht bloß Grammatik. Ein „aber“ kann eine politische Konzession begrenzen. Eine Metapher kann aus einem räumlichen Arrangement eine Handlungsstrategie machen. Und ein Zwischenruf kann für wenige Sekunden die geplante Rede verändern.

Diese Perspektive ist zugleich der Grund, weshalb rhetorische Analyse mehr leisten kann als die Suche nach „schönen Stilmitteln“. Sie untersucht, wie Sprache unter konkreten Bedingungen zu Handeln wird.

Der zentrale Befund: Eine Rede ist kein fertiger Text, der zufällig irgendwann vor einem Publikum vorgelesen wird. Sie entsteht rhetorisch aus dem Zusammenspiel von Situation, Zeitpunkt, Wirkungsziel, Adressaten, Disposition, Wortwahl, sprachlicher Gestaltung und Vortrag. Erst wenn diese Ebenen zusammengedacht werden, wird sichtbar, was politische Rhetorik tatsächlich leistet – und wo ihre Grenzen liegen.

Genau deshalb ist der Auftritt von Susan Sziborra-Seidlitz für diese Analyse so ergiebig. Nicht weil jede Formulierung makellos wäre und auch nicht, weil sich eine historische Einzigartigkeit beweisen ließe. Interessant ist vielmehr, wie eng Text und Situation ineinandergreifen. Damit ist die Grundlage gelegt für die letzte, ausdrücklich wertende Frage dieses Beitrags: Ist diese Rede ein Kandidat für eine „Rede des Jahres 2026“ – und nach welchen Maßstäben ließe sich ein solcher Vorschlag überhaupt begründen?

Schlussgedanke

Warum diese Rede für die „Rede des Jahres 2026“ diskutiert werden sollte

Am Ende dieser Analyse möchte ich dorthin zurückkehren, wo sie für mich begonnen hat: nicht bei einer rhetorischen Figur, nicht bei einem Fachbegriff und auch nicht bei einem Transkript, sondern vor dem Fernseher.

Wir saßen dort und warteten auf das Ergebnis der Wahl des Landtagspräsidenten. Wir hatten dieses Ergebnis befürchtet, und als es feststand, waren wir betroffen. Dann entstand Unruhe im Plenarsaal. Eine weitere Wortmeldung wurde angekündigt. Susan Sziborra-Seidlitz trat ans Pult – und plötzlich war da etwas, das mich als Rednermacherin sehr unmittelbar erreichte.

Es war nicht nur der Text. Es waren Mimik und Gestik, der Blick in den Saal, die Reaktion auf Zwischenrufe und diese Stimme, in der ich gleichzeitig Anspannung und bemerkenswerte Ruhe wahrnahm. Ich kann daraus selbstverständlich keine allgemeine Publikumswirkung ableiten. Ich kann aber beschreiben, was dieser Auftritt bei mir ausgelöst hat: Ich hörte nicht mehr nur einer parlamentarischen Reaktion auf ein Wahlergebnis zu. Ich erlebte, wie politische Auseinandersetzung mit den Mitteln der Rede geführt wurde.

Und vielleicht berührte mich der Moment auch deshalb so stark, weil an diesem Vormittag zwei Frauen rhetorisch auffielen: Eva von Angern in ihrer Rolle als Alterspräsidentin und Susan Sziborra-Seidlitz mit ihrer anschließenden Wortmeldung. Unterschiedliche Rollen, unterschiedliche Aufgaben, unterschiedliche Reden – aber beide standen in einem institutionell angespannten Augenblick am Pult und arbeiteten mit dem, was einem Parlament zur Verfügung steht: Verfahren, Regeln, Argumente und Sprache.

Was ich damals zunächst emotional wahrnahm, wollte ich deshalb anschließend genauer wissen. War das einfach ein starker Fernsehmoment – oder hält diese Rede auch einer rhetorischen Analyse stand? Die vielen Seiten dieses Beitrags sind der Versuch, genau diese Frage nicht aus dem Bauch heraus zu beantworten.

Was meint die Universität Tübingen eigentlich mit „Rede des Jahres“?

Für einen solchen Maßstab gibt es in Deutschland eine naheliegende Adresse. Das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen vergibt seit 1998 die Auszeichnung „Rede des Jahres“. Gewürdigt werden soll eine Rede, die politische, gesellschaftliche oder kulturelle Diskussionen maßgeblich beeinflusst und einen Beitrag zur Entwicklung der Redekultur leistet.

Die Jury nennt dafür derzeit sechs Fragen beziehungsweise Kriterien: den besonderen Anlass oder die situative Herausforderung, die publizistische Wirkung, die Elaboriertheit in Bezug auf die Redegattung, die inhaltliche Relevanz und thematische Akzentuierung, den Vortragsstil im Verhältnis zur Persönlichkeit der Rednerin oder des Redners sowie den möglichen Beitrag zur Entwicklung der Redekultur.

Diese Kriterien sind anspruchsvoller als die Frage, ob eine Rede gefällt oder einen starken Satz produziert. Und genau deshalb eignen sie sich hervorragend für eine letzte Gegenprobe.

Tübinger Kriterium Was unsere Analyse dazu zeigt Was offenbleibt
besondere situative Herausforderung Die Rede fällt in das außergewöhnliche Zeitfenster nach der Präsidentenwahl und vor der weiteren Amtsübernahme. Gerade diese Situation prägt Argumentation und Adressierung. Eine historische Einzigartigkeit lässt sich nicht belegen.
publizistische Wirkung Einzelne Formulierungen, besonders die „Zange“, wurden von mehreren Medien aufgegriffen; regional und in ausführlicher Onlineberichterstattung fand die Rede deutlich Beachtung. In den bundesweiten Hauptnachrichten blieb die Rede deutlich hinter der Präsidentenwahl zurück. Ihre längerfristige publizistische Wirkung lässt sich wenige Tage nach dem Auftritt noch nicht abschließend beurteilen.
Elaboriertheit Eine klare Grundarchitektur führt vom Ereignis über Norm und Verantwortung zum zukünftigen Handeln; Wortfelder und wiederkehrende Motive verbinden die einzelnen Teile. Die thematische Breite nimmt dem Kern stellenweise Konzentration; einzelne Sprechunruhen gehören zum tatsächlich gehaltenen Vortrag.
inhaltliche Relevanz und Akzentuierung Die Rede verbindet die konkrete Präsidentenwahl mit Fragen nach parlamentarischer Verantwortung, institutioneller Macht, Minderheitenrechten und künftigem Verhalten. Wie dauerhaft diese Akzentsetzung die öffentliche Debatte prägt, ist derzeit offen.
Vortragsstil Der Videoauftritt zeigt direkte Adressierung, wechselnde Intensität, spontane Reaktionen auf Zwischenrufe und die Fähigkeit, anschließend zum eigenen Argument zurückzukehren. Die Wahrnehmung von Stimme, Mimik und persönlicher Präsenz besitzt zwangsläufig auch eine subjektive Komponente.
Beitrag zur Redekultur Die Rede bietet umfangreiches Material für die Frage, wie parlamentarischer Widerspruch argumentativ, sprachlich und institutionell formuliert werden kann. Ob daraus tatsächlich ein nachhaltiger Beitrag zur deutschen Redekultur entsteht, kann wenige Tage nach der Rede noch nicht seriös festgestellt werden.

Gerade bei zwei Kriterien ist Zurückhaltung nötig

Diese Gegenprobe gefällt mir, weil sie verhindert, dass persönliche Berührung mit fachlicher Bewertung verwechselt wird. Bei der situativen Herausforderung, der rhetorischen Architektur, der Adressatenführung und dem Vortrag liefert die Rede sehr viel Material, das sich konkret untersuchen lässt. Bei zwei anderen Kriterien müssen wir dagegen warten: bei der publizistischen Wirkung und beim Beitrag zur Redekultur.

Eine Rede, die am 6. Oktober gehalten wurde, kann am 10. Oktober noch keine langfristige Wirkungsgeschichte besitzen. Wir wissen inzwischen, dass einzelne Medien Formulierungen aufgegriffen haben. Wir wissen ebenso, dass sie in den großen bundesweiten Hauptnachrichten kein beherrschendes Thema wurde. Ob der Auftritt in einigen Monaten noch zitiert, diskutiert oder rhetorisch untersucht wird, wissen wir heute schlicht nicht.

Genau deshalb möchte ich aus dieser Analyse keine angebliche Entscheidung der Tübinger Jury ableiten. Eine offizielle Nominierung durch das Seminar für Allgemeine Rhetorik ist damit nicht behauptet. Ebenso wenig lässt sich heute seriös feststellen, welche Rede am Ende des Jahres die genannten Kriterien am überzeugendsten erfüllen wird.

Was sich dagegen begründen lässt, ist, warum dieser Auftritt überhaupt eine ernsthafte Prüfung an solchen Kriterien verdient: weil Situation, Argumentation, Sprache und Vortrag ungewöhnlich eng ineinandergreifen und weil zugleich genügend Reibung vorhanden ist, um nicht bei einem unkritischen Lob stehenzubleiben.

Und dann bin ich wieder bei diesem Augenblick vor dem Fernseher

Am Anfang stand bei mir keine Tabelle. Da war dieses Gefühl, als nach dem Wahlergebnis die parlamentarische Ordnung für einen kurzen Moment in Bewegung geriet. Dann trat eine Rednerin ans Pult. Sie widersprach, setzte Begriffe gegen Begriffe, reagierte auf Zurufe und führte ihren Gedanken weiter. Aus Betroffenheit wurde für einige Minuten konzentriertes Zuhören.

Als Rednermacherin interessiert mich genau dieser Moment. Denn gute Rhetorik zeigt sich nicht nur darin, dass ein Manuskript sprachlich makellos gebaut ist. Sie zeigt sich dort, wo ein Mensch in einer konkreten Situation erkennt – oder zumindest nutzt –, was jetzt mit Sprache noch möglich ist.

Vielleicht war es genau das, was mich in diesen Mittagsstunden so berührte. Nicht die Vorstellung, Worte könnten eine bereits gefallene Entscheidung ungeschehen machen. Das konnten sie nicht. Die Wahl war vorbei. Aber Worte konnten noch benennen, widersprechen, unterscheiden, verpflichten, Grenzen markieren und zukünftiges Handeln ankündigen.

Und da schließt sich der Kreis zum Kairos.

Der Kairos dieser Rede bestand nicht darin, dass Worte das Wahlergebnis noch verändern konnten. Ihr opportuner Augenblick lag darin, dass die Entscheidung bereits gefallen war – während ihre politische Bedeutung noch verhandelt wurde.

Vielleicht ist das überhaupt eine der wichtigsten Aufgaben politischer Rede. Sie entscheidet nicht allein über Mehrheiten. Sie entscheidet mit darüber, welche Worte eine Gesellschaft für das findet, was gerade geschieht.

Am 6. Oktober 2026 waren es nur wenige Minuten zwischen Wahl und Amtsübergabe. Für die Nachrichtensendung waren sie klein genug, um beinahe zu verschwinden. Für die Rhetorik sind sie groß genug, um sehr lange darüber nachzudenken.

      

       

    

Die wichtigsten Erkenntnisse auf einen Blick

Diese Susan-Sziborra-Seidlitz-Redeanalyse untersucht nicht nur einzelne Formulierungen, sondern das Zusammenspiel von Redesituation, Zeitpunkt, Adressaten, Argumentationsstruktur, Wortwahl und Vortrag. Für Leserinnen und Leser, die gezielt nach den zentralen Ergebnissen suchen, lassen sich die wichtigsten Befunde so zusammenfassen:

Analysefrage Zentraler Befund
Warum ist der Zeitpunkt der Rede wichtig? Susan Sziborra-Seidlitz spricht nach der Wahl Tobias Rauschs und noch vor der anschließenden Amtsübergabe. Die Entscheidung ist damit gefallen, ihre politische Deutung und das zukünftige Verhalten der Fraktionen sind jedoch weiterhin offen. Darin liegt der für diese Analyse zentrale Kairos.
Was ist das kommunikative Hauptziel? Die Rede kann das Wahlergebnis nicht mehr verändern. Sie verschiebt den Blick deshalb auf Verantwortung, zukünftige Machtübertragung und das kommende parlamentarische Handeln.
Wer sind die wichtigsten Adressaten? Die AfD ist sichtbarer Gegenstand des Widerspruchs, aber nicht durchgehend der wichtigste Persuasionsadressat. Besonders relevant sind Abgeordnete anderer Fraktionen, deren zukünftige Entscheidungen über Ämter, Mehrheiten und Machtübertragung noch offen sind.
Wie ist die Rede aufgebaut? Ihre Grundbewegung lässt sich als Ereignis → Deutung → Norm → Verantwortung → zukünftiges Handeln beschreiben. Der Schlussappell wird damit argumentativ vorbereitet.
Welche Begriffe tragen die Argumentation? Vor allem Verantwortung, Macht, Mitte, Grenze sowie die wechselnden Formen von „wir“ und „unser“. Die Rede führt damit zugleich einen Kampf um die Bedeutung politischer Schlüsselbegriffe.
Welche sprachlichen Mittel sind besonders auffällig? Antithesen, anaphorische „Wir werden“-Folgen, Aufzählungen, direkte Ansprachen, Concessio und Refutatio sowie die Metaphern „Beute“ und „Zange“. Entscheidend ist dabei nicht ihre bloße Existenz, sondern ihre Funktion innerhalb der Argumentation.
Warum ist die „Zange“ medial besonders anschlussfähig? Die Formulierung ist kurz, bildhaft und konfliktfähig. Sie funktioniert auch außerhalb der vollständigen Rede. Der Kairos lässt sich dagegen nicht in einem einzelnen Zitat erkennen, sondern muss aus dem Sitzungsablauf rekonstruiert werden.
Was zeigt die Medienberichterstattung? Regional, in Livetickern und ausführlicher Onlineberichterstattung wird die Rede deutlich wahrgenommen. In bundesweiten Hauptnachrichten steht dagegen vor allem die Wahl des Landtagspräsidenten im Mittelpunkt. Rhetorische Bedeutung und Nachrichtenwert sind deshalb nicht dasselbe.
Wo liegen rhetorische Risiken? Die starke Kampfsemantik erhöht Prägnanz und Entschlossenheit, kann zugleich aber polarisieren. Hinzu kommen einzelne Sprechunruhen und eine thematische Breite, die stellenweise Konzentration kostet.
Was ist die wichtigste übergeordnete Erkenntnis? Politische Rede ist kommunikatives Handeln in einer konkreten Lage. Zeitpunkt, Adressaten, Argumentation, Disposition, Wortwahl, Elocutio und Vortrag lassen sich deshalb nicht sinnvoll voneinander isolieren.

Kurzfassung: Die rhetorische Besonderheit dieser Rede liegt weniger in einer einzelnen spektakulären Figur als im Zusammenspiel von situativer Passung, klarer Deutung des Augenblicks, gezielter Adressatenführung, begrifflicher Arbeit und sprachlicher Verdichtung. Der Kairos erklärt dabei nicht die gesamte Rede – aber er erklärt, weshalb dieselben Worte an diesem konkreten Punkt des parlamentarischen Ablaufs eine besondere Funktion erhalten.

Begriffskasten: Die wichtigsten rhetorischen Fachbegriffe dieser Analyse

Rhetorische Fachbegriffe helfen nur dann, wenn sie etwas genauer erklären als die Alltagssprache. Für diese Analyse reichen sechs Begriffe, die immer wieder eine tragende Funktion übernehmen.

Kairos
Kairos bezeichnet den günstigen oder angemessenen Augenblick für kommunikatives Handeln. Gemeint ist nicht lediglich die Uhrzeit. Entscheidend ist die Passung zwischen Situation, Zeitpunkt, Publikum und Handlungsmöglichkeit. In dieser Analyse liegt der Kairos darin, dass die Wahl bereits entschieden ist, die neue parlamentarische Situation aber noch unmittelbar öffentlich gedeutet werden kann. Zur wissenschaftlichen Vertiefung eignen sich John E. Smiths Untersuchung zu Chronos und Kairos sowie James L. Kinneavy und Catherine R. Eskins Beitrag „Kairos in Aristotle’s Rhetoric“.
Intellectio
Intellectio bezeichnet in dem hier verwendeten Analysemodell das genaue Erfassen der rhetorischen Aufgabe, bevor Argumente ausgewählt und formuliert werden. Dazu gehören Anlass, institutionelle Lage, Sprecherrolle, Adressaten, Widerstände und die Frage, was kommunikativ überhaupt noch erreichbar ist. Für Sziborra-Seidlitz ist entscheidend: Die Wahl kann nicht mehr verhindert werden. Beeinflussbar sind dagegen ihre Deutung und zukünftige Entscheidungen.
Dispositio
Dispositio ist die rhetorisch zweckmäßige Anordnung des Stoffes. Es geht nicht lediglich um eine übersichtliche Gliederung, sondern darum, welcher Gedanke wann erscheinen muss, damit der folgende vorbereitet wird. In der untersuchten Rede führt der Weg vom Ereignis über Norm und Verantwortung zum zukünftigen Handeln.
Elocutio
Elocutio bezeichnet die sprachliche Ausgestaltung einer Rede. Dazu gehören Wortwahl, Satzbau, Rhythmus, Metaphern und rhetorische Figuren. Für eine funktionale Analyse genügt es nicht, beispielsweise eine Antithese oder Anapher zu benennen. Gefragt werden muss, welche argumentative oder persuasive Aufgabe sie übernimmt.
Concessio
Concessio bedeutet, einer gegnerischen oder allgemein anerkannten Prämisse zunächst ausdrücklich zuzustimmen. Dadurch kann anschließend genauer markiert werden, an welcher Stelle der eigentliche Widerspruch beginnt. In Sziborra-Seidlitz' Rede geschieht das, wenn das Wahlergebnis ausdrücklich anerkannt wird, bevor sie die von ihr zurückgewiesenen politischen Folgerungen daraus behandelt.
Refutatio
Refutatio bezeichnet die Widerlegung oder Zurückweisung eines Gegenarguments beziehungsweise einer aus einer Prämisse gezogenen Schlussfolgerung. Concessio und Refutatio können eng zusammenarbeiten: Erst wird ein unstrittiger Ausgangspunkt anerkannt, anschließend wird bestritten, dass daraus die behauptete politische Konsequenz folgen müsse.

Wichtig für die Lektüre: Diese Begriffe sind Analyseinstrumente. Sie behaupten nicht, dass Susan Sziborra-Seidlitz ihren Auftritt bewusst mit den theoretischen Bezeichnungen „Kairos“, „Concessio“ oder „Refutatio“ geplant hat. Sie helfen uns, beobachtbare Strukturen der Rede genauer zu beschreiben.

Quellen und weiterführende Lektüre

Die Analyse stützt sich auf Primärquellen zum parlamentarischen Ereignis, wissenschaftliche Literatur zur Rhetorik und zum Kairos sowie zeitnahe Medienberichte. Bei wörtlichen Zitaten hat das offizielle Transkript des Landtags Vorrang vor journalistischen Zusammenfassungen.

Primärquellen zur Rede und zur konstituierenden Sitzung

Rhetoriktheorie und Kairos

„Rede des Jahres“ und Redekultur

  • Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen: „Rede des Jahres“
    Das Seminar erläutert dort die Auszeichnung und ihre Bewertungskriterien, darunter situative Herausforderung, publizistische Wirkung, Elaboriertheit, inhaltliche Relevanz, Vortragsstil und Beitrag zur Redekultur. Diese Kriterien dienen im Schluss dieses Artikels als fachlicher Prüfrahmen für meinen persönlichen Vorschlag.

Zeitnahe Medienberichterstattung zur Rede und zum Sitzungstag

Quellenstand: 10. Oktober 2026. Weil die Rede erst wenige Tage zurückliegt, kann sich insbesondere die Medienresonanz noch verändern. Aussagen über eine langfristige publizistische Wirkung oder einen dauerhaften Beitrag zur Redekultur wären zu diesem Zeitpunkt verfrüht.

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Rednermacherin - Judith Torma


Judith Torma blogt seit 2007 hier auf dem Rhetorikblog. Als Tübinger Rhetorikerin unterrichtet sie seit 2003 Jahren Führungskräfte in mittelständischen Unternehmen. Hier auf dem Blog verschenkt Sie Rhetoriktipps und freut sich über den Dialog mit Ihren Lesern & Hörern.

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